Bei Malangen tanzt das Nordlicht über den Himmel, das Schiff der Hurtigruten zieht an eindrücklichen Küstenlandschaften vorbei, auf den Lofoten segeln Seeadler durch den Trollfjord – im Winter zeigt der Norden Norwegens sich von der schönsten Seite.

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Es war noch früh am Tag und kalt. Schnee fiel vom Himmel, mehr Eisklümpchen denn Flocken, und immer wieder erfassten Windböen die Graupel und peitschten sie den Passagieren der MS Orca in die Gesichter. Unbeirrt vom stürmischen Winterwetter hielt das kleine Schiff Kurs auf den Trollfjord, pflügte sich durch die See vor den Lofoten und bügelte die am Bug hochschlagenden Wellen weg. 

Fischen im Trollfjord

Trotz Schneesturm und bissiger Kälte harrte ein Grossteil der Passagiere – hauptsächlich Holländer, einige Deutsche, ein paar Italiener – auf dem mit einer Plane überspannten Aussichtsdeck des Bootes aus. Warm eingepackt in dicke Overalls, gewannen sie selbst dem misslichen Wetter Gutes ab und bejubelten immer mal wieder die durch den Schneeschleier sich zeigende Uferlandschaft. Dann wurde es ruhiger. Die Schneeschauer wurden weniger. Die MS Orca bog in den Trollfjord ein, jenen historisch bedeutenden, von steilen Felswänden gesäumten Seitenfjord des Raftsund, den ich bereits vor einigen Tagen sah, allerdings bei wesentlich besserem Wetter und vom Deck eines Postschiffes der Hurtigruten. 

Es ist ein enger, knapp zwei Kilometer langer Meeresarm, der 1890 die dramatische Kulisse einer Seeschlacht zwischen Küstenfischern und den Mannschaften einiger moderner Dampfschiffe gab. An jenem Märztag fanden die Fischer, die auf ihren Segel- und Ruderbooten dem Kabeljau in den Fjord folgten, die Meerenge von den Netzen und Schiffen einer kommerziellen Fischfang-Flotte versperrt. Mit Rudern und Bootshaken erkämpften sie sich daraufhin freien Zugang zu Fjord und Fisch. Seither ist der Fjord für grosse Schiffe gesperrt, und die Fischer von einst geniessen nicht nur auf den Lofoten, sondern in ganz Norwegen Heldenstatus. 

Zu Recht. Die Schlacht am Trollfjord ist einer der wenigen Wirtschaftskriege, bei denen Grossunternehmer den Kürzeren zogen. Auch deshalb hat der norwegische Schriftsteller Johan Bojer (1872–1959) den Fischern im Roman «Die Lofot­fischer» ein literarisches Denkmal gesetzt.

Flugschau mit Geschrei

An jenem Vormittag, als die MS Orca in den Trollfjord bog, das Tempo drosselte und langsam durch die auf dem Wasser treibenden Eisschollen glitt, waren Fischer und Wirtschaftskrieg weit entrückt. Die rund vierzig, mit guten Kameras und ­starken Objektiven bestückten Passagiere ­waren nicht der Geschichte, sondern der Seevögel wegen an Bord. Und alle hofften, einen der in dieser Gegend häufigen Seeadler vor die Linse zu bekommen. 

Ein kleines Schiff in einem Fjord.
Eisfjord: Wer einen Ausflug in den winterlichen Trollfjord unternimmt, sieht mit etwas Glück Seeadler.
Berge am Meer.
Farbenspiel: Vom Schiff aus zeigen die Lofoten sich im wechselnden Licht.
Menschen mit Feldstecher auf einem Schiff.
Augenweide: Die Hurtigruten-Fahrt von Tromsø zu den Lofoten ist ein Highlight jeder Norwegenreise.

