Im Libanon haben sie Zuflucht vor dem Krieg gefunden. Dort fristen die Syrischen Flüchtlingskinder ihr Dasein in Zeltlagern. Viele können keine Schule besuchen und leiden im Winter unter Eiseskälte. Die «Sternenwoche», eine gemeinsame Aktion von Unicef Schweiz und der «Schweizer Familie», lindert ihre Not.

Sanft streicht Jawaher* über die Hand ihrer Tochter Safa. Als wollte sie den Schmerz des 12-jährigen Mädchens lindern, die Erinnerung an die Schrecken des Kriegs fortwischen. Der Mutter gelingt es kaum, über jenen Tag zu sprechen, an dem ihr Nachbar bei einem Bombenangriff getötet wurde. Über die Monate, in denen sie mit ihren fünf Kindern auf der Flucht war, in den Kriegswirren ihren Mann aus den Augen verlor. Jawaher und die Kinder hausten in einer Garage und später unter einer Brücke. «Die Kämpfe, die Luftangriffe, die Verletzten und Toten auf der Strasse, es war grauenvoll», sagt sie leise und starrt auf den Boden. Ihr Blick ist leer.

Eine grosse Familie sitzt zusammen.
Wenige Quadratmeter für eine Grossfamilie: Safa (l.), ihre Mutter Jawaher (r., stehend) und Verwandte.
Zwei Frauen begutachten die Kleider.
Jawaher (r.) betreibt einen kleinen Handel mit alten Kleidern. Tochter Safa geht ihr zur Hand.

Aus der Heimat vertrieben 

Jawaher, 38, stammt aus Idlib im Nordwesten Syriens. Vor vier Jahren musste sie ihre Heimatstadt wegen des Bürgerkriegs verlassen. Auf Umwegen gelangte sie in den Libanon, ein Nachbarland Syriens. Seit zwei Jahren lebt sie mit Safa, drei weiteren Töchtern und einem Sohn, der Schwiegermutter sowie einer Schwägerin und deren zwei Kindern auf engstem Raum im Zeltlager Nr. 019, wo sich 92 Familien 58 Zelte teilen. Eine Plastikmatte und ein paar Kissen sind die einzigen Einrichtungsgegenstände im Zelt. Das Lager befindet sich in der Bekaa-Ebene im Osten Libanons und ist etwa 70 Kilometer von Syriens Hauptstadt Damaskus entfernt. Jawaher ist froh, ihre fünf Kinder in Sicherheit zu wissen. «Es ist hart, Zelt an Zelt in diesem Camp zu leben, doch gut, fern vom Krieg zu sein», sagt sie. «Aber ich habe grosses Heimweh. Einst waren wir sehr glücklich. Wir hatten ein kleines Haus, Olivenbäume und einen Garten, der uns ernährte.»

Jawahers Heimat ist verwüstet. Seit über fünf Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Involviert sind das Regime, mehrere oppositionelle Gruppierungen, ausländische Truppen, die die verschiedenen Kriegsparteien unterstützen, sowie die Terrororganisation Islamischer Staat (IS), die im zerfallenden Land ein Kalifat errichten will. Etliche Dörfer und Städte sind zerstört, und immer wieder kommt es zu Massakern an der Bevölkerung. Seit Ausbruch des Kriegs sind über 400 000 Menschen getötet worden. Fast die Hälfte der über 20 Millionen Syrer ist auf der Flucht – die gegenwärtig weltweit grösste Gruppe von Vertriebenen.

Zwei Frauen an der Eingangstür.
«Dann kamen die Bomben. Es wurden immer mehr»: Safa*.
Zwei Frauen essen am Boden.
Keine Küche, kein Tisch – die Flüchtlinge leben unter kargen Bedingungen.
Ein grosses Zeltlager mit einem Velofahrer im Vordergrund.
Im Zeltlager Nr. 019 in der Bekaa- Ebene teilen sich 92 Familien 58 Zelte. Darunter auch Safa mit den Ihrigen.

Die Winter sind eine Katastrophe

Im Libanon leben derzeit geschätzte 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge, über die Hälfte sind Kinder, 560 000 von ihnen hausen in Zeltlagern oder Notunterkünften. Sie haben alles verloren: ihr Daheim, ihre Freunde und manchmal auch die Eltern. Deshalb geht dieses Jahr das gesammelte Geld der «Sternenwoche» an syrische Flüchtlingskinder im Libanon. Die Spendenaktion der «Schweizer Familie» und von Unicef Schweiz findet im November zum 13. Mal statt. Kinder in der Schweiz sammeln für Flüchtlingskinder, damit diese zur Schule gehen können, medizinisch und psychologisch versorgt werden und im Winter genug warme Kleider und Decken bekommen. Denn im Libanon können die Winter eisig kalt sein.

