David hält ein kleines Stück Holz in den Händen. Es hat die Form eines Kopfes. David hat dieses komische Ding in einer unscheinbaren Luke des Piratenschiffs gefunden, das Papa ihm zu Weihnachten geschenkt hat. Es war Papas Lieblingsspielzeug gewesen, als er selbst noch ein Junge war. Der Holzkopf ist ganz abgegriffen. Aber die Augen über den Wangen glühen, als wären sie lebendig: zwei winzige, leuchtend grüne Steinchen, die David direkt anzusehen scheinen. Wer hat diesen Kopf wohl schon alles in den Händen gehalten? David dreht ihn nachdenklich in seiner Hand und schaut ihm in die blitzenden Augen ...
Da zupft jemand David am Ärmel. David dreht den Kopf – und blickt sich selbst in die Augen. Aber das ist kein Spiegelbild, sondern vor ihm steht ein Junge, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Nur dass der Junge die Haare kurz geschoren trägt und anstatt Jeans dicke graue Hosen anhat.
«Wer bist Du?», fragt David verdattert.
«Ich heisse Robert», antwortet der Junge und mustert David erstaunt. «Was machst Du in meinem Zimmer?»
David schaut sich um. Er kniet vor seinem Piratenschiff, aber das ist das Einzige, das ihm in diesem Raum bekannt vorkommt. Er befindet sich wohl in einem Kinderzimmer, man erkennt es am altmodischen Rennauto und an der Kugelbahn. David steht auf.
In diesem Augenblick fegt ein Knäuel zur Tür herein; zwei Jungen, die miteinander rangeln.
«Lorenz, Peter – schaut doch her!», ruft Robert den beiden Streithähnen zu. «Da ist so ein merkwürdiger Kerl in unserem Zimmer!»
David wird es ganz bange, als ihn nun alle drei Jungen von Kopf bis Fuss mustern.
Da schnauzt einer der beiden Streithähne David barsch an: «He Du, pass auf, dass Du nicht auf das Piratenschiff stehst!» Und dann sagt er zu Robert: «Hui, Robert, ich wusste gar nicht, dass Du einen Zwillingsbruder hast. Allerdings ist er etwas komisch angezogen, und Haare hat der – wie ein Mädchen!»
Während der Junge spricht, mit diesem leicht gelispelten «s», kommt er David seltsam vertraut vor. Lorenz hat ihn dieser Robert genannt … – Jetzt geht David ein Licht auf, und sein Herz steht ein paar Augenblicke still. Dann ist das hier Onkel Lorenz, heiliger Bimbam! Und der andere müsste ja dann Onkel Peter sein, und … Und logischerweise müsste dann dieser Robert hier Davids Vater sein … Davids Herz hämmert bis zum Hals.
«Was hältst Du da in den Händen?», fragt Robert. David dreht den kleinen Holzkopf hektisch zwischen seinen Fingern. Er hat ihn ganz vergessen.
«Oh, das hab ich von daheim mitgenommen», antwortet David.
«Darf ich mal sehen?», fragt Robert. Er klingt aufgeregt. David verbirgt den Holzkopf ängstlich in seiner Faust. Robert sagt: «Das ist doch Cook, oder? Der Kopf von meinem Kapitän Cook – wo hast Du ihn her?»
David schliesst die Faust noch fester um den Holzkopf: «Sagte ich doch schon: Ich habe ihn von zu Hause mitgenommen. Er war in meinem Piratenschiff.»
Robert ruft völlig ausser sich: «Das ist der Kopf von Kapitän Cook, er gehört mir, ich habe ihn vor einer Woche verloren! Genau an Weihnachten! Damit Du mir glaubst: Er hat ein Riss am rechten Ohr, los, schau nach!»
Peter mischt sich ein: «Robert hat recht, der hat einen Riss. Den hab ich nämlich mit meinem Fingernagel gemacht, aus Versehen. Gib ihn zurück, aber dalli!»
David öffnet die Faust und schaut sich den Kopf genau an – ja, tatsächlich: Da ist ein Riss am rechten Ohr.
«Bitte gib mir meinen Cook zurück. Mein Vater hat ihn mir geschenkt. Er bringt mir Glück. Er hilft mir, wenn ich traurig bin. Und er hat mir sogar das Leben gerettet!»
«Wie denn?», fragt David und ist ganz Ohr.
«Eine Woche vor Weihnachten bin ich in eine Lawine geraten, oben am Jäggishorn. Meine Brüder haben mich zum Glück gefunden, weil genau über der Stelle, wo ich vergraben war, auf der Schneeoberfläche dieser Kopf lag. Cook hat ihnen gezeigt, wo sie buddeln müssen.»
Davids Herz hämmert wie verrückt, als er das Holzstück in die Hand seines Vaters legt. Dabei kann er nicht anders, als in die grünen Augen von Kapitän Cook zu schauen …
Da spürt er Vaters Hand auf seiner Schulter. «David», sagt der mit aufgeregter Stimme, «was ist los mit Dir? Schläfst am heiterhellen Tag! Sag mal, wo hast Du denn Kapitän Cook her?»
David schlägt die Augen auf. Sein Vater steht in Jogginghosen vor ihm und starrt auf den Holzkopf, den er in der Hand hält.
«Der lag in einer geheimen Luke in Deinem alten Piratenschiff», erklärt David. «Papa, ich hatte einen Traum, ich war gerade …»
«Wahnsinn!», unterbricht ihn sein Vater. «Waaahnsinn! – Diesen Holzkopf vermisse ich schon seit Jahren. Dabei war er so wichtig für mich: Er hat mir als Junge das Leben gerettet. Und später hat er dafür gesorgt, dass ich Deine Mutter kennenlernen durfte.»
«Wie denn?», fragt David. Sein Herz pocht wild. «Als junger Mann habe ich Cook als Amulett um den Hals getragen. Und dieser Holzkopf mit den grünen Augen hat Deiner Mutter so gefallen, dass sie mich am See angesprochen hat. Und so haben wir uns verliebt.»
«Waaaahnsinn!», sagt David und lächelt verschmitzt in sich hinein.
Die Gute-Nacht-Geschichte von einer Zeitreise
In der Gute-Nacht-Geschichte von Sonja Brunschwiler macht David mit Kapitän Cook und seinem Piratenschiff eine Zeitreise.


























