Unterwegs mit Landschaftsgeniessern, freut sich unser Wanderer über die Abwesenheit von Extremen. Umso mehr wundert er sich über das Brummen aus dem Wald und eine Ansammlung von Tankstellen bei der Kirche.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise: 
Bus Nr. 71 vom Bahnhof Pruntrut nach Bure, Mairie. 
www.sbb.ch 

Route: 
Bure, Mairie–La Tenier– Les Charbonnières– Fahy–Grandfontaine– Pré Petusa–Damvant. 

Dauer: 
Knapp vier Stunden. 267 Meter aufwärts, 239 abwärts. 

Wanderkarte: 
222 T, Clos du Doubs, 1:50 000. 

Verpflegung: 
Auberge de l’Aigle in Grandfontaine. Mo Ruhetag. 
www.restaurant-aigle.ch

Endlich sind wir in Bure, die Reise war lang. Wir steigen aus dem Bus und stehen vor der Mairie, der Gemeindeverwaltung. Das Gemeindewappen an der Fassade zeigt eine Wildsau im Sprung. Das ist hübsch, sinniere ich und denke dann: Aber wo sind jetzt die Soldaten? Kein Soldat ist zu sehen. Bure ist schweizweit bekannt für seinen Waffenplatz. Ich hatte mir vorgestellt, dass es im Dorf von Soldaten wimmelt. Auch wenn die Kaserne ein wenig abseits liegt.

Wir starten, und nun gehört das «wir» erklärt. Ein Paar aus Seuzach begleitet mich: Stefan Brauchli und seine Frau ­Marlis. Oder umgekehrt: Ich begleite die Brauchlis. Stefan, 64, ein frühpensionierter Informatiker, hat ein Projekt; als wir uns vor einiger Zeit kennenlernten, erzählte er davon, und wir vereinbarten eine gemeinsame Tageswanderung. Stefan ist daran, sämtliche Schweizer Gemeinden zu bewandern. Seine Liste orientiert sich am Bestand von vor zwei Jahren. Das sind 2287 Gemeinden. Davon hat Stefan mittlerweile über 2000 absolviert.

An diesem Tag wird Stefan wieder vier Orte abstreichen können. Wobei das nach Arbeit klingt. Dabei ist es Vergnügen. Stefan und Marlis, die ab und zu mitgeht, sind Landschaftsgeniesser. Und Landschaft bekommen wir in den folgenden Stunden eine grosse Portion serviert. Die Ajoie, also der Pruntruter Zipfel: ein weiter Himmel, sanfte Hügel, Felder zum Horizont. Extrem ist hier bloss die Abwesenheit der Extreme.

Auch mehrere Grenzsteine passieren wir, stellenweise wandern wir auf der Landesgrenze.

Erstes Ziel ist Fahy, der Weg dorthin dauert knapp zwei Stunden. Von irgendwo aus dem Wald brummt es. Motoren, nicht laut, aber hartnäckig. Wir haben eine Vermutung, und ein Mann, wohl ein Bauer, dem wir begegnen, bestätigt sie. Das seien Panzer vom Waffenplatz, sagt er. Die Armee bringe viel Geld in die Gegend, schiebt er nach. Etwas später kommen wir zu einer Christbäumli-Pflanzung mit Maschendraht rundum, in der Schafe weiden. Gute Idee, so braucht der Besitzer nicht die begrasten Wege zwischen den Tännchen zu mähen. Auch mehrere Grenzsteine passieren wir, stellenweise wandern wir auf der Landesgrenze. Auf einer sanften Anhöhe mit einem Steinkreuz bleiben wir stehen: Fahy liegt uns zu Füssen. Als wir unten anlangen, schauen wir bei der Kirche vorbei. Doch eigentlich beeindruckt uns etwas anderes viel mehr: die Ansammlung von Tankstellen.

Kotelett und Pferdesteak

Gleich nehmen wir den nächsten Wegabschnitt in Angriff. Eine gute Stunde später sind wir in Grandfontaine. Der Wanderweg führt zur Auberge de l’Aigle, wir setzen uns draussen hin. Das Restaurant wirbt auf der Karte mit einem Satz im örtlichen Patois: «Tchie nos ç’ât ’c’ment en l’hôtât.» Übersetzt heisst das: «Bei uns ist es wie zu Hause.» Wir bestellen: zweimal Kotelett und einmal Pferdesteak. Kurz dar­auf geht der Wirt zum ummauerten Grill in der Ecke der Terrasse und legt das Fleisch auf.

Nach Grandfontaine geht es leicht aufwärts, aber wirklich nur leicht – Steigung nach Art der Ajoie eben. Schon zeigt sich in der nächsten Senke Damvant. Als wir im Ort ankommen, steht der Bus nach Pruntrut bereit. Doch dauert es noch eine Viertelstunde bis zur Abfahrt. Marlis zieht bequeme Sandalen an. Ich stretche an einer Hauswand, weil ein guter Viertel der Route auf Hartbelag verlief; ich spüre das im Rücken und in der Hüfte. Stefan teilt mir mit, dass wir die Gemeinden Bure, Fahy, Grandfontaine und Haute-Ajoie, zu der das Dorf Damvant gehört, bewandert haben. Es sind die Nummern 2043, 2044, 2045, 2046 auf der Liste des Gemeinde-wanderers.

Apropos Ajoie

Gleich noch eine Ajoie-Wanderung, die ebenfalls knapp vier Stunden dauert: vom Grenzdorf Boncourt über die Hügel nach Pruntrut. Kurz nach dem Start kommt die erste Überraschung. Oberhalb des Dorfes steht am Weg eine gewaltige Statue von Bruder Klaus, Schutzpatron der Schweiz. Die Leute von Boncourt drückten mit ihr nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Dankbarkeit aus, verschont worden zu sein, als im Krieg der französische Nachbarort Delle bombardiert wurde. Später auf dem Mont Renaud erfreut der Panoramaturm: Weitblick zu den Vogesen. Durch das Dorf Montignez geht es südwärts, bis wir das Restaurant Sur-le-Mont (Gemeinde ­Coeuve) erreichen. Hier gibt es die Nationalspeise der Ajoie, frittierte Karpfen. Sie sehen aus wie Fischchnusperli vom Egli, enthalten aber Knorpel, der Karpfen ist halt ein grober Fisch. Mit diesem Krafttreibstoff im Bauch kommen wir leicht nach Pruntrut. Dort lohnt sich am Ende der Besuch des Schlosses.