Im Bündner Val Müstair stieg unsere Autorin mit Ski hoch hinauf. Auf 3000 Meter über Meer, in eine Welt voller Stille. Den Gipfel des Glücks aber erlebte sie unten im Tal, in der rauchgeschwärzten Küche eines Gasthauses.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise / Rückreise:
Mit dem Zug via Landquart nach Zernez und weiter per Postauto nach ­Müstair.
www.sbb.ch

Skitouren:
Das Val Müstair bietet diverse Ski­touren mit gemässigtem Schwierigkeitsgrad; im Text beschrieben sind Piz Daint ab Plaun dals Bovs südlich des Ofenpasses bzw. ab Halte­stelle Buffalora (WS+, 2½–3 Std.) sowie Piz ­Terza/Urtirolaspitz ab Lü (L, 3 Std.).

Alpine Risiken:
Alle Skitouren im Val Müstair führen durch nicht markiertes Gelände und ­bergen alpine Risiken. Lawinenkenntnisse und entsprechende Ausrüstung sind unabdingbar.

Geführte Touren:

Aventüras in Müstair bietet Touren und Kontakt zu lokalen Berg­führern,
Tel. +41 (0)81 858 55 59. 
www.aventueras.ch

Kloster:
Das Kloster St. Johann in Müstair bietet Führungen; Kirche, Kapelle, ­Museum, Teile des Klosters und der Kloster­laden sind für Gäste ­offen.
Informationen: Tel. +41 (0)81 858 61 89 
www.muestair.ch

Unterkunft:
 
Das historische Hotel Chasa Chalavaina liegt im Dorf Müstair
Reservation: +41 (0)81 858 54 68
www.chalavaina.ch

Weitere Unterkünfte gibt es in allen Dörfern des Val Müstair.


Allgemeine Auskünfte:

Gäste-Information Val Müstair in Tschierv
Tel. +41 (0)81 861 88 40
www.val-muestair.engadin.com

Wir stehen auf dem Gipfel des Piz Terza, gratulieren einander, stellen die Rucksäcke neben das Gipfelkreuz und blicken uns um. Auf die Dörfer und Wälder des Val Müstair, aus dem der Fotograf und ich aufgestiegen sind. Auf den Ortler, dessen Gletscherhaupt im fahlen Winterlicht wie Perlmutt schimmert. Mächtig erhebt er sich als höchster Gipfel Südtirols. Denn mit einem Fuss stehen wir auf dem Piz ­Terza schon in Italien. Und als ich die Ski nach einer Pause wieder anschnalle, stolpere ich fast über den Grenzstein, der neben dem Gipfelkreuz aus dem Schnee ragt.

Per Tourenski könnten wir direkt nach Südtirol abfahren, doch wir wollen zurück ins Val Müstair, wo wir während dreier Tage Skitouren vom Hotel aus unternehmen und das Bündner Tal südlich des Ofenpasses erkunden. Ein Tal, in dem die Kulturen des Alpenraums verschmelzen. Wo man Knödelsuppe isst und den eigenen Dialekt «Rumantsch Jauer» spricht, während die Häuser an Schellen-Ursli ­erinnern und das Kloster im Dorf Müstair an vergangene Jahrhunderte.

Per Tourenski könnten wir direkt nach Südtirol abfahren, doch wir wollen zurück ins Val Müstair, wo wir während dreier Tage Skitouren vom Hotel aus unternehmen.

So sitzen wir nachmittags in der Arvenstube des Hotels Chasa Chalavaina in Müstair, wo uns Gastgeber Jon Fasser, 77, begrüsst und uns nach der Skitour zum Zvieri «eine Gerstensuppe oder einen schönen Salat» empfiehlt. Um dann in seiner Küche zu verschwinden, deren pechschwarze Wände bis heute daran erinnern, dass die Bewohner dieses Hauses während Jahrhunderten auf dem offenen Feuer geräuchert und gekocht haben.

Jon Fasser oder einfach Jonni, wie ihn die meisten im Dorf nennen, kommt selbst aus einer Familie, die seit 600 Jahren in Müstair verwurzelt ist. Doch Bauernbub Jonni zog als junger Mann in die Welt hinaus, wurde Polizist und lebte acht Jahre lang in Zug. Bis ihn sein Vater nach Hause rief. «Um den Familienbetrieb des Chalavaina zu übernehmen.» Das war vor über vierzig Jahren, und wenngleich er diesen Beruf nicht selbst gewählt hat, ist Jon ­Fasser bis heute Hotelier mit Herz und Seele. Einer, der seine Gäste und sein Gasthaus mag. So sehr, dass es jeden Tag geöffnet ist. «Ruhetage und Ferien?», fragt er, als er für einen Schwatz an unseren Tisch sitzt. Nein, das brauche er nicht. «Mit meinen Gästen in diesem Haus zu sein, ist Erholung.»