Dort! Beim Felsvorsprung! Mit ausgestrecktem Arm wies ein Passagier auf die Felswand am näheren Ufer. Ein junger Mann der Crew linste durch den Feldstecher. «Ja, ein junger Seeadler. Den sieht man hier öfter.» Sprachs und warf einen toten Fisch auf eine der auf dem Wasser treibenden Eisschollen. «Mal sehen, wenn er hungrig ist, kommt er sich das Futter holen.»

Die Kameras im Anschlag, drängte ein Grossteil der Fahrgäste zur Reling, während ich den Vogel erst mal finden musste. Dann, eine Bewegung in einer Felsnische, und da war er, liess sich erst in die Tiefe fallen, segelte dann nah beim Schiff über den Fjord, wurde von der Thermik etwas höher getragen und setzte zu einer ele­ganten Kurve an. Durch das Teleobjektiv ­betrachtet, zeigte der Greif sich als eindrückliches Tier, kräftiger gelber Schnabel, scharfe Klauen, stechender Blick und ein Federkleid, das in verschiedenen Brauntönen glänzt. Der Adler hatte den Fisch entdeckt, pfeilte herunter, wischte über die Wasseroberfläche, krallte sich die ­Beute und flog mit einigen trägen Flügelschlägen zurück zum Felsvorsprung.

Durch das Teleobjektiv ­betrachtet, zeigte der Greif sich als eindrückliches Tier, kräftiger gelber Schnabel, scharfe Klauen, stechender Blick und ein Federkleid, das in verschiedenen Brauntönen glänzt.

Es sollte nicht der einzige Seeadler gewesen sein, den wir an jenem eisigen Vormittag zu Gesicht bekamen. Kurz nach der Fütterung tauchte ein weiterer, älterer Vogel auf. Und etwas später noch einer. Und, eskortiert von laut kreischenden Möwen aller Art, lieferten diese mächtigsten Adler Europas eine Flugschau, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Unvergesslich dürfte einigen der Passagiere auch die Rückfahrt nach Svolvær ­geblieben sein. Denn kaum hatte die MS Orca den geschützten Fjord verlassen, wurde die See rauer, das Wetter schlechter, Schneeschauer prasselten auf das Schiff, das durch immer höhere Wellen stampfte. Über die Bordlautsprecher wies der Kapitän die Passagiere an, sich hinzusetzen, worauf die meisten in die warme Kabine im Untergeschoss drängten – nicht die beste Wahl bei schwerer See.

Ich blieb auf Deck, zog die Kapuze des Overalls über den Kopf und den Reissverschluss ganz nach oben, blinzelte durch Schnee und Wind, sah zu, wie das Ufer sich durch das Schneetreiben mal deut­licher, dann wieder verblasster zeigte, und während die Gesichtsfarbe vieler meiner Mitreisenden ins Gelbgrünliche wech­selte, summte ich im Stillen einige Zeilen eines Songs der deutschen Rockgruppe Element of Crime – «Merkst du denn, wie weit der Horizont sich neigt? Das leise Zittern, wenn das Schiff ganz langsam in die Höhe steigt. Wie eine alte Frau, die sich mit Mühe aus dem Sessel hebt. Wie alles um uns bebt und ächzt und stöhnt. Als ob es lebt, als ob es lebt.»

Ein Lied von Feuer und Eis 

Kurz vor Svolvær hörte es auf zu schneien, die See wurde ruhiger, die MS Orca bockte nur noch selten, doch die Wolkendecke hing weiterhin dicht und tief. Auch wenn auf den Lofoten das Wetter im Nu wechseln kann, in jener Nacht würden die Polarlichter verborgen bleiben. Laut Wetterprognosen sollte es erst tags darauf aufklaren.

Eisschollen im Meer.
Eiszeit: Eine zum Teil zugefrorene Lagune bei dem Lofoten-Hauptort Svolvær.
Ein Haus an einem Hafen.
Tafelfreuden: In Svolværs nostalgischem Restaurant Børsen kommt getrockneter und fangfrischer Fisch auf den Tisch.
Eine Frau mit einem Lasso in der Hand, daneben steht eine Figur aus Holz.
Training: Die junge Sami-Frau zeigt, wie man ein Lasso wirft.

