Im Walter Zoo in Gossau lebt eine ­Schimpansen-Sippe in einem Daheim, das ihnen fast so viel Abwechslung bietet wie die freie Natur. Dank Kameras im Gehege können Sie beobachten, wie die ­Menschenaffen ihre Jungtiere aufziehen, Freundschaften pflegen und Gezänk schlichten.

Text: Susanne Rothenbacher
Fotos: René Ruis

Es ist Feuerwehrschlauch-Zeit. Für die Schimpansen im Walter Zoo bei St. Gallen bedeutet das: Party-Zeit. Denn auf Feuerwehrschläuche stehen sie besonders. Bevor die Party starten kann, präparieren die Tierpfleger die in Stücke zerschnittenen Feuerwehrschläuche. Sie wickeln Leckereien in Packpapier und stopfen ­diese in die Schlauchstücke. Dann kanns los­gehen. Und wie es losgeht!   

Party-Zeit bei den Schimpansen!

Jeder der Schimpansen schnappt sich einen der Schläuche. Manche kauen darauf herum – erfolglos. «Deshalb verwenden wir Feuerwehrschläuche», sagt Zoodirektorin Karin Federer. «Sie sind stabil genug, um den Zähnen der Schimpansen zu widerstehen.»

Andere schlagen die Schläuche gegen einen Baumstamm und hoffen, dass die Leckerbissen herausfallen. Dritte stochern mit einem Ast nach dem begehrten Snack. Und ganz Schlaue verfallen auf die Idee, dass im Schlauch eines Kollegen etwas viel Besseres steckt als im eigenen. Binnen Sekunden bricht Streit aus. 17 Schimpansen jagen zeternd durchs Gehege, mittendrin die beiden Weibchen Fanny, 18, und Tzippi, 26, an deren Bauch sich je ein Baby klammert. Die Jungtiere, zwei Mädchen, sind auf den Tag gleich alt: Beide kamen am 21. Juni auf die Welt. 

Andere schlagen die Schläuche gegen einen Baumstamm und hoffen, dass die Leckerbissen herausfallen.

Vielleicht gelingt es Ihnen über unsere Livecams auch, ab und zu einen Blick auf das dritte Jungtier zu erhaschen, das vor kurzem geboren wurde. Yamari, auch es ein Mädchen, wird zurzeit von den Tierpflegern betreut. Denn es erlebte einen dramatischen Start ins ­Leben. Als bei seiner Mutter Balima, 22, am 12. Juli die Wehen einsetzten, kletterte diese zuoberst auf einen Baumstamm. «Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Schimpansinnen gebären auf Bäumen», erklärt Karin Federer. «Sie fangen das Kleine auf, wenn es kommt.» Nicht so ­Balima. Sie tat nichts. 

Allerdings schien die ranghöchste Schimpansin Chicca, 34, geahnt zu haben, dass Balima mit der ­Geburt überfordert sein könnte. Auf alle Fälle war sie zur ­Stelle und fing das Junge auf. Chicca begann sogar, Milch zu produzieren, obwohl ihr jüngster Sohn Mojo mit seinen 11 Jahren längst entwöhnt ist.

Yamari soll den Kontakt zu den Schimpansen nicht verlieren.

Weil Yamari trotzdem jeden Tag schwächer wurde, entschloss sich Karin Federer, das Affenbaby in menschliche Obhut zu nehmen. Allerdings soll Yamari den Kontakt zu den Schimpansen nicht verlieren.
Ihre Betreuerinnen halten sich Tag und Nacht mit ihr bei der Anlage auf und zeigen sie immer wieder der Gruppe. «Das Ziel ist, Yamari im Alter von etwa einem halben Jahr an Chicca zurückzugeben», sagt ­Karin Federer. «Nur wenn sie in der ­Gruppe aufwächst, kann sie sich zu einer normalen Schimpansin entwickeln. Handaufzuchten bleiben oft ein Leben lang Aussenseiter.»

