Vom Schäfchen, das nicht mehr frieren wollte

Als das kleine Schäfchen auf die Welt kam, hatte es ein so kuscheliges Fell, dass die Mutter es Kraushaar taufte. Das Fell wurde im Laufe der Zeit immer dicker und krauser, und dem Schäfchen gefiel das sehr. Aber im Herbst, als die Nächte schon kühler wurden, kam der Schäfer, schnappte sich ein Schaf nach dem anderen und schnitt ihnen – ritsche-ratsche – die ganze Wolle ab, bis auf die Haut.

Kraushaar war sauer!

Erstens fror er ganz erbärmlich – und zweitens neckte sein Freund Stummelschwanz ihn die ganze Zeit: Kraushaar ohne Haar! Kraushaar – wunderbar!  Zwar sah auch dieser nicht besser aus, aber Stummelschwanz blieb man nun mal – ob mit oder ohne Wolle …

Als das Fell der Schafe wieder zu wachsen begann und dicker wurde, kam der Schäfer wieder vorbei und sprayte den Schafen bunte Flecken auf das Fell. Was das zu bedeuten hatte? Kraushaar rätselte: Sah dieser Fleck nicht aus wie ein Pullover? Und jener bei Stummelschwanz wie eine Socke? Er kam ins Grübeln …

Kurz vor Weihnachten war doch die Frau des Schäfers auf den Markt gegangen – mit Kisten voller Jacken, Pullover und Socken. Die hatte doch nicht … Aus IHRER Wolle?

Kraushaar beschloss, dass er dieses Jahr nicht mehr frieren würde. Er würde sich ein eigenes Zeichen aufs Fell sprayen. Eines, das dem Schäfer sagte, dass er sein Fell behalten wollte – behalten musste!

Zusammen mit Stummelschwanz stibitzte er dem Schäfer zwei Dosen Farbe. Zuerst übten sie auf einem Stein. Es war gar nicht so einfach, die Dose zwischen Kinn und linkem Vorderfuss einzuklemmen und dann mit dem rechten Huf den Knopf zu drücken, aber endlich – die erste Dose war schon fast leer – hatten sie den Dreh raus. Ab diesem Tag prangte auf dem Fell von Kraushaar und Stummelschwanz eine grosse Sonne – und die beiden freuten sich auf einen warmen Winter.

Als der Schäfer im Herbst wieder zum Scheren kam, staunte er ein wenig, als er plötzlich eine Sonne sah – und später eine zweite. Aber es half nichts: Wieder schor er alle Schafe bis auf die Haut.

Kraushaar kochte vor Wut – und Stummelschwanz lachte ihn wieder aus: Du mit deinen krausen Ideen! Ein paar Tage lang war Kraushaar sehr geknickt – aber dann kam ihm eine neue Idee:

Vielleicht kann der Schäfer Zeichen nicht so gut lesen wie wir, erklärte er Stummelschwanz. Die schreiben doch immer alles so mit komischen Buchstaben an, diese Zweibeiner. Wir brauchen Buchstaben! Als Erstes brauchen wir ein W!

Stummelschwanz wusste zwar nicht so genau, warum sie gerade ein W brauchten – andererseits war es oft langweilig auf der Weide, da konnte man auch irgendwelche Buchstaben suchen. Und wirklich, eines Tages fand er ein W – nein, sogar zwei: Wiesenweg las er auf einem Strassenschild, an dem sie vorbeizogen. W ist einfach, freute sich Kraushaar, und schon am nächsten Tag sprayten sie sich gegenseitig ein W ins Fell – die Farbe hatte Kraushaar wieder besorgt …

Und jetzt brauchen wir ein a, sagte Kraushaar. Aber es dauerte einige Zeit, bis sie ein a fanden: Im August stand ein Auto vor dem Haus des Schäfers, darauf stand Kaminfeger – mit a! Das a war schon schwieriger zu sprayen als das W, aber sie schafften es so schell, dass das Auto immer noch dastand, als sie damit fertig waren.

Du, da hats auch noch die beiden anderen Buchstaben, rief Kraushaar plötzlich. Schau, ein r und ein m!

Das r  ist einfach, meinte Stummelschwanz, aber m sieht schwierig aus.

Ach was, lachte Kraushaar, das sind doch einfach drei r hintereinander – und beim letzten lassen wir den Bogen weg!

Und wirklich: Die beiden Schäfchen schafften es, auch diese Buchstaben aufs Fell zu malen. Warm stand jetzt auf ihrem Rücken – wobei das m beim Kraushaar erst unter dem Schwänzchen aufhörte, weil Stummelschwanz etwas gar breit geschrieben hatte. Nun MUSSTE der Schäfer sie doch verstehen!

Als die Zeit zum Scheren kam, schnappte sich der Schäfer zuerst Stummelschwanz. Kraushaar sah gespannt zu. Und wirklich: Der Schäfer stutzte! Warm, las er und schaute sich um. Wer das wohl hingeschrieben hatte? Er hob die Schere – Kraushaar zuckte vor Schreck zusammen. Noch einmal las der Schäfer, was auf dem Rücken stand – und hob seine Schere etwas an, sodass gut zwei Fingerbreit Wolle stehen blieben. Und bei jedem Schaf, das er jetzt schor, liess er zwei Fingerbreit stehen. Und als Kraushaar an der Reihe war, lachte der Schäfer sogar: Du hast ja recht! Auch ihr sollt warm haben!
 
Zwar waren die Kisten mit Pullover und Socken kleiner, mit denen die Frau dieses Jahr auf den Markt ging, aber Kraushaar und Stummelschwanz mussten nie mehr frieren. Der Schäfer liess ihnen von da an jeweils zwei Fingerbreit Wolle – Jahr für Jahr für Jahr.

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Porträt Lovey Wymann
Lovey Wymann ist Inhaberin von Lovey Wymanns Schreib-Lounge und arbeitet hauptberuflich als Werbetexterin / Konzepterin. Ihr Buch "Samhain – das Fest, das nicht stattfand" erschien 2007 in der Edition Octopus. Sie lebt zusammen mit 2 Katzen in einem Loftschloss in Niederglatt/Zürich.

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