Im schottischen Edinburgh hat alles das richtige Mass. Harmonisch sind die Bauten, grosszügig die Plätze. Besucher tauchen in die Vergangenheit ein, schwelgen in der Gegenwart und sind angetan von der Herzlichkeit der Menschen.

Der Freundlichkeit ist eine Stadt ­gebaut: Edinburgh. Dafür steht schon sein internationales Festival Fringe. Jeder, der ein Podium findet, kann auftreten, ob an festen Spielstätten, Podesten im Freien, in Kirchen oder sogar Privatwohnungen. So kommen Sommer für Sommer 60 000 Bühnenaufführungen zusammen und Millionen von Be­suchern. Dazu gesellen sich das weltberühmte Military Tattoo, Filmfestivals und Musikfeste.

Auch im Hafenquartier Leith zeigt sich Schottlands Hauptstadt grosszügig. Boulevards, Plätze und moderne Verwaltungs­gebäude entstiegen dem Niedergang in den 1980er-Jahren.

Am Pier wartet die königliche Jacht Britannia. Einst befuhren mit der kühn geschnittenen Schönheit die Angehörigen des Königshauses die Weltmeere. Heute empfängt der schwimmende Palast Normalsterbliche zur Erinnerung an die royale Vergangenheit. Zum Schwelgen in der Gegenwart laden Bars und Restaurants ein wie das «Shore» an der gleichnamigen Strasse. Jazzbands ­haben hier eine Bühne. Whisky- und Bierliebhaber geniessen die gepflegte At­mo­sphäre und Kenner von Austern und ­anderen Meeresfrüchten eine erlesene Auswahl. Die Kellner, ebenso vornehm im Auftritt wie im Abgang, empfehlen geduldig und doch mit Autorität zum Beispiel die Felsen-Austern an Knoblauchsauce mit Parmesansplittern. «Sie werden sich im Himmel wähnen …»

Nur auf dem Leith Walk, der Verbindungsstrasse ins Zentrum von Edinburgh hinauf, lässt sich erahnen, wie es hier in den Zeiten des Verfalls zugegangen sein mag, die Irvine Welsh, 58, in seinem Kultroman «Trainspotting» von 1993 beschrieb und Danny Boyle 1996 verfilmte. Spelunken, Tattoo-Ateliers, Friseursalons und Wettstuben streiten sich mit Spezia­litätenläden, Gin-Kellern oder einem Gebrauchtkleiderladen. Aber auch hier ist die Freundlichkeit zu Hause: Zwei Fremde, vom Hafen her kommend, werweissen darüber, welcher Bus sie an Edinburghs Hausstrand Portobello bringe. Sie wollen sehen, wo im 19. Jahrhundert ein gewisser Arthur Conan Doyle als Kind seine Sommer verbracht hat, bevor aus ihm der Schöpfer von Sherlock Holmes wurde. Ein Herr, vor ihnen gehend, dreht sich um und gibt ihnen die Informationen, als wäre er Fremdenführer. Wie sich herausstellt, ist er der Inhaber der muslimischen Metzgerei weiter oben an der Strasse. Ausserdem empfiehlt er, wenn schon an einem trüben Tag nach Portobello, dann nicht ohne das Tide-Café zu besuchen. Bibliothek, Galerie und Teestube mit Aussicht auf das Meer.

Ein Bus fährt eine Strasse mit alten Gebäuden entlang.
Hort der Kunst: Schottlands Nationalgalerie an der Princes Street.
Ein Salon in einem Museum.
Das bürgerliche Leben im 18. Jahrhundert: Ausgestellt im Georgian House Museum.
Ein Strand, im Hintergrund eine Häuserzeile.
Der Hausstrand von Edinburgh: Schöne Aussichten für Flaneure.

