In drei afrikanischen Ländern leiden die Menschen unter einer Hungerkatastrophe. Allein im Südsudan sind über eine Million Kinder mangelernährt. Die «Sternenwoche» von Unicef Schweiz und «Schweizer Familie» finanziert Spezialnahrung. Mit einer Ration für 20 Franken hat ein Kind einen Monat lang zu essen.

Mary Nyakeuth ist soeben aufgewacht. Ihr Blick ist trüb. Doch als sie von ihrem Traum erzählt, lächelt sie. «Die Vorratskammer war bis an die Decke mit Reis, Mais und Mehl gefüllt», flüstert sie. In der Küche hätten Früchte und Gemüse gelegen. «Und auf dem Herd brutzelten Steaks.»

Mary schaut zu ihrem Sohn Malit Adut. Ruhig sitzt er auf ihrem Schoss. Die Arme und Beine des Babys sind dünn, die Wangen eingefallen. Malit Adut steht kurz vor dem Hungertod. Seine Augen suchen die ihrigen, seine Lippen die Brust, aus der keine Milch fliesst. Weil Mary ebenfalls unterernährt ist, kann sie Malit Adut nicht stillen.

Mary, die ihr Alter nicht kennt, und ihr etwa 15-monatiger Sohn leben in der ostafrikanischen Republik Südsudan – dem jüngsten Staat der Welt, der 2011 nach einem blutigen Krieg die Unabhängigkeit vom Sudan erlangte. Die Bevölkerung gehört zu der ärmsten auf dem Globus. Dennoch war Mary, die Frau mit den Zahnlücken und dem gelb-grünen Kleid am knochigen Körper, früher einmal in der Lage, ihre Söhne und Töchter zu ernähren.

«Damals war ich glücklich», sagt sie. Mit ihrem Mann und den sechs Kindern wohnte sie in einem Haus in Malakal, einer Stadt am Weissen Nil im Norden des Südsudans. Als zwei Jahre nach der Staatsgründung ein Bürgerkrieg ausbrach, kamen Verzweiflung und Not in ihr Leben: Die Strassen und Flüsse wurden unter dem Kugelhagel lebensbedrohlich, Kinder entführt, Tiere abgeschlachtet. Die Bauern trauten sich nicht mehr, ihre Felder zu bestellen.

«Und ich wagte mich nicht mehr ins Restaurant, wo ich vor dem Krieg Teller wusch», erzählt Mary. Geld und Nahrungsmittel wurden knapp. Mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn Galuak verliess Mary ihr Zuhause. Sie hoffte, in Bor, der Heimatstadt ihres Mannes, bessere Bedingungen vorzufinden. Die älteren Kinder liess sie bei ihrer Mutter in Malakal – sie würde sie bald wiedersehen, glaubte Mary, die damals mit Malit Adut schwanger war.

Frau mit Kindern steht zwischen Hütten
Binnenflüchtlingslager in Malakal: 32 000 Menschen leben auf engstem Raum, werden aber mit Nahrung versorgt.
Frau mit einem Kind auf dem Arm
Intensivstation des Kinderspitals Al Sabbah in Juba: Ob Mary Nyakeuths Sohn Malit Adut überlebt, ist unsicher.
Frau mit Baby auf dem Arm
«Mein Sohn Mon Mayol ist unterentwickelt und mangelernährt»: Nyachok Ayad.
Frau mit Baby auf dem Arm
«Meine kleinste Tochter Gisma Agaw ist viel zu schwach und zu leicht»: Nyawut Wour.
Kind, das nach oben blickt
Ungewisse Zukunft: Mangelernährung kann langfristige Schäden verursachen.

Von Menschen gemachtes Elend

Im Bürgerkrieg standen sich Soldaten der Regierung und Rebellen gegenüber, Gruppen verschiedener Ethnien. Zwar haben 2015 beide Seiten ein Friedensabkommen unterzeichnet, doch die Kämpfe dauern an. Ebenfalls 2015 brach eine Hungersnot aus, an der nicht etwa Dürreperioden schuld sind. Das Land ist grün, der Boden fruchtbar. Die Katastrophe ist von Menschen gemacht: Während die verfeindeten Parteien um die Macht im Land kämpften, wurden Millionen Zivilisten von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten.