Schimpansin mit Jungem sitzt auf Stein
Eine Handvoll Zärtlichkeit: Schimpansin Tzippi lässt ihr Junges ihre ­Finger erkunden.
Schimpansen in einem Aussengehege
Die Schimpansensippe wohnt im Zentrum des Zoos. Mit Sicht auf die Besucher.
Zwei Affen halten einen Eisblock
Ein Fall von Affenliebe. Malik (r.) und seine Mutter Elisha hocken viel zusammen.

Das Schimpansen-Gehege im Walter Zoo ist eine der vorbildlichsten Anlagen Europas für die artgerechte Haltung dieser hochintelligenten Tiere – und das, obwohl sie bereits seit 25 Jahren steht. Entworfen und gebaut hat sie Ernst Federer, der Vater von Karin Federer. «Zuvor hatten wir nur Platz für drei Schimpansen. Das Wichtigste für Schimpansen aber ist das Leben in der Gruppe, mit mehreren Männchen und Weibchen. Das wollten wir ihnen bieten.» 

Futtersuche gibt zu tun

In einer Schimpansen-Sippe hat das ranghöchste Männchen die Aufgabe, für Ruhe zu sorgen und zu schlichten, wenn sich die Weibchen in die Haare geraten. Zudem muss es die Seinen schützen. Vor Feinden, aber auch vor Übergriffen anderer Clans. Ohne die Unterstützung von Freunden ist das schwierig. «Schimpansenmännchen pflegen sehr intensive, oft lebenslange Freundschaften», sagt Ernst Federer, «aber sie sind auch geschickte Taktierer und können einander gnadenlos in den Rücken fallen, wenn sie darin einen Vorteil sehen.»

Viel zu tun gibt den Schimpansen das tägliche Beschaffen von Futter. 

Ernst Federer erfüllt es mit grosser Zufriedenheit, wie viele ihrer natürlichen Bedürfnisse die Schimpansen im Walter Zoo ausleben können. «Wir können ihnen fast alles bieten, was sie in freier Natur auch haben würden – ausser Angriffe von Feinden und Konflikte mit anderen Clans.»

Viel zu tun gibt den Schimpansen das tägliche Beschaffen von Futter. Das müssen sie sich erarbeiten. An diversen Stellen hängen Plexiglas-Kästen, ähnlich einer Chügelibahn, aus der die Schimpansen das Futter herausfummeln müssen. Drinnen wie draussen stehen künstliche Termiten­hügel. In die Löcher träufeln die Pfleger Honig oder Birnel. Nur wer sich einen Stock in der richtigen Grösse bastelt, kommt an die Süssigkeit heran. Auch fliesst ein kleiner Bach durch den Aussenbereich. «Schimpansen sind zwar wasserscheu, trotzdem fasziniert es sie, zu planschen und Dinge aus dem Bach zu fischen.»

Für die Schimpansen ist es unterhaltsam, die Besucher zu beobachten.

Ganz bewusst hat Ernst Federer die Anlage im Zentrum des Zoos platziert. Im Aussengehege geniessen die Schimpansen eine grandiose Aussicht auf den Zoo, die Besucher und das Umland. «Für die Schimpansen ist es genauso unterhaltsam, die Besucher zu beobachten, wie umgekehrt», sagt Federer schmunzelnd.

Wer die Anlage genau betrachtet, dem fällt auf, dass sie gespiegelt ist. Zwei grosse Innenräume liegen nebeneinander, ein unterirdischer Tunnel führt in den ebenfalls zweigeteilten Aussenbereich.

«Ursprünglich liebäugelte ich mit dem Gedanken, neben den Schimpansen Gorillas einzuquartieren», erzählt Ernst Federer. Bereits während des Baus aber verwarf er die Idee: «Ich fand es nicht mehr erstrebenswert, die neue Bewegungsfreiheit der Schimpansen einzuschränken, kaum dass sie geschaffen war.»

Schimpansin mit Jungem sitzt auf einem Baumstamm
Guckt selbst­bewusst, ist selbstbewusst – Mama Tzippi gehört zu den ranghöchsten Weibchen.
Schimpanse sitzt auf Stein mit einem Stecken in den Händen
Mit einem ­Stecken stochert Balima in einem Stück Schlauch nach Futter.
Frau mit einen Schimpansenbaby neben Schimpansen hinter einem Fenster
Tierpflegerin Brena Costa da Rocha zeigt dem Affenkind Yamari seine Artgenossen. Das Junge, das von seiner Mutter Balima verstossen wurde, soll bald wieder in die Sippe zurück.