«Die Winter sind nicht einfach nur schlimm, sie sind eine Katastrophe», sagt Jawaher und zeigt auf ihr Zeltdach. «Einmal ist es unter der Last des Schnees schon eingebrochen, alles wurde nass», sagt sie. Sie rüttelt am mit gebrauchten Werbeplanen eingekleideten Holzgerüst, um zu zeigen, wie instabil ihre Behausung ist. Sie sagt: «Wenn wir frieren und ein kleines Feuer machen, husten alle. Denn der Rauch kann nirgends abziehen.» Hinter einem Vorhang bereitet ihre Schwiegermutter Wardeh das Mittagessen zu. «Meistens gibt es Gemüse, alle paar Monate Fleisch», sagt sie, während sie im Schneidersitz am Boden sitzt und die Kartoffeln direkt in die Schüssel auf ihren Oberschenkeln rüstet. Enkelin Safa stellt den kleinen Gaskocher bereit. Abgesehen von einigen Schüsseln und Pfannen, etwas Besteck in einer Blechdose, einer Kanne mit Wasser und einem Sack Kartoffeln ist das Zeltabteil, das als Küche dient, leer. So winzig die Behausung der Familie ist, so sauber kommt sie daher. Nicht einmal die nahe Wellblechlatrine – die einzige sanitäre Einrichtung im Lager – ist zu riechen. «Das Wenige, was wir haben, pflegen wir», sagt Jawaher, «doch kommt uns auch das Wenige sehr teuer zu stehen, denn wir müssen für unsere Unterkünfte viel bezahlen.»

Zwei Mädchen sitzen an der Schulbank.
Zwei Schülerinnen im Unicef-Förderprogramm.
Kindergruppe sitzt am Boden und zeichnet.
Um später an die staatliche Schule zu wechseln, besuchen syrische Flüchtlingskinder Förderkurse.

Förderprogramme für Kinder

Im Unterschied zu vielen anderen Ländern wird den Flüchtlingen im Libanon kein Land zur Verfügung gestellt. Stattdessen müssen sie den Landbesitzern eine Miete bezahlen – je nach Grösse der Parzelle, die sie belegen, sind das bis zu 90 Franken monatlich. Strom und Wasser kosten extra. Über 2000 sogenannte Informal Settlements überziehen das Land. So werden die improvisierten Zeltlager genannt, in denen gut ein Drittel der Syrer Zuflucht gefunden hat. 363 000 allein in der Bekaa-Ebene, wo auch Safas Familie lebt. «Die Camps sind wie Streusiedlungen », sagt Hiba Shaaban, 32, Mitarbeiterin von Unicef Libanon, «es ist eine grosse Herausforderung, den Menschen hier zu helfen.» Die Zeltlager seien ohne Eigenleben. «Es gibt keine Läden, keine Bäcker, keine Spielplätze. Und auch keine Schulen. » Noch immer sind darum rund 200 000 der insgesamt etwa 800 000 syrischen Flüchtlingskinder im Libanon ohne Zugang zu Bildung. Der Grossteil konnte aber dank Unicef in den libanesischen Staatsschulen oder in Förderprogrammen untergebracht werden.

Zum Beispiel im Städtchen Saadnayel, wo syrische und libanesische Kinder gemeinsam die Schule besuchen. Gerade ist Pause. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus ihren Klassenzimmern, strömen fröhlich schwatzend auf den Schulhof, gefolgt von den Lehrerinnen. Unter ihnen die Libanesin Farah al-Housseini, 19, die einen Jungen zur Seite nimmt. «Er hat wieder Radau gemacht», erklärt sie seufzend, «also versuche ich ihn aufzumuntern und ermutige ihn, in der Schule mehr mitzumachen.» Farah al-Housseini ist Arabischlehrerin in Saadnayel und unterrichtet im Rahmen von Unicef-Förderprogrammen. «Die syrischen Kinder lieben es zu lernen», sagt sie. «Viele waren jahrelang auf der Flucht, ich merke, dass sie glücklich sind, eine Beschäftigung zu haben.» Der zwölfjährige Malek etwa blühe in der Schule auf. Mit seiner Familie ist er vor zwei Jahren aus dem syrischen Daraa nach Saadnayel geflüchtet. Malek geht gern in die Schule, «auch wenn ich noch Französisch lernen muss». Die Sprache braucht er, weil an der Staatsschule Fächer wie Mathematik in Französisch unterrichtet werden. «Es ist schön im Libanon», sagt Malek, «es ist schön, ist mein Alltag hier geregelt.»

Kinder spielen auf dem Schulhausplatz.
Pause in der Schule in Saadnayel. Hier werden syrische und libanesische Kinder gemeinsam unterrichtet.