Heute haben 42 Prozent der rund zwölf Millionen Menschen im Südsudan zu wenig Nahrung. Geschätzte 1,1 Millionen Kinder sind akut mangelernährt, ein Viertel von ihnen dermassen schwer, dass sie vom Tod bedroht sind.

Diesen Kindern hilft die «Sternenwoche». Die Spendenaktion von Unicef Schweiz und der «Schweizer Familie» findet im November zum vierzehnten Mal statt. Dieses Jahr sammeln Kinder aus der Schweiz für ihre afrikanischen Altersgenossen: Mit dem Geld werden Buben und Mädchen in schwer erreichbaren Gebieten auf Anzeichen von Mangelernährung untersucht und Betroffene mit Spezialnahrung behandelt.

Für knapp zwanzig Franken erhält ein Kind einen Monatsvorrat einer Erdnusspaste, die mit über vierzig Nährstoffen angereichert ist und Leben retten kann.

Anfälliger auf Krankheiten

Jemand, der täglich um das Leben dieser Kinder kämpft, ist Vandana Agarwal, 58, Chefin der Abteilung Ernährung bei Unicef Südsudan. «Sind sie schwer mangelernährt, werden sie wegen des geschwächten Immunsystems anfälliger auf Krankheiten wie Malaria, Typhus, Durchfall oder Lungenentzündungen», sagt sie.


Das Risiko, dass sie daran sterben, ist dreissig Prozent höher als bei Kindern mit Normalgewicht. Langfristige Mangelernährung hemmt zudem die körperlicheund die geistige Entwicklung, was zu bleibenden Schäden führen kann. «Die Buben und Mädchen des Südsudans haben ein Recht auf Leben», sagt Vandana Agarwal, «mit der dringend nötigen Hilfe aus dem Ausland haben sie eine Chance.» Mit der Erdnusspaste etwa konnte Unicef letztes Jahr bereits 270 000 Kinder versorgen.

Hungerndes Kleinkind auf einem Bett
Ein Häuflein Mensch: Malit Adut im Kinderspital in Juba.
Frau mit zwei Kinder in Hütte
«Dank der Erdnusspaste hat sich meine Tochter Erina (vorne) erholt»: Rosa Paula.
Kleinkind sitzt auf Bett
Langsam ans Essen gewöhnen: Gisma Agaw bekommt im Unicef-Stabilisationszentrum Spezialnahrung.

Die Kinder husten und wimmern

Marys Sohn Malit Adut kann die Paste nicht zu sich nehmen. Dazu zeigt er zu wenig Appetit und ist zu schwach. Deshalb ist er auf Spezialmilch angewiesen. Vor anderthalb Monaten kam er mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Galuak in die Hauptstadt Juba, direkt in das einzige Kinderspital des gesamten Landes, das auf Mangelernährung spezialisiert ist und von Unicef unterstützt wird. «Malit Adut hat ein wenig zugenommen», sagt Isaac Gawar, 31, Arzt im Al-Sabbah-Kinderspital. «Ob er überleben wird, ist unsicher.»Die Mutter erzählt dem Doktor von ihrem Traum, in dem sie genügend zu essen hatte. Er nickt und erklärt, dass sich die Gedanken von unterernährten Menschen häufig um Nahrungsmittel drehten. «So banal solche Träume für andere sein mögen – Hungernde wünschen sich nichts sehnlicher als volle Vorratskammern für sich und ihre Kinder.»

