Mami und Papi wollten ausgehen – das erste Mal seit langer Zeit. Sie hatten alles gut geplant: Mami hatte extra Griesspudding gekocht, mit viel Himbeersosse. Und während Reto, Susi und Irène assen, machte Mami sich hübsch. Reto, der grosse Bruder, beaufsichtigte seine Geschwister. Mami steckte den Kopf aus der Badezimmertür: «Kommt ihr zu recht, da draussen?» «Klar doch!», bestätigte Reto und wischte schnell noch ein paar Sossenspuren von Schnüffs Gesicht. Na ja: eigentlich hiess die Kleine ja Irène, aber weil sie ständig schniefte, hatte Papa ihr diesen Übernahmen verpasst. «Ich will aber nicht, dass Mami weggeht», schniefte sie auch jetzt. Doch das konnte Mami nicht hören, sie war gerade unter der Dusche.
Als Mami– wunderschön frisiert, hübsch geschminkt und in einem ihrer schönsten Kleider – wieder auftauchte, hatten die Geschwister schon zu Ende gegessen, Reto hatte Teller und Löffel in den Geschirrspüler gesteckt und sogar den Tisch abgewischt. Die beiden Mädchen sassen vor dem Fernseher und schauten sich das Sandmännchen an.
«Jetzt aber husch husch Zähneputzen und ins Bett, damit ich euch noch einen Gutenachtkuss geben kann, bevor Papi mich abholt», sagte Mami, kaum war die Sandmännchengeschichte zu Ende. Susi trabte folgsam los, aber Irène schmiegte sich ängstlich an die Mutter. «Musst du wirklich gehen? Kannst du nicht einfach hier bleiben?» Reto, ganz der grosse Bruder, zog sie von Mami weg. «Nun hab dich nicht so! Bist ja kein Baby mehr! Ist ja nur für ein paar Stunden … Und die verschläfst du ja sowieso. Und wenn du morgen aufstehst, ist Mami wieder da!» «Genau!», zwitscherte Mami fröhlich. «Du wirst gar nicht merken, dass ich weg bin!»
Irène war nicht überzeugt, ging aber trotzdem Zähne putzen. Und schlüpfte dann, mehr oder weniger folgsam, unter die Bettdecke. Mami beugte sich über sie, um ihr den versprochenen Gutenachtkuss zu geben. «Versprich mir, dass du nicht mehr aufstehst, auch wenn ich weg bin; dass du im Bett bleibst und deinem Bruder keinen Ärger machst. Sonst bin ich sehr, sehr traurig!» Ganz ernst sah sie Irène dabei an. «Versprochen?» – «Versprochen!», piepste Irène. Die Mutter verliess das Schlafzimmer, und kurz danach konnte Irène hören, wie Papa mit dem Auto vorfuhr und die Mutter abholte. Jetzt war sie allein …
Na ja, natürlich nicht ganz: In ihrem Zimmer schlief ja noch Susi, und ihr Bruder war gleich nebenan. Trotzdem war Schnüff nicht wohl bei der Sache … Sie drehte sich von der einen auf die andere Seite, drückte erst das eine, dann das andere ihrer Plüschtiere an sich. Zwischendurch mochte sie sogar etwas eingenickt sein, aber plötzlich merkte sie, dass sie ein Problem hatte. Nicht nur, dass sie ihre Mutter vermisste – sie hatte ein richtiges Problem: Sie musste mal! Aber das ging ja heute nicht. Tapfer klemmte sie die Beine zusammen, versuchte, ob es besser würde, wenn sie sich auf den Bauch legte, aber es wurde immer schlimmer. «Susi!», rief sie nach ihrer Schwester, aber die schlief tief und fest. Ob sie nach Reto rufen sollte? Aber der würde sicher nur schimpfen. Also riss sie sich zusammen – bis es nicht mehr ging: Schnüff, die eigentlich kein Baby mehr war, machte ins Bett. Und begann zu weinen …
Dies hörte Reto, und er kam ins Mädchenzimmer. «Nun stell dich nicht so an», blaffte er, «Mami ist ja schon bald wieder da. Leg dich hin, und schlaf weiter.» Er drehte sich um und wollte zurück in sein Zimmer, da schniefte Schnüff: «Geht nicht! Alles nass!» Mit drei Schritten war Reto beim Bett, riss die Bettdecke zurück und schaute ungläubig auf das Häufchen Elend, das seine Schwester war – und auf den grossen Fleck, der sich unter ihr ausbreitete.
«Das darf doch nicht wahr sein!» Verärgert hob er seine Schwester vom Bett, zerrte deren nasse Pyjamahosen herunter und warf ihr neue zu. Dann zog er das nasse Leintuch vom Bett ab und wollte ein frisches anziehen, aber da war auch ein grosser, nasser Fleck auf der Matratze …
Als Mami und Papi nach Hause kamen, fanden sie ihren Grossen über Schnüffs Bett gebeugt, wo er mit dem Haarfön versuchte, einen Fleck zu trocknen. Schnüff stand in der Zimmerecke und zwirbelte nervös an ihrem Pyjamaoberteil, und Susi schimpfte, dass sie nicht schlafen könne bei dem Lärm. Mami und Papi sahen sich entsetzt an. Es dauerte eine Weile, bis sie kapierten, was sie da sahen.
«Warum bist du nicht einfach aufs Klo gegangen?», fragte die Mutter. «Damit du nicht traurig wirst!» Reto und der Vater schauten sich verständnislos an, als die Mutter Schnüff liebevoll an sich drückte und leise lachte. «Das blöde Versprechen! Das nächste Mal muss ich mich wohl genauer ausdrücken!»
Lovey Wymann ist Inhaberin von Lovey Wymanns Schreib-Lounge und arbeitet hauptberuflich als Werbetexterin / Konzepterin. Ihr Buch «Samhain – das Fest, das nicht stattfand» erschien 2007 in der Edition Octopus. Sie lebt zusammen mit einer Katze in ihrem Loftschloss in Niederglatt/Zürich.
Kasia Jackowska ist Architektin und Illustratorin und lebt in Zürich.
Die Gute-Nacht-Geschichte über ein verhängnisvolles Versprechen
Das Bettmümpfeli über Schnüff, die ihre Mutter nur ungern weggehen lässt. Doch was Schnüff verspricht, das hält sie auch.


