Schade, denn auf den Lofoten nimmt das tanzende Nordlicht sich besonders schön aus, der grün leuchtende Nachthimmel, der sich im Meer spiegelt, die verschneiten Berge, die im Dunkeln funkelnden Sterne. Es sind verklärte Nächte, wenn die Aurora borealis durch die Nacht tanzt, den Himmel über diesen Inseln hoch über dem Polarkreis verzaubert und ein Lied von Feuer und Eis anstimmt.

Einige dieser flammender Eisnächte hatte ich Tage zuvor erlebt. In Malangen, einem Ort am gleichnamigen Fjord unweit von Tromsø. Meine Freundin und ich verbrachten dort ein paar Tage in einem Resort mit gemütlichen Rorbuer, diesen für Nordnorwegen typischen Pfahlbauten. Dazu genossen wir einen unverstellten Blick auf Meer, Bootsanlegestelle und die gegenüberliegende Bergkette. 

Bereits am ersten Abend nordlich­terte es grünlich über dem Fjord.

Seit Tagen war es eiskalt, minus 20 Grad und weniger, tagsüber dafür strahlender Sonnenschein und nachts sternenklar. ­Bereits am ersten Abend nordlich­terte es grünlich über dem Fjord. Erst etwas zaghaft, dann immer stärker, und mit der Zeit loderte das Polarlicht über Meer und Häuser wie grün glühende Flammen. 

«Im Prinzip funktioniert das Nordlicht nicht anders als eine gigantische Leuchtstoffröhre», erklärte mir einst Jann Engstad, kenntnisreicher Gründer des grössten Outdoor-Veranstalters auf den Lofoten und überdies ein passionierter Polarlicht-Jäger. Es handle sich um ato­mare Teilchen, die bei Sonneneruptionen ins All geschleudert, in der Erdatmo­sphäre magnetisch aufgeladen und mit allerlei Gasen angereichert zum Leuchten gebracht würden. 

Nun, eine überaus prosaische Erklärung für ein derart poetisches Ereignis. Da halte ich mich lieber an die verschiedenen Erklärungen arktischer Völker – Lichter, die Botschaften zu Verstorbenen bringen. Geister, die durch den Himmel tanzen. Seelen auf dem Weg zu den Göttern. Oder von einem erzürnten Polarfuchs aufgewirbelte, vom Sternenlicht erleuchtete Schneekristalle.

In der folgenden Nacht wurde das Füchslein wieder aktiv. Auf dem zugefrorenen Nikkavatn, einem von Wald und Bergen gesäumten See einige Kilometer oberhalb des Malangen-Resorts. Zusammen mit einigen kälteresistenten Hotelgästen standen wir beim Camp Nikka, einer vom Resort unterhaltenen Schutzhütte mit offener Feuerstelle, und blickten zum Himmel. 

Sterne funkelten um die Wette, der Mond war fast voll, und die Temperatur gegen 30 Grad unter dem Gefrierpunkt. Da ist man schon froh, wenn man keine Löcher in den Socken hat. Nun, die meisten der Polarlicht-Jäger hatten sich im ­Resort wohlweislich einen warmen Overall übergezogen, die anderen waren bereits auf dem Rückweg, und am Himmel liess das Nordlicht die grünen Schleier tanzen – Poesie in Bewegung.

Ein Bär im Schnee.
Bärenmarke: Im Polar Park bei Fossbaken, Europas nördlichstem Zoo, beobachtet man einheimische Tiere.
Eine Pfanne über einem Feuer.
Eintopf: Direkt vom Feuer in einem Sami-Zelt schmeckt die köstliche Rentier-Suppe besonders gut.
Ein Adler fliegt durch eine Schnee-Landschaft.
Patrouillenflug: Ein Seeadler sucht den Trollfjord nach fangbarem Fisch ab.
Beleuchtete Häuser am Meer, im Hintergrund Berge.
Naturkulisse: Im Dämmerlicht kommt der Lofoten-Hauptort Svolvær besonders schön zur Geltung.