Täglich die leidenden Buben und Mädchen zu sehen, schmerzt ihn. «Manchmal halte ich so viel Elend fast nicht mehr aus.»Die Mütter um Mary schlafen auf den Betten der Intensivstation, die Kinder husten und wimmern. Auch Malit Adut. Mary streichelt ihm über den nackten, knochigen Po, dann über den Kopf. Sie drückt das Baby an sich. Ihr Plan, in Bor ein besseres Leben aufzubauen, ist gescheitert. «Meine Kinder, die ich in Malakal zurückliess, habe ich nicht wiedergesehen», sagt sie. «Und mein Mann ist bei den Kämpfen gestorben.»

Mary fand mit ihren beiden Jüngsten Unterschlupf im Lager eines Hilfswerks, «ich weiss nicht genau, bei welchem». Dennoch habe sie sich nicht sicher gefühlt. Sie zog weiter in den Süden, bis nach Yei an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Völlig entkräftet und unterernährt wurde sie aufgefordert, in ein Auto zu steigen. Man würde sie an einen guten Ort bringen. «Die Männer hätten uns entführen, foltern oder töten können», sagt Mary. Aber all dies interessierte sie in diesem Moment nicht. Die Hoffnung auf Schutz und der Hunger waren grösser.

Mary will nach Hause

Sie sollte nicht enttäuscht werden: Die Leute brachten die drei nach Juba ins Spital. Noch zwei Wochen kann Mary mit ihren Söhnen da bleiben. Dann muss sie fort. Andere Mütter werden mit ihren Kindern in das Zentrum kommen, in dem 140 Betten stehen und täglich 200 bis 500 Menschen Hilfe suchen. Sie sitzen im Staub im Hof oder auf dem Boden in den Zimmern. Mary will nach Hause. Zu ihrer Mutter und ihren fünf anderen Kindern. Wie sie jedoch von der Hauptstadt Juba nach Malakal kommen soll, das über 500 Kilometer Luftlinie entfernt liegt, weiss sie nicht. In Malakal am Weissen Nil wohnten einst über hunderttausend Menschen. Die meisten sind während des Kriegs und wegen der Hungerkatastrophe geflüchtet – wie Mary. Nun kehren sie nach und nach zurück. Unicef schätzt, dass mittlerweile wieder etwa 15 000 bis 20 000 Leute in der Stadt leben, 4000 davon sind Kinder. Im Gebiet hat die Regierung die Oberhand, Kämpfe finden derzeit kaum statt.

Schlaflos vor Hunger

Dennoch wohnen rund 32 000 Menschen in einem Binnenflüchtlingslager nahe dem Flughafen, geschützt und versorgt von den Vereinten Nationen, denen auch Unicef angehört, und anderen Hilfswerken. Soldaten bewachen die Tore, auf Türmen halten sie Ausschau nach Plünderern. Helikopter, Panzer und Militär-Pick-ups der Uno säumen die Strassen zum Flüchtlingslager.

Dort leben die Familien in Holz- oder Wellblechhütten. Die Wege sind staubig, die Luft riecht nach getrocknetem Fisch und Abwasser, Kinder rennen umher. Teilweise schlafen acht Menschen auf engstem Raum – ohne Ventilator bei 40 Grad. Die Flüchtlinge nehmen diese Lebensbedingungen in Kauf, weil sie noch immer Gewalt fürchten und sich nicht selbst ernähren können. Auch Rosa Paula, 29, ist auf Hilfe angewiesen. 2014 rannte sie aus Angst vor den Rebellen mit ihren vier Kindern aus dem Haus in Malakal und fand im Flüchtlingslager Zuflucht. Unicef-Mitarbeitende haben bereits ihre vierjährige Tochter Erina vor dem Hungertod gerettet, nun hofft Rosa, dass sie auch der 15-monatigen Stella helfen können, die schwer mangelernährt ist. «Mittlerweile isst sie schon fast eine ganze Packung Erdnusspaste», sagt sie und tätschelt dem Mädchen auf den Rücken.

Um sich zu ernähren, erhält jede Familie einmal monatlich eine Packung Sorghum-Hirse, Salz und Öl. Reicht die Ration nicht aus – was sie selten tut –, fischen die Menschen im Nil oder sammeln wildes Gemüse, das in der Umgebung wächst.

