Anna seufzt. Betten sind einfach immer zu klein. Seit sie denken kann, passen gerade einmal sie und eine kleine Auswahl ihrer Nuschis und Stoffbären neben sie auf die Matratze. Manchmal ist es so voll bei ihr, dass sie jedem Teddy einzeln «Entschuldigung» sagen muss, wenn sie sich umdreht und ihnen aus Versehen die Schnauze mit der Schulter abklemmt. Das tut sicher weh. Und dabei sorgt sie schon jeden Abend dafür, dass Papa das Gute-Nacht-Buch nach dem Vorlesen wieder neben ihr Bett legt. Aber es hilft nichts, nicht einmal dann ist genügend Platz. Und deshalb kann Anna seit Wochen nur schlecht einschlafen. Aber das soll sich jetzt ändern.
Anna steht mit Hammer, Nägeln, Säge und sehr, sehr, sehr viel Holz vor ihrem Kinderbett. Einen Plan hat sie sich auch zurechtgelegt. Aus dem Internet. Der zeigt, wie man Betten aufstockt. Und damit wird sie jetzt eine Etage unter ihr Kuschelbett bauen. Sie plant eine Höhle, in der sie alle ihre Lieben und sogar noch die Leihteddys von Jana, unterbringen kann. Dann hat sie alle nahe bei sich und im Stock darüber mehr Platz zum Schlafen. Wie gut, dass Papa und Mama heute Nachmittag im Garten sind. Bei den Obstbäumen, ganz weit hinten, da, wo das Hämmern in ihrem Zimmer ganz sicher nicht zu hören sein wird. Auf Papas Frage, wozu sie denn das ganze Holz brauche, murmelte sie nur: «Nur zum Spielen». Papa hat zwar erstaunt dreingeschaut und noch etwas wie «ja, aber dazu muss man doch nicht einen ganzen Bergwald in sein Zimmer schaffen» gewitzelt, doch dann hat er abgewunken und ist mit der Schaufel im Garten verschwunden.
Anna freut sich, dass sie so viel Holz im Keller gefunden hat. Jetzt kann es also losgehen! Zuerst einmal baut sie ihr bisheriges Bett auseinander. Das ist nicht einfach. Aber nach einer Stunde liegen die Einzelteile schön aufgeschichtet neben ihr. So. Und dann beginnt sie zu hämmern und zu machen und zu tun. Weitere Stunde später räumt sie ganz unten am Stockbett stolz ihre Bücher in ein kleines Regal, das sie ebenfalls im Keller gefunden hat. So kommen die Nuschis und Teddys in das Zwischengeschoss, das von nun an direkt unter die Matratze eingebaut ist, und schliesslich steigt sie zufrieden die kleine Holzleiter zum eigentlichen Bett hoch, das neuerdings auf halber Zimmerhöhe und auf vier massiven Stützen gelagert ist. Anna freut sich. Das war ja einfach.
Aber, so schiesst es ihr plötzlich in den Kopf, was ist, wenn sie ein Glas Wasser ins Bett nehmen will? Für diesen Fall hat sie gar kein Zwischengeschoss vorgesehen. Und wegen ein bisschen Durst will sie nachts ja nicht bis ganz nach unten klettern. Also macht sie sich wieder an die Arbeit. Eine halbe Stunde später prangt ein kleines Übergeschoss über ihrem Bett, welches die passende Fläche für ein Glas Wasser und für Schokolade hat, falls es ihr gelingt, diese am Abend mal ins Zimmer zu schmuggeln. Und von diesem Übergeschoss kann man auch noch eine Lampe herabstrahlen lassen. Wie schön.
Aber Anna seufzt noch einmal. Sie hat die Matratze für Jana vergessen, die bestimmt bald wieder einmal bei ihr übernachten will. Und sie kann ihre beste Freundin ja wohl kaum am Boden schlafen lassen. Es muss also noch einmal ein Stockwerk über der Wasserschokoladenlampenebene gebaut werden. Kein Problem, denkt Anna, Holz ist ja genug da. Jana braucht allerdings ein wenig mehr Platz, denn ihre Matratze würde jetzt schon fast oben an der Decke kleben. Und wer schläft schon gerne mit der Nase an der Decke? An der Zimmerdecke natürlich, nicht an der Bettdecke. Nein, das würden nicht einmal Annas Puppen akzeptieren. Und Jana schon gar nicht.
Anna denkt kurz nach und schaut in Papas Werkzeugkasten nach. Dann kommt sie mit einem Hammer und einem Meissel zurück. Ein sehr lautes Hämmern erschüttert nun das Haus, und Omi im ersten Stock lässt erschrocken ihre Teetasse fallen, als sich eine Metallspitze neben ihren Füssen aus dem Boden herausbohrt und kurz darauf Anna mit gelbem Helm und einer Lampe durch das Loch guckt.
«Hallo, Omi».
«Äh, ja, hallo, was machst du denn da, bitteschön?»
«Spielen.»
«Weiss das Papa?»
«Ja, klar … Ach, dir macht es doch nichts aus, wenn ich in deinem Wohnzimmer etwas baue, oder?»
Nein, das macht Oma so gesehen gar nichts aus. Anna spielt immer so schön, also ist Omi gespannt, was sie sich denn diesmal wieder ausgedacht hat. Und so sieht sie interessiert zu, wie ihre Enkelin etwas umständlich, aber sehr zielstrebig zwei Flächen jeweils mit Stützen aufeinander baut. Es sieht aus wie ein Turm, der von Annas Zimmer in Omis Teezimmer ragt. Aber als Anna bei ihr klingelt und zwei Matratzen hereinschleift, wird Omi klar: Das ist ein sehr, sehr hohes Stockbett. Eigentlich mehrere mehrere Stockbetten.
Für wen all die Stockbetten denn seien, will sie deshalb von Anna wissen. Und die meint, nachdem sie die Matratzen auf die Holzflächen abgelegt hat: «Für Jana und für Mami. Falls Papi mal wieder schnarcht, kann sie ganz oben bei dir in diesem Zimmer schlafen. Und wenn sie ein Glas Wasser will, dann kann sie nachts Jana wecken, und die wird unter ihrem Bett eines finden. Toll, oder?»
Ja, das findet Omi ganz toll. Irgendwie. Nun muss sie aber den Kanarienvogel Fiebi putzen, der eingeschüchtert und staubig im Käfig sitzt. So ein Deckendurchbruch macht schon einmal ein bisschen Schmutz.
Anna lässt sich von Omi eine heisse Schokolade bringen, und gemeinsam denken sie über weitere Stockwerke für das Bett nach. Man könnte ja auch eines ganz oben auf dem Dach bauen. Für den Sommer und eine Nacht, in der man draussen schlafen kann. Morgen vielleicht, wenn Papa und Mama erst einmal das heutige Werk bewundert haben. Anna freut sich auf ihre überraschten Gesichter.
Bett, Stockbett, Hochbett – die Gute-Nacht-Geschichte
Das Bettmümpfeli über ein kleines Mädchen mit hochfliegenden Ideen.


























