Ein spitzer Schrei und aufgeregte Worte auf Mexikanisch weckten Lisa am frühen Morgen aus ihren Träumen. Dabei war doch noch gar nicht Zeit zum Aufstehen … Was ihre Mutter so kurz vor sieben schon zu zetern hatte? Ob ihre Schwester wieder Mutters Schminksachen geklaut hatte?
Sie drehte sich noch einmal um und versuchte ihren Traum festzuhalten: Sie hatten darin so schön weitergespielt, ihre neuen Freunde und sie, nachdem sie es gestern im Garten so lustig miteinander gehabt hatten! Sie hatte sie dort nämlich alle um sich versammelt und dann auf einzelne Familien verteilt: Familie Rot wohnte unter dem Apfelbaum, dort, wo die Äste ganz tief hingen. Familie Braun hatte ihr Zuhause unter der Treppe, hinter den Buchsbäumen. Und Familie Hauser lebte unter der grossen Schaukel auf dem Spielplatz. Sie, Lisa, besuchte die Familien abwechslungsweise, unterhielt sich mit ihnen, brachte etwas zum Knabbern mit oder sass einfach da und schaute ihnen zu.
Zu blöd aber auch, dass Mutter sie mitten im Spiel zum Essen gerufen hatte. Lisa war noch gar nicht hungrig gewesen und hätte lieber weitergespielt. Aber sie kannte diesen Ton – wenn Mutter so klang, liess man sie besser nicht warten. Also hatte sie sich verabschiedet, ass zu Abend, putzte sich die Zähne und versprach hoch und heilig, punkt acht Uhr ins Bett zu gehen. Das Ritual war jeden Dienstag dasselbe: Die Mutter sträubte sich, die Kinder alleine zu lassen, aber ihr Kurs begann nun mal um 19.30 Uhr, und sie war auf das Geld angewiesen, das sie als Tanzlehrerin verdiente. Also versprachen Lisa und ihre Schwester wie jede Woche, dass sie ganz brav sein, nichts naschen und pünktlich schlafen gehen würden. Und alle drei wussten, dass das nicht stimmen würde: Lisa würde sicher noch den Kühlschrank plündern, ihre Schwester telefonieren oder fernsehen, und meist schafften es die Mädchen knapp ins Bett, bevor die Mutter wieder zurückkam.
Doch gestern Abend war Lisa noch einmal nach draussen geschlichen, um zu sehen, ob ihre neuen Freunde noch draussen waren. Und tatsächlich: Die meisten von ihnen waren noch aufgewesen. So hatten sie ihr Spiel fortsetzen können, bis es dunkler wurde. Und dann hatte Lisa eine Idee gehabt: Sie würde ihren Freunden Zuhause zeigen …
«Oh nein!» Lisa schoss blitzschnell aus ihren Träumereien auf. «Die hatten doch nicht … Die waren nicht etwa?»
Wie der Blitz sprang sie aus dem Bett und eilte ins Elternschlafzimmer, wo ihre Mutter auf den Knien vor der Kommode herumrutschte und auf Mexikanisch schimpfte und zeterte. Die Kommode sah aber auch schrecklich aus: Schleimige Spuren zogen sich von der zweiten Schublade aus bis auf den Boden, Mamas Unterwäsche war überall vzerstreut, ein völlig verdrecktes Hemdchen hielt ihre Mutter spitz zwischen zwei Fingern.
«Du! Du! DU!», stammelte ihre Mutter nur immer wieder und zeigte mit Hemdchen und Fingen anklagend auf Lisa. Doch diese hatte keine Zeit für Predigten:
«Wo seid ihr? Wieso habt ihr nicht auf mich gewartet? Ich habe euch doch gesagt, ich bringe euch am Morgen wieder hinunter?!» Fieberhaft suchte sie in der Schublade und rund um das Möbel. Ihre Mutter liess sich nach hinten plumpsen, sass vor der schleimverschmierten Kommode und sah ihre jüngere Tochter prüfend an, wobei sie zwischen Wut und Lachen hin und her schwankte.
«Also, was genau hast du diesmal angestellt?» «Nichts!», antwortete Lisa automatisch. «Und woher kommt DAS?», wies die Mutter auf das Durcheinander.
«Na ja, wir haben doch gestern Nachmittag gespielt, und als du weg warst, dachte ich, ich könnte meinen Freunden unsere Wohnung zeigen. Und dann war es finster, und ich wollte nicht mehr raus; da habe ich es ihnen in der Schublade bequem gemacht. Ich habe auch extra Sägespäne und Blätter vom Hamsterkäfig hineingetan!» Der letzte Satz klang stolz. «Sie sollten es doch schön haben bei uns!»
«Schön!» – Ihre Mutter sah auf die schmutzige Unterwäsche, die Schleimspuren und auf ihr Kind, das schon wieder auf allen Vieren durchs Schlafzimmer kroch. Sie schüttelte den Kopf, erhob sich und begann Lisa bei der Suche zu helfen. «Wie viele suchen wir überhaupt?»
Lisa zählte an den Fingern ab: «Familie Rot war zu sechst; Familie Braun nur zu viert, Familie Hauser zu fünft … Also fünfzehn!»
Noch einmal sah die Mutter auf die Schleimspuren, dann kniete sie sich neben ihre tierverrückte Kleine und wuschelte ihr Haar: «Fünfzehn Schnecken – richtig?» Lisa nickte und fühlte sich endlich verstanden. «Rote, braune und Häuschenschnecken – meine Freunde!»
© Lovey Wymann, www.schreib-lounge.ch
Lisa und ihre Freunde
Das aktuelle Bettmümpfeli über kriechende Freunde, die ein Haus mit sich herum tragen und eine beachtliche Schleimspur hinterlassen.


