Reinschauen erwünscht

Im Quartier Broughton haben die Häuserreihen aus Sandsteinquadern keine Vorhänge. Hinter den Fenstern zeigen sich Stuckdecken, Holzböden und Tische mit Kerzenleuchtern drauf. An den Wänden prangen Bilder. «Als riefen die Bewohner: Reinschauen erwünscht», sagt Virginia Heath, Filmregisseurin, 45, die mit ihrem Mann Grant Keir, 58, Produzent, aus London hergezogen ist. Ihr ­gemeinsames Werk «From Scotland with Love» von 2014 ist auch eine Hommage an die Stadt, deren Beständigkeit im Wandel sie in Broughton verkörpert sieht. Spezialitä­tenläden, Yoga-Boutiquen und Bio-­Bäcke­reien verraten, dass sich hier die neusten Schichten von Edinburghs Kultur- und Geschäftsleben mit Alteinge­sessenen mischen. Vielleicht findet auch die junge Spanierin im Restaurant Rollo an der Broughton Street 14 ihr Glück. Sie kam vor fünf Jahren als Studentin aus der Extremadura, wo die Jugendarbeits­losigkeit 50 Prozent überschritt, und blieb. Jetzt hat sie Angst vor dem Brexit. Dieser könnte sie zur Ausländerin ohne Aufenthaltsstatus machen, auch wenn die Schotten mit grosser Mehrheit in der EU bleiben möchten.

Ein paar Schritte weiter beginnt an der Queen Street die ‹New Town›.

Der etwa 1500 auf 1000 Meter grosse Stadtteil trägt seine Geschichte im Namen: Das alte Edinburgh, über Jahrhunderte auf seinem knapp halben Quadratkilo­meter grossen Vulkanfelsen zu einer Stadt mit 50 000 Einwohnern gewachsen, platzte im frühen 18. Jahrhundert aus allen Nähten. Höher konnten die Häuser nicht wachsen, enger die Gassen nicht werden. Das Abwasser blieb in den Rinnen stehen. Seuchen und Verbrechen suchten die Stadt heim. Da hatte der ­Bürgermeister 1766 die Idee, eine neue Stadt zu erschliessen. In einem Architekturwettbewerb gewann ein Konzept, das ein Schachbrettmuster aus drei parallelen Prachtstrassen vorsah. Gassen verbanden die einzelnen Gevierte, die Platz für Wohnanlagen, Geschäfte und Ateliers ­boten. Die «New Town» wuchs zu einer auf der ganzen Welt bewunderten Modellstadt. Heute gehört das Ensem­ble aus klassizistischen Gebäuden zum Unesco-Welterbe. 

Mit einem Besuch bei Harvey Nichols, dem vornehmsten Warenhaus der Stadt, lässt sich zwischen vornehmem Tuch und erlesenen Düften ein solcher Bau begehen. Das Museum Georgian House am Charlotte Square 7 zeigt das bürgerliche Leben von damals von der Küche bis zum Schlafzimmer. Zwei Strassen weiter, in Heriot Row 17, lebte als Kind zwischen 1857 und 1878 Robert Louis ­Stevenson. Er schrieb später den weltbekannten Abenteuerroman «Die Schatzinsel» oder die schaurige Geschichte von «Dr. ­Jekyll und Mr. Hyde».

Ein beleuchtetes Restaurant.
Inspirierendes Lokal: Im ­«Elephant House» schrieb J. K. Rowling an «Harry Potter».
Portrait eines Mannes mit Schnauz.
Sir Arthur Conan Doyle, Schriftsteller
Ein Clown zeigt auf der Strasse eine Vorführung vor Publikum
Die Stadt wird zur Bühne: Am Festival Fringe gibt es Sommer für Sommer Zehntausende von Aufführungen.

Legionen von Berühmtheiten

Wer über die Jahrhunderte sonst noch Spuren hinterliess, ist in der National Portrait Gallery an der Queen Street verewigt, vom James-Bond-Archetypen Sean Connery über den schottischen Fussballhelden Alex Ferguson bis zu Schriftstellern, Philosophen, Unternehmern, Politikern, Königen und hohen Beamten – Legionen, die Edinburgh den Ruf als Stadt der Aufklärung eingebracht haben.

