Franz und Florian spielen mit dem Feuer

Das zweite Bettmümpfeli aus der Feder von Lovey Wymann handelt von den gelangweilten Jungs Franz und Florian. Als eines Tages ein Feuerwehrauto im Quartier auftaucht, schöpfen sie Hoffnung. Die beiden haben zum Spass die 118 angerufen. Natürlich fliegen sie auf und müssen ihre Lektion daraus lernen.

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Es war nicht einmal das grosse Feuerwehrauto, das vorfuhr. Eher eine Art Bus, ohne Sirene. Erbärmlich! Franz und Florian schauten zu, wie ein Mann ausstieg, zum Nachbarhaus ging und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis die Frau Scheidegger an der Tür war – sie war eben erst von ihren Einkäufen zurückgekehrt. Die Jungs beobachteten, wie der Mann etwas sagte, wie Frau Scheidegger gestikulierte und mit ihrem Stock rumfuchtelte. Doch dann war der Spuk auch schon vorbei: Der Mann ging zum Auto zurück und blieb eine Weile sitzen, bevor er wegfuhr – es schien, als ob er telefoniere, aber sicher waren sie nicht. Florian seufzte: «In diesem Kaff ist einfach nichts los.» Franz stimmte ihm zu. «Was machen wir jetzt?», fragte er dann. Flo zuckte missmutig die Achseln. «Weiss ich doch nicht …»

Als Flos Mutter von der Arbeit zurückkam, sassen die Jungs vor der Playstation. «Aufgaben erledigt?» «Klar», trompetete Florian. Franz, der weniger gut lügen konnte, blickte angestrengt auf die Konsole. «Etwas Spezielles vorgefallen?» «Nein, Frau Moser», sagte Franz. «Hier passiert ja nie was!», nörgelte Florian.

Am nächsten Tag, als Florian von der Schule kam, war zu Hause dicke Luft. «Ist was?», erkundigte er sich vorsichtig. «Nein!», blaffte seine Mutter mit einer Stimme, die genau das Gegenteil besagte. Und als der Vater nach Hause kam, verschwand sie mit ihm auf dem Balkon. Die hatten doch nicht etwa rausgefunden …? «Setz dich!», sagte der Vater, als er mit der Mutter wieder in die Stube trat, «wir wollen essen.» Flo gehorchte sofort. Offenbar ging es ausnahmsweise nicht um ihn. Alle drei assen schweigend. «Am Samstag kommst du mit mir. Um eins. Zieh ein paar alte Jeans und gute Schuhe an», sagte der Vater, bevor er aufstand. «Wo – wo – gehen wir hin?», stotterte Flo, aber sein Vater ging an ihm vorbei, setzte sich aufs Sofa und begann demonstrativ die Zeitung zu lesen. Mutter ging abwaschen – und Flo musste nicht einmal helfen. Etwas stimmte nicht. Ganz und gar nicht!

Der Samstag kam, und Flo hätte sich gerne verdrückt – aber sein Vater hatte ihn extra ermahnt: «Ein Uhr. Jeans. Gute Schuhe. Keine Diskussion.» Natürlich nicht: Die sprachen ja kein Wort mehr mit ihm. Ausser: «Zeit zum Aufstehen.»; «Mach die Aufgaben.»; «Wasch dir die Hände.» Punkt Viertel vor eins war er fertig.  Der Vater zerrte ihn zum Auto. Schweigend fuhren sie in die Stadt – und hielten vor der Brandwache. Florian roch Ärger, richtigen Ärger.

Doch der Mann, der sie abholte, war freundlich. Er führte sie zu Franz und dessen Vater. Die Jungs warfen sich verblüffte Blicke zu, konnten sich aber nicht absprechen. Dann gabs die grosse Führung: Sie sahen jede Menge Feuerwehrautos – vom kleinsten für die Feuerwache bis hin zum grossen mit der riesigen Drehleiter. An Haken hingen Ausrüstungen, die sie kaum zu heben vermochten. Der Hauptmann erklärte ihnen, dass ein Feuerwehrmann damit noch rennen können müsse, um Menschen in Not zu retten.

Plötzlich plärrte eine Sirene. Männer rutschten auf einer Stange vom Aufenthaltsraum herunter und verteilten sich wieselflink auf die Fahrzeuge. Die Jungs schauten atemlos zu. Unvermutet senkte sich eine schwere Hand auf Florians Schulter, eine andere drehte seinen Kopf, sodass er den Hauptmann ansehen musste. «Da brennt ein Haus, vier Stockwerke. Zwei Kinder, ein Baby und eine Frau sind eingeschlossen. Und jetzt stell dir vor, die Drehleiter stünde völlig unnütz bei Frau Scheidegger, weil du und Franz aus lauter Langeweile die 118 angerufen habt.»

Flo versuchte, den Kopf zu drehen, aber der Hauptmann hielt ihn fest. «So weit habt ihr nicht gedacht, stimmts? Ihr wolltet einfach nur Spass haben, Action. Aber versteht ihr jetzt, wie dumm das ist?» Er liess den Jungen los. Franz und Florian sahen einander betreten an. «Das – das – wollten wir nicht. Ehrlich!» 

Flo hob seinen Kopf: «Wieso wissen Sie überhaupt, das wir …?» Der Hauptmann erklärte es ihm: «Wir sehen die Nummer, wenn jemand anruft. Und ihr habt ja schon zweimal angerufen. Damals habt ihr nur gesagt, es brenne – und wieder aufgehängt. Doch diesmal hiess es, die Küche von Frau Scheidegger brenne … Das konnten wir nicht ignorieren. Als wir sie telefonisch nicht erreichen konnten, haben wir jemanden hingeschickt. Aber das wisst ihr ja – ihr habt ja zugeschaut.» Betroffen senkten sich die zwei Köpfe.

«So, und jetzt zur Strafe», sagte der Hauptmann. Auf sein Zeichen drehten sich die beiden Väter um und drückten Franz und Florian je einen Besen in die Hand. «Aufwischen! Die ganze Halle!» Er schob Franz nach links, Flo nach rechts, und die beiden verschwanden, ohne zu murren.

Zu den Vätern sagte der Hauptmann: «Keine Angst! Die zwei haben ihre Lektion gelernt. Die spielen nie mehr mit dem Feuer!» «Oder mit der Feuerwehr», ergänzte Florians Vater.

 

Porträt Lovey Wymann
Lovey Wymann ist Inhaberin von Lovey Wymanns Schreib-Lounge und arbeitet hauptberuflich als Werbetexterin / Konzepterin. Ihr Buch "Samhain – das Fest, das nicht stattfand" erschien 2007 in der Edition Octopus. Sie lebt zusammen mit 2 Katzen in einem Loftschloss in Niederglatt/Zürich.

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