Thomas Widmer wandert am Zugersee und spürt den Frühling im Winter. Aber auch andere Seen laden zum Erkunden.

Topografische Wanderkarte.

Route:

Bahnhof Zug - Hafen - Schutzengel - Brüggli-Gebiet - Cham Alpenblick - Cham-Dersbach - Buonas - Bahnhof Rotkreuz.


Dauer:

Drei Stunden. Hört man in Buonas auf, eine halbe Stunde weniger.


Wanderkarte:

235 T, Rotkreuz, 1:50 000.


Verpflegung:

Diverse Restaurants an der Strecke sowie zu Beginn und am Schluss.


Anreise:

Zug bis Zug SBB.

www.sbb.ch

Unsere Jahreszeiten folgen weniger aufeinander, als sich zu bedrängen und zu überlappen. Jede enthält stets auch ihr Gegenteil.

So war es, als ich vor einiger Zeit am späten Vormittag nach Zug fuhr: Der Winter war auch ein Frühling.

In Zug nahm ich den hinteren Bahnhofs-Ausgang, ging auf der Gubelstrasse westwärts, bog links ab in die Aabachstrasse – und war am Mittelmeer. So generös beschien die Sonne den See und blendete mich, dass ich wähnte, auf der Südseite der Alpen zu sein, in San Remo oder Livorno. Einzig Rigi und Pilatus am Horizont markierten die Realität.

Ich ging Richtung Cham, vorbei an vertäuten Passagierschiffen, dann Jachtbooten. Danach lenkte mich der Wanderweg für ein paar Minuten weg vom See. Dafür schenkte er mir die Schutzengelkapelle. Endlich weiss ich, weswegen die nahe S-Bahn-Station heisst, wie sie heisst: «Zug Schutzengel». Die namensgebende Kapelle stammt aus dem Jahre 1804 und ersetzte eine viel ältere Vorgängerin.

Es kam das Strandband. Es kam das Gebiet Brüggli. Es kam ein Stück Strand, das laut Schild Nacktbadern vorbehalten ist. Für Nudismus war es aber doch zu kalt. Ich genoss die Landschaft, das Gehen, die Weite – ich atmete durch. Immer wieder mal schoss zur Rechten ein Zug vorbei. Dann die Nadel des Kirchturms von Cham. Grandios fand ich dessen Uferabschnitt «Villette» mit Gruppen hoher Bäume, Brücklein, Enten. Der Zürcher Bankier und Handelsunternehmer Heinrich Schulthess-von Meiss kaufte 1863 das Areal südlich der Bahngeleise. Er liess sich einen Palast im Neurenaissance-Stil bauen, verbrachte im «Villettchen», wie er die Prachtvilla nannte, mit seiner Gattin den Sommer, lustwandelte durch seinen Park.

Hernach musste ich endgültig weg vom See, ich wanderte fortan auf Hartbelag; offenbar war dies die alte Landstrasse von Cham nach Buonas.

Indem ich die Augen zukniff, konnte ich mir die Kutschenpassagiere vorstellen, durch die sanft gewellte Landschaft rollend, die Wasserfläche mit den Augen überstreichend, den Zugerberg und Rossberg musternd, dem Bäuerlein auf dem Felde gnädig zunickend.

Ein Anwesen machte mich neugierig, das durch Hecken und Mauern abgeschirmt war. Grosser Reichtum steht auch hinter dieser Anlage: Erwin Hürlimann, Generaldirektor und Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Rückversicherungs-Gesellschaft, liess ab 1929 hier bauen. Er spannte englische Stararchitekten ein, wohl auch, um seiner Gattin Eleanor, geborene Ridge, zu gefallen – sie war Engländerin. In Hürlimanns Pförtnerhaus würde ich mit Freuden wohnen, dachte ich.

Buonas wird oberhalb der Durchgangsstrasse Küssnacht – Cham dominiert von modernen Wohnungen gehobenen Stils. Unterhalb duckt sich zum Wasser hin der alte Weiler in den Hang. Zwei Attraktionen hielt er mir bereit: zum einen die Kapelle St. German, die leider verschlossen war. Und zum anderen das Gasthaus Wildenmann, eine Stätte der gehobenen Kochkunst; ich nahm allerdings, da die Essenszeit fast vorbei war, mit einem Kaffee vorlieb. Bei der Bushaltestelle an der Strasse hätte ich die Wanderung beschliessen können. Doch das Wetter, das Licht, die Sonne!

Ich tippelte also noch 30 Minuten weiter, zum Bahnhof Rotkreuz mit seinen vorzüglichen Zugverbindungen. Unterwegs fragte ich mich, ob ich nicht den Rest des Winters ignorieren sollte – und so tun, als sei schon Frühling.

 Apropos Seeufer

Im Sommer ist an den Seen des Mittellandes und des Jurasüdfusses viel Rummel. Im Winter findet man mehr Ruhe – manche Seeufer sind perfekt für eine entspannende Wanderung. Drei Tipps:

1. Hallwilersee. Die Umrundung dauert fast sechs Stunden und führt auch zum Wasserschloss Hallwyl ein Stück abseits des Sees. Sie lohnt sich: Das Ufer ist weitgehend häuserfrei. Höhepunkte: das Ried zwischen Mosen und Aesch; die Einkehr in der «Seerose» (Meisterschwanden) direkt am Wasser; das Pfahlbauhaus der nahen Steinzeitwerkstatt Seengen.

2. Pfäffikersee. Das Kleingewässer im Zürcher Oberland umkreist man locker in gut drei Stunden und geniesst dabei Natur pur. Imposant am Ostrand von Pfäffikon das Römerkastell von Irgenhausen, das um 300 n. Chr. entstand. Und originell der Zwischenstopp im Strandbad Auslikon: Dessen Kiosk ist bei gutem Wetter auch winters geöffnet.

3. Neuenburgersee. Man nimmt im Bahnhof Neuenburg das Funiculaire zum See. Am Ufer reihen sich Richtung Nordosten die Sehenswürdigkeiten: der Bootshafen. Das Fussballstadion Maladière. Das Fünfsternehotel Palafitte mit seinen Pfahlbau-Bungalows. Schliesslich das Laténium, das Museum hiesiger Vorgeschichte. Im Park kommt man kostenlos in den Genuss von Megalithen, Pfahlbauerhütten, einer keltischen Brücke, einem Römergarten. Mit dem Bus geht es nach anderthalb Stunden retour zum Bahnhof.