Sogar bei Wind und Regen zeigt sie sich freundlich. Etwa in einer Whisky Society. Dezentes Licht, samtfarbene Tapeten, leise Musik – und hinter der Theke der Kellner. In Jahren der Beschäftigung mit dem schottischen Nationalgetränk erlernte er mit Nase, Gaumen und Augen die Geheimnisse des bernsteinfarbenen Schatzes. Er zeigt, wie ein Tropfen Wasser im Glas die Geschmacksnote noch einmal verstärkt, und verhilft dem Gast zur rich­tigen Wahl unter den Flaschen an der Wand. Zahlencodes auf den Etiketten verraten Brennerei, Produktionsjahr, Lagerung, geschmackliche Varianten von torferdig bis holunderfruchtig mit Hunderten von Zwischennoten.

Kein Drängeln, kein Stau

Beim Spaziergang danach fällt auf: Sogar der Verkehr gibt sich in Edinburgh zuvorkommend. Kein Hupen, kein Rasen und Drängeln, kein Stau. Selbst wenn die Autos Grün haben und dennoch jemand über die Strasse irrt, wird angehalten. «Edinburgh ist eine Stadt für Fussgänger», sagt Grant Keir. ­«A human sized city», präzisiert Regis­seurin Virginia Heath, «eine Stadt mit menschlichen Ausmassen», und meint dabei nicht nur die kurzen Distanzen, ­sondern auch ihre Architektur: keine Bauten, die erdrücken, kein Gigantismus, in dem man sich verliert. Sie meint auch das viele Grün; das demokratische ­Zusammenleben während Jahrhunderten, die Tausenden von Studenten an drei Universitäten, die der Stadt immer ein junges Antlitz verleihen.

Neues und altes Edinburgh teilt die Princes Street. Hier steht auch Schottlands Nationalgalerie mit Bildern und Skulpturen vom Mittelalter bis zu den Meistern des Impressionismus.

Einen Steinwurf weiter liegt das ehrwürdige Hotel Balmoral. Seine Uhr im dominanten Turm läuft immer zwei Minuten voraus. So brechen die Gäste nie zu spät auf. Der Bahnhof liegt gleich nebenan unter einem Glasdach.

Eine rote Brücke führt über einen Fluss.
Baukunst von 1890: Die Forth Bridge.
Eine Steinkuppel auf einem Hügel und Blick über eine Stadt.
Harmonisches Ensemble: Blick vom Kriegerdenkmal auf dem Calton Hill auf Edinburgh.
Portraitbild eines Mannes.
Louis Stevenson, Schriftsteller

Grandioses Scheitern

Weiter östlich wölbt sich Calton Hill. Der Panoramablick auf dem Hügel lohnt den kleinen Spaziergang. Das Kriegerdenkmal für die in den napoleonischen Kriegen gefallenen Schotten war im 19. Jahrhundert als erste Etappe eines Nachbaus des Athener Parthenons geplant. Doch das Geld ging aus. So ragen die zwölf Säulen ins Leere. Nicht besser erging es 150 Jahre später dem Tram in der New Town: Es sollte den Flughafen zehn Kilometer westlich der Stadt mit Leith verbinden, endet jedoch in einem Stummelgleis im Zen­trum. Als «romantic failure» betrachtet Grant Keir dieses Planen und Streben der Stadtoberen, als «grandioses Scheitern». «Man will hoch hinaus, begnügt sich dann mit dem Machbaren und huldigt lieber dem Traum.»

Doch jeder Blick auf Edinburgh wird gebannt vom Schloss auf dem zerklüfteten Fels gegenüber. Seine erste Erwähnung geht auf das Jahr 1093 zurück, berühm­teste Bewohnerin aber war Maria Stuart, Königin von Schottland und Konkurrentin ihrer Tante Elisabeth I. von England, die sie 1587 auf dem Schafott hinrichten liess. Über den Torbogen dräut die Brüstung der Half Moon Bat­tery aus dem 16. Jahrhundert. Dahinter steht die «One O’Clock Gun». Sie wird noch heute von Montag bis Samstag jeweils um 13 Uhr einmal abgefeuert.

Der Palast birgt die schottischen Kronjuwelen und den ‹Stone of Scone›, den Krönungsstein der schot­tischen Könige.


