In der Vogelwarte Sempach lernen Besucher spielerisch viel über Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar. Und verwandeln sich nach dem Rundgang selber in gefiederte Wesen.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:

Mit dem Zug bis Sursee oder Sempach-Neuenkirch und von dort jeweils mit dem Postauto bis zur Haltestelle «Vogelwarte». 

Besucherzentrum: 
Interaktive Ausstellung mit Informationen zur Vogelwelt und zur Arbeit der Vogelwarte. 

Weitere Informationen: 
Schweizerische Vogelwarte, Seerose 1, 6204 Sempach, Tel. +41 (0)41 462 97 00 
www.vogelwarte.ch

Ronja ist die schönste von uns: zitronengelbes Federkleid und ein leuchtend roter Schnabel. Noch dazu ist sie schwindelfrei. So zumindest steht es auf der Karte, die der Computer am Ende des Museumsrundgangs ausgespuckt hat. Es ist Ronjas persönliches Vogelprofil. Wäre das Mädchen ein gefiedertes Wesen, dann wahrscheinlich ein Pirol. «Wow», sagt die Elfjährige. «Ich hätte voll schöne Federn.»

Ronja ist die Freundin meiner Tochter Fay, 11. Mit den beiden Mädchen bin ich heute nach Sempach LU gereist, wo die Vogelwarte vor gut einem Jahr ein neues Besucherzentrum eröffnet hat. Seit neun Jahrzehnten setzen sich Vogelfreunde hier für den Schutz bedrohter Arten ein. Jetzt wollen sie in einem interaktiven Museum grosse und kleine Besucher spielerisch für die Bedürfnisse der gefiederten Tiere sensibilisieren.

Frau schaut in Vitrine
Interaktiv können die Zuschauer durch die Ausstellung gehen.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Vater mit zwei Buben kniet am Boden
Ein toller Familienausflug: Die Vogelwarte Sempach.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Frau steht mit Papier vor Automat
Man kann sogar testen, welche Art Vogel man wäre.
(Foto: Alexander Jaquemet)

Beringte Besucher

In einem modernen Ökoge­bäude aus Lehm, in dem es auch an heissen Sommertagen angenehm kühl ist, haben die Planer einen einzigartigen Rundgang entwickelt. Wer ihn macht, verwandelt sich in einen Vogel, experimentiert, schaut und staunt.

Auch wir. Doch zuallererst werden wir beringt. Am Eingang bekommt jede von uns einen Ring an den Finger. Er enthält einen Chip. Damit werden wir später auf dem Rundgang die Bildschirme und Lichter in den Schaukästen aktivieren. Zugleich speichert der Chip, welche Exponate der Besucher sich genauer anschaut und welche Informationen ihn besonders interessieren. Anhand dieser ­Informationen erstellt der Computer am Ende ein Vogelprofil.

Es zeigt, welche Vogelart einem am ehesten entspricht.

Davon wissen die Mädchen noch nichts, als wir unseren Rundgang starten. Der beginnt wie das Leben jedes Vogels in einem Ei, aus dem wir nach einem kurzen Einführungsfilm schlüpfen, um unsere Umgebung zu erkunden. Schon im ersten Raum gibt es allerhand zu entdecken. Zum Beispiel das winzige Ei eines Wintergoldhähnchens, das ge­rade mal so klein ist wie eine Erbse. Oder jenes vom Höckerschwan, so gross, dass zwei erwachsene Menschenhände es nur knapp umfassen können.

Frau schaut Vitrine mit Vogelfedern an
Die Federn der Vögel von Nahmen begutachten.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Leute schauen in Vitrine, an der Decke Vogelfiguren
An interaktiven Ausstellungen erfahren die Besucher Wissenswertes zu den Gefiederten.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Junge fasst einen Vogel an
Besonders für Kinder faszinierend: Die Ausstellung in der Vogelwarte Sempach.
(Foto: Alexander Jaquemet)

Essen wie die Vögel

Dann kommen wir zu Vogels Speiseplan. Auf fünf Tellern ­liegen unterschiedliche Mahlzeiten vom Grünzeug über Würmer, Insekten bis zu Fisch. Hier sind unsere Vorlieben gefragt. Fay hält ihren Ring an den Sensor. Dann überlegt sie, welchen Teller sie wählen soll. «Ich liebe Sushi», sagt sie. «Dann muss ich mich wohl für rohen Fisch entscheiden.» Damit ist sie, wie dem Bildschirm zu entnehmen ist, in bester Gesellschaft mit dem Eisvogel. Auch er ernährt sich gerne von Fisch. Ich wähle die grünen Blätter und Algen, weil ich Salat mag, und erfahre, dass es mir im Ententeich am wohlsten wäre.So geht es weiter auf unserer interaktiven Entdeckungstour.

Wir staunen über den meter­hohen Turm aus Sandwiches, den wir als Vögel essen müssten, um genügend Energie für die zahlreichen Flugstunden zu bekommen. Wir gruseln uns, als wir sehen, wie dürr und klapprig Amsel und Waldohreule ohne ihr prächtiges Federkleid aus­sehen. Und wir amüsieren uns über den russischen Akzent, als wir am Telefon die fiktive Stimme einer Reiherente hören, die von ihrer Reise aus Sibirien ins schweizerische Winterquartier berichtet.

Zwei Stunden später treten wir hinaus ans Ufer des Sempachersees, in der Hand die Karten mit unseren Vogelprofilen.

Die sind nicht schlecht getroffen. Ronja etwa klettert gern hoch ­hinaus und ähnelt darin dem ­Pirol, der sich mit Vorliebe in den Kronen hoher Laubbäume aufhält. Fay, die ihre Nachmit­tage gern im Stall bei den Pferden verbringt, ist eine Rauchschwalbe. Die ­brüten oft in Ställen. «Und du, Mami, was bist du?», fragt Fay. Ich gehe zum Wasser, wo eine Stockenten­fami­lie planscht. «Eine von denen», sage ich und umarme meine Tochter. Die liest gerade meine Karte und lacht: «Tatsächlich, da steht ‹ausgeprägter Familiensinn› und ‹liebt es, mit ihren Kleinen spazieren zu gehen›.»

Kinder schauen in Vitrine mit Vogel
Kinder können verschiedene Vogelarten betrachten.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Zwei Kinder berühren Vogel
Als wäre der Vogel im Abflug: Für die Kinder ein faszinierendes Schauspiel.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Kind schaut in Vitrine mit Eiern
Besucher bestaunen Vogeleier in jeder Grösse.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Haus mit See
Auch von aussen einladen: Die Vogelwarte, umgeben von einem kleinen See.
(Foto: Alexander Jaquemet)
Vogelwarte von aussen
Das neue Besucherzentrum von aussen.
(Foto: Alexander Jaquemet)