Irène Weitz-Busch, Korrektorin
Feuer und Stein, Diana Gabaldon
In einer Wühlkiste entdeckte ich vor Jahren den ersten Band um Jamie und Claire, verschlang das Buch in einer Nacht und habe mir am nächsten Tag sofort die Fortsetzung beschafft. Sieben Bände gibt es mittlerweile, alle gleich süchtig machend. Doch worum gehts? Claire Beauchamp Randall ist 1945 auf Flitterwochenreise in Schottland. Als sie nichts ahnend einen magischen Steinkreis berührt, findet sie sich plötzlich im Schottland des Jahres 1743 wieder. Mitten im Schlachtgetümmel schottischer Rebellen gegen die englischen Besatzer. Hilfe findet sie bei Jamie Fraser, dem schottischen Clanführer. Die amerikanische Autorin Diana Gabaldon veröffentlichte ihren ersten Roman 1991 und ahnte damals wohl noch nicht, dass sie damit den Auftakt zu einer Serie geschrieben hatte, die weltweit Millionen Leser finden sollte.
Heinz Storrer, Redaktor
John Rock oder der Teufel, Harry Rowohlt/Peter Gut
Ich mag Western. Ich wuchs auf mit Fernsehserien wie «Bonanza», «Am Fuss der Blauen Berge» und «Rauchende Colts». Und ich verschlang im Taschenlampenlicht unter der Bettdecke die Romane von Zane Grey, Louis L’Amour und Ernest Haycox. Als ich dann Harry Rowohlts «John Rock oder der Teufel» in die Finger bekam, schletzte es mich sogleich zurück in die Unterbettdecken-Welt meiner Kindheit. «Ein kulinarischer Wildwest-Schundroman», so beschreibt Rowohlt dieses von Peter Gut mit humorig-liebevollen Illustrationen geadelte Nonsense-Werklein, in dem er mit ungebremster Sprachlust und ungehemmter Erzählfreude die mit heiteren Fussnoten versehene Schnurre vom hungrigen John Rock zum Besten gibt, der, während er sich Apatschen und Schurken vom Leibe hält, sein Lieblingsgericht «Schlichtglibber Shaolin» kocht. Bis ihm die Lichter ausgehen und er Sterne sieht … Herrlich!
Stefanie Werner, Redaktorin
Eine Weihnachtsgeschichte, Charles Dickens
Als ich ein Kind war, schenkte mir meine Mutter jeden Advent ein Weihnachtsbuch. Mit Begeisterung las ich von Hans Wundersams Besuch in den Werkstätten des Christkinds und von verzauberten Adventskalendern, tauchte ein in eine Welt, in der es nach Guetsli und Tannennadeln roch. Noch heute reserviere ich mir alljährlich einen Abend im Dezember, mache einen Teller mit Mailänderli parat und lese eine Geschichte, die sich um Weihnachten dreht – zum Beispiel jene des alten Ebenezer Scoorge, die der englische Dichter Charles Dickens 1843 schrieb. Sie ist von einer tiefen Menschlichkeit beseelt und erzählt von der innern Umkehr des Geizhalses Ebenezer Scrooge nach drei Geistererscheinungen in der Nacht des 24. Dezembers – ein literarisches Meisterwerk. (Das Buch ist beim Cecilie Dressler Verlag zurzeit nicht mehr lieferbar.)
Herbert Lanz, Chef vom Dienst
Der Himmel unter der Stadt, Colum McCann
New York, 1916. Unter dem East River treiben der Schwarze Nathan Walker und seine irischen und italienischen Kumpel einen Stollen voran. Nichts als Finsternis, Feuchtigkeit, Gefahr. Keiner der Mineure ahnt, dass Jahrzehnte später Menschen im Tunnellabyrinth Zuflucht finden werden. Einer dieser Obdachlosen, die hier unten leben, ist Treefrog. Einst Stahlbauer, der auf den höchsten Wolkenkratzern balancierte, trifft er in der kalten Dunkelheit auf die heroinsüchtige Angela, die ihn an seine Frau erinnert. Wie der Autor die beiden Erzählebenen allmählich miteinander verknüpft, ist fulminant und höchst spannend. Lakonisch seine Sprache, authentisch die Dialoge. Er beschwört den Schrecken, den Schmerz, das Lachen. Und den Glauben an «Auferstehung». Ein aufwühlendes, ein herzergreifendes Buch.
Salomé Schmid-Widmer, Ressortleiterin
Suite francaise, Irène Némirovsky
Dass es der jüdisch-französischen Schriftstellerin Irène Némirovsky 1941 gelang, angesichts der Katastrophe nicht in nationalistische Schwarz-Weiss-Malerei zu verfallen, lässt auf beeindruckende menschliche Grösse schliessen. Der erste Romanteil hat die Flucht zahlreicher Pariser aus ihrer bombardierten Stadt zum Thema. Der zweite stellt die sogenannte «collaboration sentimentale», die Liebesbeziehungen zwischen Französinnen und deutschen Besatzern, ins Zentrum. Aber egal, ob Franzosen oder Deutsche, Némirovsky zeigt sie alle als das, was sie wohl auch vor dem Krieg waren: bessere oder schlechtere Menschen, die nun, unter diesen tragischen Umständen, sich entweder ducken, über sich hinauswachsen oder ihre Rettung im Egoismus suchen. Für die einen schämte ich mich, die anderen rührten mich zu Tränen. Némirovsky verstarb 1942 in Auschwitz.
Ginette Wiget, Redaktorin
Schiffbruch mit Tiger, Yann Martel
Eine Geschichte, die Sie an Gott glauben lässt, stand auf Rückseite des Buchs. Ich war skeptisch und kaufte es mir trotzdem. Zwei durchwachte Nächte später hatte ich zwar nicht zu Gott gefunden, aber mich prächtig unterhalten und mein bescheidenes Zoologie-Wissen um einige Kuriositäten erweitert.
Erzählt wird die Geschichte des Piscine Molitor Patels, Sohn eines indischen Zoodirektors, benannt nach einem Pariser Schwimmbad. Der überzeugte Hindu, Christ und Muslim erleidet mitten auf dem Ozean Schiffbruch und landet mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem Zebra und einem ausgewachsenen bengalischen Tiger auf einem Rettungsboot. Was danach folgt, ist eine sonderbare und berührende Odyssee, die nach 227 Tagen endet und dem Leser noch viel länger im Gedächtnis bleibt.
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