Mamas Bierbauch

Simon wunderte sich: Mutters Bauch wurde dicker und dicker. Ob sie heimlich ass. Vielleicht trank sie ja auch Bier, wie Onkel Heinrich? Vater sagte ja immer, der hätte einen Bierbauch. «Mama», fragte er sie, nachdem er sie lange angeschaut hatte, «hast du jetzt einen Bierbauch?» Seine Mutter lachte und strubbelte sein Haar. «Nein, Simon! Das ist kein Bierbauch. Ich bin schwanger.» Sie überlegte kurz und erklärte dann: «Ich hab dir doch erzählt, wie du zu uns gekommen bist. Dass du in meinem Bauch grösser und grösser geworden bist. Und jetzt wächst da ein Brüderchen oder Schwesterchen. Das wird im Oktober zur Welt kommen.» Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. «Manchmal, wenn es sich bewegt, kann man das Baby schon spüren.»

Ein Baby also! Simon war enttäuscht. Einen Bruder oder eine Schwester – das wäre ja noch lustig geworden. Peter, sein Freund, hatte einen Bruder. Der trug ihn manchmal auf der Schulter, wenn er müde war. Oder er packte ihn an Arm und Bein und liess ihn fliegen. Er hatte auch Simon schon mal fliegen lassen. Cool war das! Eine Schwester? Na ja, Schwestern spielen nicht gern Fussball, und wenn man sie mit der Wasserpistole anspritzt, quieken sie – das wusste er von seinen Cousinen. Aber die geben einem auch manchmal Gummibärchen oder lassen einen mitspielen, das wäre nett.

Aber wieso sagte seine Mutter, es gäbe ein Brüderchen oder Schwesterchen – und dann solls doch nur ein Baby geben? Babys nerven doch! Die Nachbarn hatten eins. Immerzu schrie und quengelte es. Nein, entschied Simon, ein Baby wollte er nicht!

«Müssen wir das Baby behalten?», fragte er seine Mutter und zog seine Hand von ihrem Bauch zurück. Seine Mutter sah ihn erstaunt an. «Natürlich! Das ist doch ein Teil von uns!» «Von mir nicht!», maulte Simon, und seine Mutter zog ihn an sich. «Keine Angst!», sie strich ihm übers Haar, «Papa und ich, wir werden dich genauso lieb haben wie jetzt, auch wenn das Baby da ist.»

«Ich WILL aber kein Baby!» Simon riss sich los und lief weg. Er hörte noch, wie seine Mutter seufzte, aber das war ihm egal. Blöder Bauch! Blödes Baby! Blöde Mami!  Er rannte in sein Zimmer und knallte die Tür zu. Seine Mutter folgte ihm – er hörte ihre Schritte, aber vor der Tür blieb sie eine Weile stehen, dann ging sie weg.

Simon kickte ein paar Legosteine weg, warf einen Cowboy an die Wand und schickte ihm einen Turnschuh nach. Mitten in der Bewegung erstarrte er: Was, wenn seine Mami ihn jetzt nicht mehr wollte? War sie darum vorhin weggegangen, statt in sein Zimmer zu kommen? Gerade als er zu weinen beginnen wollte, klopfte es an seine Türe. «Ich bins, Papa. Darf ich reinkommen?» Überglücklich öffnete Simon die Tür. Sein Vater trug ein Tablett mit seinem Glücksbecher, einer Tasse Kaffee und ein paar Guetsli.

«Komm», sagte der Vater und stellte sein Tablett aufs Bett. «Setz dich zu mir!» Aufmunternd klopfte er neben sich auf die Decke. Simon traute ihm nicht. Diese Art von Gesprächen kannte er. Meistens hatte er vorher etwas ausgefressen – so wie letzte Woche, als er bei Frau Meier die Blumen gepflückt hatte, weil er seiner Mutter eine Freude hatte machen wollen. Ha! Ausgerechnet ihr wollte er eine Freude machen – sie, die ihn jetzt durch ein anderes Baby ersetzen wollte! Er setzte sich auf den Boden, aber die kalte Schoggi, die sein Vater ihm hinhielt, nahm er trotzdem.

«Ist schon ein komisches Gefühl, wenn da plötzlich noch ein Baby kommt», sagte der Vater und biss in ein Guetsli. «Willst du auch eins?» «Nein!», stiess Simon zwischen den Zähnen hervor. «Kein Guetsli? Aber es sind deine Lieblingsguetsli?», wunderte sich der Vater. «Kein BABY!», schrie Simon. Dass die Erwachsenen aber auch gar nichts verstanden!

«Ach so! Aber das Baby ist schon da, in Mamas Bauch. Weisst du – wir haben dich ja auch nicht einfach zurückgegeben.» Simon schluckte: Das wäre ja noch schöner gewesen! Aber sein Vater sprach schon weiter: «Weisst du, Kinder, die hat man lieb – egal, ob eins oder zwei.» Er hob Simon hoch und setzte ihn auf sein Knie. «Liebe, das ist nicht wie ein Kuchen, der kleiner wird, je mehr Menschen davon essen. Im Gegenteil: Je mehr Menschen zu einer Familie gehören, desto mehr Liebe gibt es!» Simon konnte das nicht glauben. Aber noch bevor er etwas sagen konnte, fuhr Vater fort: «Weisst du, was das Schönste ist? Wenn das Baby da ist, kriegst du von Mama und mir etwas, was du dir schon sehr, sehr lange wünschst!» «Den Traktor? Ich kriege meinen Traktor?» Simon zappelte vor Freude. Sein Vater nickte und nahm ihn an der Hand. «Komm, wir gehen zu Mama!»

Ein paar Tage später, Simon kam mit der Mutter gerade vom Einkaufen zurück, blieben sie bei der Nachbarin stehen. Diese fragte neugierig: «Und? Was wird es denn? Ein Bub oder ein Mädchen?» Und Simon strahlte sie an: «Ein Traktor!»


Porträt Lovey Wymann
Lovey Wymann ist Inhaberin von Lovey Wymanns Schreib-Lounge und arbeitet hauptberuflich als Werbetexterin / Konzepterin. Ihr Buch "Samhain – das Fest, das nicht stattfand" erschien 2007 in der Edition Octopus. Sie lebt zusammen mit 2 Katzen in einem Loftschloss in Niederglatt/Zürich.

http://www.schreib-lounge.ch

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Jö, so herzig. Danke Lovey.

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