Ein altes Gebäude an einem Strassenrand.
«Wie eine Grossmutter, die zum Dorf gehört», so beschreibt Priorin Domenica das Kloster St. Johann in Müstair.
Eine Nonne sitzt an einem Tisch.
Priorin Domenica hat im Kloster das Glück gefunden, «meine tiefe, innere Freude».
Eine Frau sitzt an einem gedeckten Tisch und ein Mann bedient sie.
In der rauch­geschwärzten Küche der «Chasa Chalavaina» tischt Gastgeber Jon Fasser das Zmorge auf.

Ein Haus voller Geschichten

Vielleicht fühlen wir uns deshalb so wohl hier. Weil alles in diesem Haus Ruhe ausstrahlt: der Gastgeber, wenn er zum Znacht Braten und zum Dessert Nusstorte serviert. Das Arvenholz, die schwarze Küche und die Balken und weiss getünchten Mauern, von denen keiner genau weiss, wie alt sie sind. «Im Jahr 1254 ­wurde das Gasthaus erstmals schriftlich erwähnt», erzählt uns Jon Fasser nach dem Nachtessen. Händler, Reisende, Söldner und Säumer seien hier während Jahrhunderten eingekehrt. «Und 1499 stand Freiheitsheld Benedikt Fontana auf der Laube dieses Hauses und sprach zu den Soldaten, die danach mit ihm in die Schlacht an der Chalavaina zogen und die Habsburger besiegten.» Wir staunen. «Wie viele Geschichten in diesem Hotel wohnen!», denke ich mir, als wir wenig später an der Laube vorbei in unsere ­Zimmer gehen. Derweil Jon Fasser in der schwarzen Küche noch ein Holzscheit in die Glut im offenen Cheminée legt. Denn bis heute zündet er jeden Tag ein Feuer in der Küche an. Vielleicht, um dem Haus die Ehre zu erweisen und sein warmes Herz am Pochen zu halten. Oder ganz einfach: «Weil es immer so war», wie er mir später sagt.

Lange könnten wir verweilen in dieser Zauberküche. Doch wir wollen an diesem Tag per Tourenski auf den Piz Daint.

Am nächsten Morgen ist das Feuer ­erloschen, nur sein Geruch hängt noch in der Luft. Jon Fasser zündet auf dem ­Küchentisch eine Kerze an, tischt Frühstücksgedecke auf und lädt uns wenig später an seinen Tisch zum Zmorge ein. Wir sind gerührt wie Kinder vor dem Christbaum, als wir in die Küche eintreten, in der die Wärme von Jahrhunderten zu spüren ist, bald unter dem schwarzen Gewölbe sitzen und frisch gebackenes Brot mit hausgemachter Quittenkonfitüre essen, während Jon Fasser uns Cappuccini serviert. Lange könnten wir verweilen in dieser Zauberküche. Doch wir wollen an diesem Tag per Tourenski auf den Piz Daint. Und so verabschiedet uns Jon Fasser nach dem zweiten Cappuccino und wünscht uns einen «bel di!» – einen schönen Tag.

Eine unerbittliche Kälte

«Gut, nahmen wir noch etwas Wärme aus der schwarzen Küche mit», denke ich mir, als wir eine knappe Stunde später in der Nähe des Ofenpasses auf unseren Tourenski durch den Schnee ziehen. Ein kristallklar kalter Wind weht über die Hoch­ebene, auf der sich die Arven zu Gruppen versammelt haben, als wollten sie einander vor der Kälte schützen. Einer Kälte, in der selbst Geräusche zu Eis zu erstarren scheinen und die uns auch dann noch begleitet, als wir weiter oben in einer Samtdecke aus Pulverschnee bergwärts steigen, dem weissen Zacken des Piz Daint entgegen. Erst in seinen Gipfelflanken gleiten wir mit einem Mal in ein Meer aus Licht, während um uns immer mehr Berge auftauchen – erst eine Reihe, dann eine ­zweite, eine dritte. Bis wir über eine Gipfelwelt hinwegblicken, die sich bis zum Horizont ausbreitet.