Flucht über die Berge 

Anders sieht es bei den Kindern aus, die ihre Tage beschäftigungslos in den Zeltcamps fristen. Wie Safa, Tochter von Jawaher. «Seit vier Jahren gehe ich nicht mehr zur Schule», sagt sie bedrückt. Bald dürfe sie aber einen einwöchigen Förderkurs in ihrem Zeltlager besuchen, «darauf freue ich mich». Unterdessen geht sie ihrer Mutter zur Hand, die einen kleinen Handel mit gebrauchten Kleidern betreibt. Mit andern Kindern spielt sie selten. «Meist sitze ich einfach nur im Zelt rum», sagt Safa. Und beginnt plötzlich von zwei Jungen zu erzählen, die ihre Mutter vor wenigen Tagen aufgenommen hat. Der 15-jährige Ahmed und der 14-jährige Mohamed, so Safa, seien allein aus Idlib geflüchtet und über die Berge in den Libanon gewandert. «Ihr Vater ist im Krieg umgebracht worden.» Safas Stimme bricht. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das Mädchen beginnt zu weinen. Und sagt: «Auch ich weiss nicht, ob mein Vater noch lebt.»

Ein Junge legt dem anderen den Arm um die Schulter.
Die Brüder Ahmed (l.) und Mohamed sind allein aus Syrien geflüchtet. Ihr Vater wurde im Krieg getötet.
Junge Frauen stehen beieinander.
«Ich baue zu jedem Kind eine Beziehung auf»: Farah al-Housseini (2. v. r.).

Ein kleines bisschen Frieden 

Kinder mit traumatisierenden Erlebnissen und getöteten Angehörigen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel in den Zeltlagern, wo die syrischen Familien Tag für Tag das Beste aus ihrem Leben zu machen versuchen. Das Zeltlager Nr. 036 bei Zahlé in der Bekaa-Ebene ist eines der ersten, in denen sich die syrischen Flüchtlinge niederliessen. Die Zelte stehen hier nicht dicht an dicht, und in den Gassen spielen Scharen von Kindern. Viele Familien sind schon etliche Jahre hier, sie haben so etwas wie Wohnlichkeit hergestellt. In Töpfen wachsen Blumen, jedes Zelt ist mit einem grossen Wassertank ausgestattet, da und dort sind Satellitenschüsseln installiert, sogar ein kleiner Gemüsegarten wird gehegt. Ein kleines bisschen Frieden.

Hier lebt Ahmed. Der 36-Jährige stammt aus der syrischen Stadt Aleppo und ist seit fünf Jahren im Libanon. Wie viele andere syrische Flüchtlinge verdingt er sich für umgerechnet 19 Franken tageweise schwarz auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Ansonsten sei er «zum Nichtstun verdammt». So erlebt Ahmed sein Dasein im Camp. Auch sein 13-jähriger Sohn arbeite für knapp 7 Franken täglich auf den Feldern. «Aber nur im Sommer, wenn keine Schule ist», betont Ahmed, wohl wissend, dass viele Kinder ein härteres Los haben. Tausende syrische Flüchtlingsfamilien sind wegen der hohen Preise für ihre Zeltbehausungen verschuldet. Tausende Kinder müssen arbeiten, damit die Familien über die Runden kommen. Sie können nicht zur Schule gehen. So verpassen sie es, etwas zu lernen und an einer eigenen Zukunft zu bauen.

Auf dem Zelt steht «Heimat für deine Träume», eine Frau steht davor.
Die Menschen bauen ihre Unterkünfte aus alten Werbeplanen. Auf diesem Zelt steht der Slogan «Home to your Dreams» (Heimat für deine Träume).
Kinder vor ihrem Zelt.
Syrische Kinder vor ihrem Zelt. Viele von ihnen sind traumatisiert.
Grosses Zeltlager mittendrin ein Strommast.
Zeltlager Nr. 019 ist eines von über 2000 im Libanon, einem Nachbarland Syriens.

Zurück in die Heimat 

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, sind die Flüchtlinge auf Hilfe angewiesen. Nur einige Dutzend Kilometer von Syrien entfernt, harren sie in ihren Zeltlagern aus, um so bald wie möglich wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Das ist ihr grösster Wunsch. Die Unicef- Mitarbeiterin Hiba Shaaban hat viele Gespräche mit den im Libanon lebenden Menschen aus Syrien geführt. Sie sagt, die grosse Mehrheit habe nicht das Bedürfnis, auf der Suche nach besseren Bedingungen weiterzuziehen. «Und schon gar nicht ins ferne Europa», wie es Jawaher aus Zeltlager Nr. 019 formuliert. Wieder nimmt sie die Hand ihrer Tochter Safa. «Wenn der Krieg morgen vorbei wäre», sagt sie, «würde ich mich mit meinen Kindern sofort und zu Fuss auf den Weg machen. Zurück in die Heimat, zurück in mein Syrien.»