Er sei «gottenfroh», so entschieden zu haben. «Weil wir so die Möglichkeit haben, auf die soziale Dynamik in der Gruppe zu reagieren.» Sollte sich etwa eine Untergruppe bilden, die sich vom Clan abspalten möchte – was in freier Natur immer wieder mal passiert –, genügt es, einige Schieber zu schliessen, um jeder Gruppe einen eigenen Lebensraum zu bieten. «Bis jetzt war das zum Glück noch nie nötig.»

Nötig war es jedoch, im letzten Herbst jene Tiere zu separieren, die sich fortpflanzen durften. «Wir bestimmen nicht selber, wer wann Junge haben darf», erklärt Karin Federer, die Anfang Jahr die Leitung des Tierbereichs von ihrem Vater übernommen hat.

Der Zoo als Arche Noah

Der Walter Zoo ist Mitglied des Vereins Zooschweiz, der Dachorganisation der wissenschaftlich geleiteten Zoos der Schweiz, der mit der europäischen Zoovereinigung EAZA zusammenarbeitet. Damit ist das Ostschweizer Familienunternehmen eingebunden in diverse europäische Erhaltungszuchtprogramme – auch in jenes der Schimpansen. «Das Ziel ist, die genetische Vielfalt von vom Aussterben bedrohten Tierarten zu bewahren», erklärt Karin Federer. «Deshalb gibt der Zuchtbuchkoordinator Empfehlungen ab, in welchem Zoo sich welche Tiere fortpflanzen sollen.»

Neuere genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass die letzten etwa 350 000 bis 400 000 Schimpansen Afrikas verschiedenen Unterarten angehören. Es gibt noch 181 000 bis 256 000 Ostafrikanische Schimpansen, 15 000 bis 65 000 Westafrikanische sowie etwa 128 700 Zentralafrikanische Schimpansen. «Einige unserer Schimpansen sind Hybriden, sie haben west- wie zentralafrikanische Vorfahren», sagt Karin Federer. «Ein Grossteil jedoch sind reine Westafrikaner.» Deren Gene sollen weitergegeben werden. 

Zoos investieren heute viel in den Naturschutz.

Ein moderner Zoo, ist Karin Federer überzeugt, hat mehrere Funktionen. Eine davon ist die einer Arche Noah, wo vom Aussterben bedrohte Tierarten überleben können – um sie, wenn für sie wieder ­genügend Lebensraum geschaffen wurde, auswildern zu können. «Zoos investieren heute viel in den Naturschutz», sagt ­Ka­rin Federer.

Ganz konkret arbeitet der Walter Zoo mit dem Jane-Goodall-Institut Schweiz zusammen. Die Organisation hat sich auf die Fahne geschrieben, die Visionen der berühmten britischen Schimpansen-Forscherin umzusetzen. In Uganda ­betreibt sie Naturschutz- und Forschungsprojekte und setzt sich für die Bildung der einheimischen Bevölkerung ein. 

Von allen Schimpansenmännchen im Walter Zoo erhielt vor allem Cess das Recht, sich fortzupflanzen. Mit seinen 42 Jahren ist er der älteste Schimpanse hier. Er durfte gleich mit zwei Gespielinnen ins Séparée – mit der schwierigen Balima und der unkomplizierten Fanny. In freier Wildbahn wäre Cess kaum mehr zu einer solchen Chance gekommen, hat er doch seine Führungsposition an den 16 Jahre jüngeren Digit verloren. Allerdings, sagt Ernst Federer, war es eine freundliche Machtübernahme: «Digit behandelt Cess nach wie vor mit viel Respekt.»

Mit seinen 42 Jahren ist Cess der älteste Schimpanse im Zoo.