Ein Grenzstein ragt auf einem Berg aus dem Schnee.
Der Stein, der auf dem Piz Terza aus dem Schnee ragt, markiert die Grenze zu Italien.
Ein altes Gebäude, im Hintergrund Berge.
Im Gasthaus, das 1254 erstmals schriftlich erwähnt wird, rasteten einst Händler, Reisende und Söldner.
Ein schneebedeckter Berggipfel.
Im Zickzack erklimmen die ­Tourenfahrer den Gipfelhang des Piz Daint.

Als wir eine Stunde später den höchsten Punkt des Piz Daint erreichen, schnallen wir die Ski ab und blicken einmal mehr um uns. «Schau, Piz Palü und Bernina mit Biancograt!» – «Und wieder der Ortler!» – «Siehst du den Piz Kesch?» Obwohl wir die Berge längst kennen, erzählen wir ­einander von deren Namen. Vielleicht um dem eigenen Staunen einen Platz zu bieten. Denn nur eines ist am Piz Daint noch schöner als die Aussicht: die Schwünge während der Abfahrt im Pulverschnee. Schwünge, dank denen wir durch die Bergwelt zu schweben scheinen. Schwerelos und frei, als gäbe es nur noch das Glück dieses Moments.

Statt auf Gipfeln hinter Mauern

Diese Berge und diese Freiheit waren es, die Priorin Domenica, 73, fehlten, nachdem sie vor fast fünfzig Jahren ins Kloster St. Johann in Müstair eingetreten war. Denn auf einmal lebte sie, die zuvor mit ihren Freundinnen «wie die Geissen» auf die nahen Gipfel gestiegen war, innerhalb von Klostermauern. Widmete sich der Arbeit, wie es die Schwestern des Benediktinerordens seit Jahrhunderten taten, und betete in einer Klosterkirche, deren 1200 Jahre alte Fresken eine Stille in sich tragen, so tief, dass selbst Besucher heute noch ganz andächtig werden, wenn sie davorstehen.

Doch ihren Beschluss, im Konvent zu leben, hat die Frau mit dem fröhlichen Lachen und den schalkhaften Augen nie bereut. «Das Kloster war für uns Kinder von Müstair wie eine Grossmutter, die zum Dorf gehörte», erzählt sie uns, als wir sie im Kloster treffen. Und schon als kleine Gina – so hiess Domenica früher – habe sie gewusst: «Wenn ich einmal gross bin, will ich wie meine Kindergärtnerin, Schwester Angela, werden.» So habe sie als junge Frau die Ausbildung zur Kindergärtnerin gemacht und in Chur gearbeitet, sei aber bald nach Müstair zurückgekehrt, um als 25-Jährige ins Kloster einzutreten. «Wo ich mein Glück fand», wie sie sagt, die den Konvent nun seit sechs Jahren als Priorin leitet. «Meine tiefe, innere Freude.»

Eine Quelle der Ruhe

Doch auch die Natur und die Berge des Val Müstair mag sie immer noch. Und seit sich das Kloster nach aussen geöffnet hat, geht Priorin Domenica – sie trägt zu ihrem schwarzen Habit mit weissem Kräglein schwarze Crocs – gerne auf ­kleine Wanderungen, geniesst den Blick auf die Berge oder besucht mit den anderen Schwestern ein Dorffest. Das Leben im Kloster indes sei Mittelpunkt ihres Lebens geblieben: dieser stete Rhythmus aus Arbeit und Gebet, der sich wie ein ewiges Pendel wiederholt. «Denn diese Einkehr schafft Ruhe», sagt sie mit der Zufriedenheit eines Menschen, der seinen Weg gefunden hat.

Nach unserem Besuch im Konvent bin ich mir auf einmal sicher: Das Kloster muss eine Quelle sein, in der Ruhe entspringt. Ruhe, die dann aus allen Portalen und Mauerritzen in die Welt hinausfliesst. In die Stube des «Chalavaina», durch die Gassen von Müstair, in die Wälder und über die Flanken zu den Gipfeln des Val Müstair. Und so hoffe ich, dass mich diese Ruhe auch nach unserer Rückkehr in den Alltag noch lange begleiten wird. Immer dann, wenn ich mich daran erinnern ­werde, dass im Tal hinter dem Ofenpass vielleicht gerade jetzt Priorin Domenica ihre Mitschwestern zur Andacht einlädt. Oder Jon Fasser in der schwarzen Küche ein Feuer entfacht.