Sommer im Advent
Die Frau schob das Adventsgesteck behutsam zur Seite, nahm die Karaffe und goss das Wasser sorgfältig neben ihr Trinkglas. Henri kam sofort hinter seinem Bartresen hervor, aber noch bevor er den Tisch erreicht hatte, stoppte ihn Jakobs Geste. Dieser nahm seiner Begleiterin die Karaffe aus der Hand, dann führte er Henri zur Theke zurück.
«Das ist sie?», fragte Henri Jakob halblaut.
«Ja. Das ist meine Helen.»
Henri, für diesen einen Abend noch Besitzer seiner Bücherbar, schaute zu der alten Frau hinüber. Sie war wohl über siebzig. Jakob hatte ihm an seinem ersten Abend in der Bar von ihr erzählt. Nach fünfzig Jahren waren die beiden einander wieder begegnet. Noch nicht zu spät und doch zu spät, Helen sei mittlerweile krank, sie erkenne Jakob nicht mehr.
Eine schöne Frau, dachte der Barkeeper.
«Du hast sie noch nie mitgebracht», sagte er.
«Ist auch nicht so einfach, wie du siehst», antwortete Jakob.
Henri schaute Jakob forschend an. «Du hast nie erzählt, was euch auseinandergebracht hat.»
«Das Leben. Ihr Vater. Ich erzähl dir die Geschichte ein andermal.»
Ein andermal sind wir nicht mehr hier, dachte Henri. Über die Lippen brachte er es auch jetzt nicht. Jakob hatte ihm bereits den Wischlappen aus der Hand genommen und ging zum Tischchen zurück. Seine Helen zog ihre Finger mit befremdender Leichtigkeit durch das Wasser auf der Tischplatte, als wäre ihre Hand ein Fächer. Jakob legte den Lappen beiseite und liess sie gewähren.
Henri kümmerte sich um die anderen Gäste, jede Verrichtung begleitet vom Gedanken, dass heute der letzte Abend war. Nach zwölf Jahren ging er mit seiner Bar in Konkurs. Er hätte das neue Konzept viel früher einführen sollen. Die Mischung aus Buchhandlung und Bar war zu Beginn etwas ungewohnt gewesen, doch langsam zeitigte die Neuausrichtung Erfolg. Neue, meist ältere Gäste kamen, die früheren blieben treu. Auch die Jungen. Vielleicht trugen die Büchergestelle zur gegenseitigen Toleranz bei, redete sich Henri gerne ein. An einem Abend wie diesem vermischten sich die Generationen noch einfacher. Gemeinsam trank man gegen die aufziehenden Feiertage an. Nur schade, hatte die Bank die Geduld verloren, nun konnte er die Früchte seiner jahrelangen Arbeit nicht mehr ernten! Henri bückte sich und kontrollierte aus Gewohnheit die Spülmaschine. Heute lief sie reibungslos, als sei ihr klar, dass an diesem
Abend von ihr und ihrem Besitzer ein letzter Kraftakt gefragt war. Henris Stammgäste, die heute alle hier waren, würden erst vom Konkurs erfahren, wenn nach den Weihnachtsferien das «Geschlossen»-Schild an der Tür hängen blieb.
Sein Herz sei eben grösser als sein Geschäftssinn, hatte ihm der Schulfreund bei der Bank gesagt und Henri den rettenden Kredit verweigert. Wenn die Bar nach zwölf Jahren deswegen in Konkurs ging, war das nicht der Verwerflichste der möglichen Gründe.
Der Banker war einer seiner Stammgäste.
Die Tür ging auf. Etliche in der Bar hielten die Luft an, als Keira hereinkam. Sie setzte sich an ihr übliches Tischchen in die Ecke. Henri winkte ihr kurz zu.
«Alles im Griff?», fragte er Andrin dann zur Sicherheit. Dieser nickte, sein Blick verriet das Gegenteil. Andrin war ein weiterer Stammgast und Keiras stummster Verehrer.
Die Spülmaschine piepste. Henri wuchtete das Plastikgitter heraus und räumte die Gläser ins Gestell.
«Hast du dir das Geschenk angeschaut?», fragte Andrin leise.
«Gleich», gab Henri zurück, innerlich stöhnte er auf.
Andrin war ein Zauderer, stete Unschlüssigkeit sein Markenzeichen. Sollte er zur grossen Musikkarriere ansetzen oder einfach abhauen? Und wohin? Nach Amerika? Nach Spanien? War es besser, sich bei Keira duldsam in stiller Verehrung zu üben, oder sollte er endlich mal was wagen? Anscheinend war Andrin heute zu einer Antwort gekommen, deshalb das Geschenk. Eine Chance gab Henri ihm aber nicht. Keira
kam von ihrem Mann nicht los, obwohl jeder wusste, wie wenig sie zu Rolf passte. Aus unerfindlichen Gründen harrte sie an seiner Seite aus, und nur ganz selten flackerte Sehnsucht in Keiras dunklen Augen.
Verstohlen schaute Andrin hinüber. Auch heute keine Gemütsregung in ihrem rätselhaft makellosen Gesicht. Henri, der Keira besser kannte, hätte Andrin am liebsten zu ihr hinübergeprügelt. Stattdessen goss er auf ihr Handzeichen ein Glas Rotwein ein und zog danach eher unwillig das Zeitungspapier auseinander. Andrins Geschenk war eine Lampe, ihr Schirm selbst gemacht, eine Collage aus beschriebenen Zettelchen, die sich über ein Drahtgeflecht spannte. Henri stutzte. Die Schrift wirkte kindlich, die Art der Zettel erinnerte ihn an längst vergangene Schulzeiten.
Entgeistert schaute er Andrin an.
«Was?!», fragte dieser nervös.
«Warst du mit Keira schon in der Schule?»
Andrin nickte.
«Hast du mir nie gesagt. Und das ist ihre Schrift?»
Andrin nickte wieder.
«Du hast damals … Keiras Zettelchen gesammelt?»
«Jedes Briefchen, das sie in der Klasse an ihre Freundinnen weitergegeben hat. Abgeluchst, aus dem Papierkorb gefischt, vom Boden aufgenommen, zwischen zwei Pulten abgefangen …»
Henri griff sich fassungslos in die struppigen Haare. Was würde ihm dieser letzte Abend noch bescheren? Andrin war der grösste Romantiker, der ihm jemals untergekommen war, das Geschenk bestätigte es. Doch was würde Keira davon halten?
«Du wirst ihr das nicht geben», beschloss er.
«Nicht?»
«Die hält dich sonst für verrückt.»
Jakob unterbrach sie. Er gehe rauchen, ob Henri in der Zwischenzeit ein Auge auf Helen haben könne. Dieser nickte. Zwei Sekunden später zog Helen das Adventsgesteck zu sich heran. Henri war sofort alarmiert, doch sie blies nur die Kerze aus. Worauf sie einen Tannenzweig nach dem anderen aus dem Gesteck zog. Henri lehnte sich zurück. Morgen war seine Bar Geschichte, er brauchte die Weihnachtsdekoration nicht mehr.
Kopfschüttelnd betrachtete er die Lampe. Auf einem der Zettelchen las er den Bandnamen «Fugees». Es brachte Henri auf eine Idee.
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