Digit, sind sich Karin und Ernst Fede­rer einig, agiert nicht nur fair, sondern auch klug. Denn mittlerweile sieht er sich selber Konkurrenz ausgesetzt. Obwohl erst 11 Jahre alt, setzt der selbstbewusste Muskelprotz Mojo viel daran, Digit von der Spitze der Rangordnung zu verdrängen. «Manchmal jedoch ist Mojo mit den Aufgaben überfordert, die die Alpharolle mit sich bringt», erzählt Karin Fede­rer. Vor allem, wenn es darum gehe, sich gegen Weibchen durchzusetzen, die einander nicht grün sind. In solchen Momen­ten zeigt sich, wie umsichtig Digit ist: Statt den jungen Nebenbuhler ins Messer laufen zu lassen, greift er ordnend ins Geschehen ein – und sichert sich damit eine gute Beziehung zu Mojo. 

Drei Geburten in einem Sommer, eine Ablösung an der Hierarchiespitze der Männchen – die Schimpansen-Sippe im Walter Zoo kann sich nicht über Langeweile beklagen. Bald werden noch mehr Veränderungen auf sie zukommen: «Die Anlage ist für etwa zehn bis fünfzehn ­Tiere konzipiert. Wir werden die Gruppe verkleinern und nächstes Jahr sechs Männchen an einen Zoo in der Ukraine abgeben», sagt Karin Federer. Und dann ist da noch die kleine Yamari, die in wenigen Monaten zu ihrem Clan zurückkehren soll. 

Schimpanse steht auf einem Holzvorsprung
Balima, lange eine Einzelgängerin, ist nun gut in die Gruppe integriert.
Schimpansin mit Jungem hangelt sich von Baum herunter
Das Junge ist dabei, wenn Fanny mal schnell eine artistische Einlage demonstriert.
Frau und Mann vor einem Schimpansengehege
Karin und Ernst Federer.

Familienunternehmen Walter Zoo

Das Abenteuerland Walter Zoo in Gossau SG ­gehört zu den führenden Schweizer Zoos. In art­gerechten Gehegen werden 120 verschiedene Tier­arten gehalten, zudem bietet der Zoo, zu dem auch ein auf dem Gelände stationiertes Theaterzelt gehört, 60 Personen Arbeit.

Gründer des Familienunternehmens war der österreichische Artist und Tiertrainer Walter Pischl. Der Liebe wegen liess er sich in der Schweiz nieder. 1961 eröffnete er in Gossau einen kleinen Tierpark, 1985 übergab er die ­Leitung an seine jüngste Tochter Gabi – die in den 1990er-Jahren als erste Hauskatzen-Dompteurin bekannt wurde – und ihren damaligen Mann Ernst Federer. Die Federers haben den Zoo laufend vergrössert. 1993 entstand eine moderne Schimpansen­-Anlage, 2009 folgte ein Tigergehege, 2017 kam ein Savannenhaus hinzu, und Ende September wird die neue Löwen­anlage eröffnet.

Mittlerweile gestaltet die dritte Generation den Zoo mit. Karin Federer hat die Zooleitung übernommen, während ihre Schwester Jeannine in die Fussstapfen von Mutter Gabi ­Federer tritt und für die Gastronomie und den künstle­rischen ­Bereich zuständig ist.

www.walterzoo.ch
Ausflug in den Walter Zoo

Steckbrief der Schimpansen

Verbreitung:
Schimpansen bewohnen den Tropenwaldgürtel Afrikas.

Lebensweise:
Gemeinschaften mit durchschnittlich 35 Mitgliedern.

Fortpflanzung:
Weibchen haben alle 4 bis 5 Jahre ein Junges, das erste mit etwa 13 Jahren. 

Tragzeit:
7 bis 8 Monate.

Lebenserwartung:
Etwa 50 Jahre.

Werkzeuggebrauch:
Schimpansen stellen Werkzeuge sowie Hämmer oder Angeln selber her. Sie brauchen sie, um Nahrung zu ­beschaffen, zur Verteidigung, für die Körperpflege oder die Kommunikation.

Die kleine, von Hand aufgezogene Schimpansin Yamari konnte anfangs November bereits wieder in die Gruppe integriert werden. Sie und Chicca, ihre Ziehmutter und ranghöchste Schimpansin, sind also ab sofort auch in der Aussenanlage zu sehen. 

Hier gehts zum Schimpansen-Livestream