Der verschwundene König

Sandra erwachte früh. Es müsste doch längst Zeit sein … Auf Zehenspitzen schlich sie in die Küche: Der Kuchen stand mitten auf dem Tisch und wartete darauf, angeschnitten zu werden. Wo die alle blieben?  – Gerade als sie wieder auf ihr Zimmer schleichen wollte, kam ihr Vater. «Na, Krümelchen», begrüsste er sie, «du kannst es wohl nicht erwarten, Königin zu werden!» «Dafür haben wir doch die schöne Krone gebastelt!», gab Sandra mit glänzenden Augen zurück.

Und sie hatte recht: Die Krone war wunderschön geworden. Zu viert hatten sie daran gearbeitet: Der Vater hatte aus einem grossen Karton einen Streifen mit Zacken ausgeschnitten. Mama hatte diesen bemalt, und sie und Kevin durften Edelsteine darauf kleben. – Na ja, keine richtigen, nur Glassteine, aber die funkelten wie echte Edelsteine. Dann hatte der Vater das Ganze zu einem Kreis gebogen und die beiden Enden verleimt. Wer König würde, dürfte die Krone den ganzen Tag tragen! Sandra konnte es kaum erwarten. Und Mutter hatte versprochen, dass sie ausnahmsweise schon zum Frühstück Kuchen essen dürfe. Wenn sie doch nur endlich aufstehen würde …

«Hast du Mama geholfen, den Kuchen zu backen?», fragte der Vater. Sandra erzählte stolz, wie sie Butter, Zucker und Mehl geknetet habe, Mama habe Ei und Salz dazugegeben und etwas Zitronenschale. «Und dann?», fragte der Vater interessiert. «Dann habe ich den König reingesteckt! Mami hat ihn extra beim Bäcker geholt. Wo hab ich den nur reingetan?» Langsam drehte sie den Kuchen, aber alle Stücke sahen gleich aus. Schliesslich wählte sie: «Das hier hätte ich gern!» Der Vater legte die Krone zur Seite und brach das Stück heraus. Mit beiden Händen riss Sandra es auseinander – aber da war kein König. «Mist!», fluchte sie, aber das hörte keiner, weil die Mutter gerade mit einem «Guten Morgen!» die Küche betrat. Jetzt wählten auch die Eltern je ein Stück, aber in keinem war der König. Also Kevin … Sandra war enttäuscht. «Vielleicht klappts ja noch!», tröstete die Mutter. «Wir haben ja noch für jedes ein Stück zum Zvieri.» «Aber nicht schummeln!», mahnte Sandra, als sie Mama den Abschiedskuss gab, bevor Vater sie in den Kindergarten brachte. «Natürlich nicht!», hob diese die Hand zum Schwur. «Grosses Ehrenwort!»

Am Nachmittag stand der Kuchen – oder was von ihm übrig war – in Folie eingepackt auf dem Tisch, die Krone daneben: Kevin hatte den König auch nicht gehabt. Dann konnte Sandra ja doch noch Königin werden! Sie liess sich viel Zeit, sich zu entscheiden – aber da war kein König. Und auch Mama und Kevin gingen leer aus … Jetzt war nur noch das grosse Stück übrig – somit würde der Vater am Abend König werden. So ein Mist aber auch! 

Doch in Vaters Stück war auch kein König – es gab überhaupt keinen König! Sandra konnte es nicht glauben. Ob Kevin ihn verschluckt hatte? Oder Mutter geschummelt? Aber diese winkte ab: «Da war kein König!» Sie schien genauso verwirrt wie Sandra. «Ich habe doch gesehen, wie sie ihn in den Teig gedrückt hat», sagte sie zu Vater. «Und jetzt ist er weg!» «Die schöne Krone können wir auch nächstes Jahr gebrauchen», tröstete der Vater. «Kommt, ich erzähle euch eine Gutenachtgeschichte, während Mama den Abwasch macht.» Er putzte Kevin die Zähne – Sandra konnte das schon alleine – und brachte die Kinder ins Bett. Kaum hatte er das Bilderbuch aufgeschlagen, hörten sie die Mutter lachen. «Das müsst ihr euch ansehen!», rief sie. Wie der Blitz eilten die drei in die Küche. Mutter stand am Abwaschtrog, in der Hand die Tortenplatte. «Schaut mal hier!» Sie zeigte auf einen grossen Fleck, der aussah wie Zuckerguss. «Wisst ihr, was das ist?» Sie fuhr mit dem Fingernagel unter das Zeugs und löste es von der Platte: «DAS ist unser König!» Sandra konnte es nicht glauben: Ihr König war lang und schmal gewesen – nicht so breit und platt! «Wahrscheinlich hast du den König etwas weit in den Teig hineingedrückt, und so ist er unten auf der heissen Form geschmolzen …» Sandra schaute die Mutter fragend an. «Na ja, so wie Raclettekäse, wenn es ihm zu heiss wird.» «Ach so …» Sandra schaute das weisse Plättchen zweifelnd an. – «Aber jetzt ab ins Bett mit euch!», mahnte die Mutter, «es ist schon spät!» «Jawohl, Eure Majestät», verbeugte sich der Vater, schöpfte mit seiner Hand blitzschnell etwas Seifenschaum aus dem Becken und legte ihn der Mutter aufs Haar. Dann schnappte er sich Sandra und Kevin, um sie wieder ins Bett zu bringen. Unter der Tür drehte er sich um, die kichernden Kinder unter den Armen: «Du bist jetzt unsere Schaumkönigin!»

 

Porträt Lovey Wymann
Lovey Wymann ist Inhaberin von Lovey Wymanns Schreib-Lounge und arbeitet hauptberuflich als Werbetexterin / Konzepterin. Ihr Buch "Samhain – das Fest, das nicht stattfand" erschien 2007 in der Edition Octopus. Sie lebt zusammen mit 2 Katzen in einem Loftschloss in Niederglatt/Zürich.

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