Unterhalb der Espla­nade beginnt das Rückgrat der Altstadt: die ­Royal Mile. Die eine Meile lange, ab­fallende Strasse mit ihren Seitengassen, Hinterhöfen und Gewölben verführt zum Schlendern. Zum Beispiel entlang nordisch bunter Häuser, Antiquitätenläden, Bars und Handwerksläden die Victoria Street hinunter zum Grassmarket: Auf diesem Marktplatz fiel 1564 das erste Fallbeil der Geschichte – «The Maiden», die Jungfrau –, 200 Jahre vor der französischen Guillotine. Das ­kurze Erschauern geht unter im farbigen Treiben von heute. Und spätestens bei Eis oder Kuchen in Mary’s Milk Bar ist jeder Besucher wieder der Ge­genwart dieser Stadt verfallen. Erst nach einem kurzen Spaziergang die Can­dle­­maker Row (Ker­zenmacher-­Stras­se) hinauf mag er sie wieder vergessen. Denn zuoberst in der Ecke wartet der Friedhof der Grey­friars-Kir­che. Ihr berühmtestes Grabmal gilt ei­nem Terrier: Grey­friars Bobby. Der Hund gehörte einem Polizisten und hat nach dessen Tod 1858 an seinem Grab gewacht. 14 Jahre lang. Seinen Platz verliess Bobby nur des Mittags zum Signal der Ein-Uhr-Kanone aus dem nahen Schloss, um im «Coffee House» ums Eck etwas zu essen zu bekommen. Bobby starb 16-jährig. Eine ­lebensgrosse Statue vor dem Friedhof ­erinnert an ihn.


In unmittelbarer Nachbarschaft, an der Georg IV Bridge 21, eröffnete 1995 ein Lokal: «Elephant House». An einem der grossen Fenster mit Blick auf das Schloss sass ab und zu eine blonde Frau. Sie schrieb. Ihr Name: J. K. Rowling. Ihr Werk: «Harry Potter». Aber nicht nur sie fand hier Inspiration, sondern auch Ian Rankin für seine Kriminalromane rund um In­spek­tor John Rebus, die alle in Edinburgh spielen, aber rund um die Welt ihr Publikum finden. Und egal, wohin der Schritt von hier aus noch trägt, bis er zuunterst an der Royal Mile vor den Toren des königlichen Palace of Holyroodhouse ermüdet: Nirgends geht der Besucher ­allein. In ­jedes offene Haus, an jeden verborgenen Winkel begleitet ihn die Freundlichkeit. Und sei es in Person eines anderen Herrn, der ihn zum Hotel zurückfährt. Dabei wollte er nur wissen, welches der kürzeste Weg sei.

Eine Steinkuppel auf einem Hügel und Blick über eine Stadt.
Harmonisches Ensemble: Blick vom Kriegerdenkmal auf dem Calton Hill auf Edinburgh.
Ein Schloss auf einem Hügel.
Dominanter Bau: Das Edinburgh Castle, in dem einst Maria Stuart residierte.
Portrait-Gemälde einer Frau
Maria Stuart, Königin von Schottland

Edinburgh erleben

Anreise 
Von Juni bis September Kontiki-Direktflug ab Zürich nach Edinburgh, jeweils samstags.

Erlebnis 
Afternoon Tea im Edinburgh Castle: Geniessen wie im 19. Jahrhundert, Kuchen, Scones, Sandwiches.
www.edinburghcastle.gov.uk

Eat Walk Tour 
Kulinarisch die Geschichte Edinburghs erfahren. www.eatwalkedinburgh.co.uk

Whisky-Dinner 
3-Gang-Abend­essen im Speisesaal der Scotch Malt Whisky Society in Edinburgh. Ghost and Ghouls Tour durchs abendliche ­Edinburgh: Geheimnisse der Vergangenheit im Untergrund Edinburghs entdecken, www.scotchwhisky­experience.co.uk 

Unterkunft
Der Autor hat im Hotel Motel One gewohnt. Es liegt zen­tral, direkt neben dem Bahnhof und bietet ein ausgezeichnetes Frühstücksbuffet: 10–15 Princes Street, +44 131 5 50 92 20 www.motel-one.com 

Information/Buchung
Kontiki Reisen +41 (0)56 203 66 99, info@kontiki.ch, www.kontiki.ch