Eindrückliches und nicht weniger Poe­tisches erfuhren wir schon am ­Nachmittag jenes Tages. Da sassen wir einige hundert Meter weiter südlich vom Camp Nikka in einem Lawu, dem traditionellen Zelt der Samen, und hörten Maria zu, wie sie erst vom Leben der arktischen Ureinwohner erzählte und uns dann lehrte, ohne Streichhölzer Feuer zu machen, und schliesslich die Trommel schlug und dazu leise und wortlos joikte. 

Maria ist eine junge Samin aus dem russisch-norwegischen Grenzgebiet und studiert moderne Sprachen in Genua, rund 3000 Kilometer südlich ihrer Heimat. In Russland, erklärte sie, gab man in Zeiten des Kommunismus wenig auf Tradition und viel von der Kultur der Samen sei vergessenen gegangen. Deshalb habe sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht, lerne trommeln und joiken und gehe der Geschichte ihres Volkes nach, auf dass sie später das Gelernte als Lehrerin weitergeben könne.

Wolf, Bär, Elch und Luchs

Die MS Orca hielt weiterhin Kurs auf Svolvær. Es hatte zwar wieder zu schneien begonnen, aber die See zwischen den einzelnen Lofoten-Inseln benahm sich ge­sittet. Svolvær kam in Sicht. Der Hauptort des Archipels machte einen überaus mürrischen Eindruck, doch ich wusste, dass es auch anders geht. Svolvær ist ein schmucker Hafenort, der sich bei gutem Wetter beinahe glamourös zeigen kann, mit den zackigen, verschneiten Bergen im Rücken und dem Meer vor den Füssen. Doch an jenem Tag hielt die Lofoten-Kapitale sich bedeckt. Am nächsten Morgen dürfte es anders aussehen. Aber da sollte ich bereits wieder unterwegs sein. Erst nach Harstad auf den Vesterålen, dann Richtung Tromsø mit einen Abstecher zum Polar Park bei Bardu. 

Svolvær ist ein schmucker Hafenort, der sich bei gutem Wetter beinahe glamourös zeigen kann, mit den zackigen, verschneiten Bergen im Rücken und dem Meer vor den Füssen.

Ich mag diesen kleinen Tierpark, der sich als «nördlichster Zoo Europas» bezeichnet und in grossen Freigehegen ausschliesslich einheimische Tiere beherbergt. Wölfe etwa. Bären. Elche und Hirsche. Griesgrämige Moschusochsen. Und auch Luchse. Gerade sie zeigen sich oft unbeirrt und wenig scheu, und man kann sie aus nächster Nähe bewundern. Der Luchs ist es übrigens, der den Lofoten zum Namen verhalf – «Lo» heisst Luchs, und «foten» wäre dann Pfote. Oder Fuss.

Die MS Orca legte am Quai des Restaurants Børsen an, und die Besatzung machte sich bereit, das Schiff zu vertäuen. Wir hingegen eilten zum Restaurant, um für den Abend einen Tisch zu reservieren. Das «Børsen» ist nämlich ein ungemein hübsches Fischrestaurant mit nostalgischem Charme und einem musealen Laden, der auch als Réception einer grossen Rorbuer-Anlage genutzt wird. Und mit hervorragendem Essen, das auch von Einheimischen geschätzt wird. Selbst der norwegische König soll hier schon gespeist haben. Also freuten wird uns darauf, in der «Spiseri» königlich zu tafeln und uns die lokalen Spezialitäten fangfrisch auf­tischen zu lassen. Und wenn dann noch immer Schneeschauer über die Insel prasseln sollten, würde das bloss den guten Eindruck verstärken..