Das Bettmümpfeli – Zwei Grashalme im Wind

Die Gute-Nacht-Geschichte über einen kurzen und einen langen Grashalm, die sich nicht gleich gerne von den Menschen zurechtstutzen lassen.

  • Ist das Gras nicht schön, wenn es so lang ist?

«Hörst du den Wind, wie er weht? Ich bin sicher, es fängt schon bald an zu regnen!», sagt  der Grashalm zum Anderen. «Zum Glück! Ich hab solchen Durst!», sagt der Andere und im gleichen Moment fegt ein grosser Windstoss über die Wiese.

Die beiden Grashalme sind zusammen aufgewachsen. Sie haben schon einige Rasenmäher Schulter an Schulter überstanden, und nach einer grossen Durststrecke freuen sie sich nun auf ein paar Regentropfen. Auch die Ameisen können das Wasser kaum erwarten und kribbeln nervös umher.

«Hast du dich schon einmal gefragt, warum wir nur mit Wasser wachsen können?», fragt der kürzere Grashalm. «Keine Ahnung», sagt der längere, der mit seiner gelben Spitze alle anderen überragt. «Eigentlich mag ich die Sonne. Wenn sie nur nicht so brennen würde», sagt der Kurze. «Du machst dir viel zu viele Gedanken», entgegnet der Lange und blickt über die Wiese. «Dein Glück, dass du nicht siehst, was sich hier auf meiner Höhe abspielt. Dann würdest du dir sicher gleich noch mehr Gedanken machen.» «Was spielt sich denn dort oben ab?», fragt der Kurze neugierig.

«Wie gesagt: Es ist besser, wenn du es nicht weisst», sagt der Lange. Da schnaubt der Kurze verärgert: «Jetzt mache ich mir natürlich noch viel mehr Gedanken! Nur weil ich kurz bin, habe ich nicht das Recht, zu wissen, was dort oben abläuft, oder wie?»

Ein weiterer starker Windstoss erfasst die Wiese. Dieses Mal ist er so heftig, dass der längere Grashalm mit seiner gelben Spitze wie eine Fahne im Wind hin und her schwankt. Der Himmel ist dunkel geworden, und dicke Tropfen fallen jetzt vom Himmel.

«Judihudihui!», jauchzt der Kurze. «Hurra!», freut sich der Lange. Vor Freude legen die Ameisen eine Pause ein, und die Wiese scheint im Chor zu jubeln. Die schlechten Gedanken sind wie weggeschwemmt, die Grashalme liegen sich in den Armen.

Nach dem grossen Regen folgt jedoch wie immer die Sonne, und die Gedanken fangen wieder an zu kreisen. «Warum werden wir eigentlich gestutzt?», fragt der Kurze seinen langen Nachbarn. «Weil die Menschen in ihrem Garten das Gras gerne kurz halten», antwortet der. «Müssen wir denn immer tun, was die Menschen wollen?», fragt der Kurze weiter. «Uns bleibt keine andere Wahl. Sie sind viel grösser und stärker als wir», erklärt der Lange. «Und wenn wir ihnen sagen, dass wir nicht gerne zurechtgestutzt werden?», schlägt der Kurze vor.

Der Lange fängt laut an zu lachen, sodass sich die anderen Grashalme umdrehen. «Habt ihr das gehört?», fragt er in die Runde. «Der Kurze hier will mit den Menschen sprechen und ihnen sagen, dass wir nicht gerne zurechtgestutzt werden!»

Die umliegenden Grashalme schütteln den Kopf, krümmen sich vor Lachen und zeigen mit dem Finger auf den Kurzen. Der beugt sich vor Scham tief hinunter. Er versteht nicht, warum die anderen lachen. Schliesslich hat ja noch niemand mit den Menschen gesprochen und ihnen gesagt, dass Gras lieber wild wächst, denkt er für sich.

Von diesem Tag an steht der Kurze stramm und still neben dem Langen. Fragen hat es immer noch, doch die Angst, von den anderen ausgelacht zu werden, ist zu gross. Er ist verstummt.


Eines Tages, als die Sonne hoch oben steht und der Himmel blau ist, geht ein Raunen durch die Grashalmreihen. Kleine Menschen würden auf der Wiese ihr Unwesen treiben, so heisst es. Während die Grashalme nervös miteinander diskutieren und die Menschen beschimpfen, nimmt der Kurze seinen ganzen Mut zusammen und schreit lauthals: «Es lebe der Wildwuchs!» Alle drehen sich um. Nicht nur die Grashalme. Auch die Menschen auf der Wiese horchen auf.

Menschenschritte nähern sich. Die Erde bebt. Grashalm drückt sich an Grashalm. Die Ameisen kribbeln nervös umher. Das Geräusch von frisch plattgedrücktem Gras macht sich breit. Stille. «Ist das Gras nicht viel schöner, wenn es so lang und wild ist?», lässt sich eine Menschenstimme hören. «Doch!», sagt eine andere. Und ein Windstoss fegt über die Wiese.

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