Die Siebzigerjahre: Ein Jahrzehnt verändert die Schweiz

Körperkult und Kambodscha-Flüchtlinge, AKW-Protest und Frauenstimmrecht: Der Fotograf Emanuel Ammon hat die besten Bilder aus seinem Archiv geholt und lässt ein Schweizer Jahrzehnt aus Aufbruch und Freiheit Revue passieren.

  • Punk, Luzern, 1977
  • Demonstration, Luzern, 1978
  • Amts- und Wyberschiesset, Entlebuch, 1979
  • Ohne Benzin, zwischen Luzern und Ennethorw, 1979
  • Spaziergang mit Eisbär, Rothenburg, 1976
  • Emanuel Ammon, Bildjournalist und freier Fotograf. Gründer der «AURA Fotoagentur» und AURA Fotobuchverlag.
  • Kambodschanische Flüchtlingsfrau, Flughafen Zürich, 1979
  • Manöver Felddivision 8, Brugg AG, 1979
  • Modeschau, Luzern, 1979
  • Shoppingcenter, Emmen, 1977
  • Töfflibuben, Luzern, Mitte der Siebzigerjahre

Die Siebzigerjahre? Das waren Schlaghosen und die schwedische Pop-Gruppe Abba. Orange-grüne Tapeten, die schöne neue Welt der Shoppingcenter und die Erdölkrise. Trotzdem fuhr man mit dem ersten Auto, das man sich leisten konnte, nach Rimini in die Ferien. Und zwar über den Gotthard, nicht durch ihn hindurch: Der Strassentunnel befand sich erst in Bau.

Die Siebzigerjahre? Das war das Jahrzehnt, zu dessen Beginn John Lennon seine Hymne «Imagine» veröffentlichte: «Stell dir vor, es gibt keine Länder … Nichts, wofür man töten oder sterben würde. Und auch keine Religionen. Stell dir vor, alle Menschen leben in Frieden …» Es war das Jahrzehnt, in dem die deutsche Terroristengruppe RAF im Kampf gegen den Staat Banken überfiel und Menschen mordete.

Die Siebzigerjahre? Das war das Jahrzehnt, in dem die Männer in der Schweiz den Frauen endlich das Stimmrecht gaben. In dem die Umweltschutzorganisation Greenpeace gegründet wurde und immer mehr Menschen realisierten, dass der allgemeine Wohlstand seinen Preis hat. Es war das Jahrzehnt, in dem Zehntausende von Menschen im aargauischen Kaiseraugst den Bau des Atomkraftwerks verhinderten.

Die Siebzigerjahre? Das war für den Fotografen Emanuel Ammon eine «tolle Zeit», in der er seine Kreativität ungebremst ausleben konnte. Kaum die Kunstgewerbeschule abgeschlossen, arbeitete er für das damalige «Luzerner Tagblatt». Jeden Tag hielt er Unfälle, Modeschauen, Konzerte, Sportanlässe, Militärmanöver und immer wieder Alltagsepisoden fest, die er auf seinen Fahrten kreuz und quer durch die Schweiz erlebte.

3000 Fotos aus jener Zeit hat er elektronisch archiviert – und nun aus diesem Fundus einen Bildband mit 228 Schwarzweissaufnahmen gemacht. Die erste gebundene Ausgabe seines Werks in den Händen, hält der heute 60-Jährige Rückschau: «Die Siebzigerjahre waren eine Zeit der Freiheit. Man fasste den Auftrag, ein Pfadilager zu fotografieren. Man fuhr hin – und war drei Tage unerreichbar. Heute ist das schlicht unvorstellbar.»

Die Fotos wecken Erinnerungen und fördern Überraschendes zutage: Skateboarden kam bereits in den Siebzigerjahren auf, wer hätte das gedacht? In den Siebzigerjahren konnte eine Frau mit ihrem Zirkus-Eisbären spazieren gehen, ohne gleich verhaftet zu werden. Ist es tatsächlich schon über 30 Jahre her, dass Herbert von Karajan das Geigenwunderkind Anne-Sophie Mutter an den Luzerner Festwochen der Öffentlichkeit vorstellte? Und die Schweiz erstmals Flüchtlinge aus Kambodscha aufnahm?

Seite um Seite seines Buches schlägt Ammon um, staunt, welch abenteuerliches Sammelsurium von Leben er festgehalten hat, und sagt dazu: «Ich machte einfach meine Arbeit. Keine Sekunde dachte ich daran, dass meine Fotos von historischem Wert sein könnten.»

BUCH UND AUSSTELLUNG
Der Band «70er Emanuel Ammon», 86 Fr., erscheint im Aura Buchverlag.

Vernissage am Montag, 26. Sept, in der Schweizer Journalistenschule MAZ, Luzern, wo auch die Fotoausstellung zu sehen ist.

www.aurabook.ch

Fotoband hier erhältlich

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