Das Stadtzentrum von Malakal liegt zehn Autominuten vom Flüchtlingslager entfernt. Die Luft flirrt in der Hitze, die meisten Häuser wurden im Krieg beschädigt und stehen leer, am Strassenrand bieten Händler ihre spärliche Ware feil: getrockneten Fisch, Getreide und Bohnen.

Dinge, die sich Nyachok Ayad, 30, bloss selten leisten kann. Sie wohnt mit ihren sechs Kindern im Haus ihres Onkels und ihres Cousins in Malakal. «Manchmal können wir in der Nacht nicht schlafen, weil unsere Bäuche leer sind und schmerzen», sagt sie. Die Fliegen schwirren ihrem 14-monatigen Sohn Mon Mayol in den Mund. Der Kleine wimmert. Von Unicef erhält er die Erdnusspaste. Noch immer ist er unterentwickelt, kann nicht krabbeln, geschweige denn stehen.



Ärzte stehen vor einem Spitalbett
140 Betten für täglich 200 bis 500 Hilfesuchende: Visite im Al-Sabbah-Kinderspital in Juba.
Landschaft mit viel Grünfläche
Der Südsudan ist grün, doch die Menschen können das Land nicht bewirtschaften:
Blick auf Malakal und das Binnenflüchtlingslager (rechts).

Überforderte Mütter

Dass die Kinder mangelernährt sind, merken Mütter häufig zu spät. Ihre betroffenen Babys sind apathisch, weinen kaum, weil ihnen dazu die Kraft fehlt. Das ist gefährlich. «Jenes, das am lautesten schreit,  ekommt am ehesten etwas zu essen », sagt Unicef-Ernährungschefin Vandana Agarwal. Und jenes, das am meisten Hilfe benötige, werde vernachlässigt. «Diese Reaktion ist keine Absicht der Mütter. Sie sind überfordert.»

Um die Frauen zu unterstützen, hat Unicef mit den Hilfswerken vor Ort Müttergruppen gegründet. Sowohl im Binnenflüchtlingslager als auch in den grösseren Städten treffen sich wöchentlich jeweils 15 Frauen, um über Hygiene, Erziehung und Ernährung zu sprechen. Von den Sanitätern, die durch Unicef begleitet werden, haben sie gelernt, ihren Kindern in den ersten sechs Monaten ausschliesslich die Brust zu geben und sie bis zum zweiten Lebensjahr zu stillen, auch wenn die Babys bereits andere Nahrungsmittel zu sich nehmen.

Denn die Muttermilch enthält Nährstoffe, welche die Kinder gesund aufwachsen lassen und ihr Immunsystem stärken. Kräftig dank Muttermilch Nyabiech Dend, 35, ist seit neun Monaten Leiterin einer Müttergruppe und unterrichtet ihre Kolleginnen mit Unterlagen von Unicef. Im medizinischen Stabilisationszentrum in Malakal sitzt sie mit ihrer siebenmonatigen Tochter Nyayai im Hof, umgeben von 14 Frauen.

Sie reden über ihre Kinder, den erhofften Frieden und Themen wie das Stillen. «Ich habe meinen anderen fünf Kindern nicht sechs Monate die Brust gegeben», sagt sie. «Bei Nyayai sehe ich nun den Unterschied: Sie ist kräftiger als ihre Geschwister.» Nyabiech motiviert die Frauen, Nachbarinnen und Bekannte aufzusuchen und die Botschaft weiterzugeben: «Stillt eure Kinder.»

Dazu ist Mary nicht in der Lage, da sie unterernährt ist. In der Hauptstadt Juba kämpft sie mit den Ärzten um das Leben ihres Sohns Malit Adut. Sie sehnt sich nach ihrem Zuhause Malakal. Nach ihrem früheren Leben, ihren fünf daheimgebliebenen Kindern. Malit Adut saugt an ihrer Brust, aus der keine Milch fliesst.