Fernab vom Lärm des Alltags, am Fuss des Berninapasses, liegt das Hotel Berninahaus. Ein Gemäuer voller Geschichten. Eine davon hat einem Gast einen filmreifen Traum beschert.

Staunen, Ski fahren, Entspannen

Anreise:
Mit der Rhätischen Bahn ab Chur in Richtung St. Moritz, bis Samedan. Weiter bis Pontresina und mit dem Bernina Express in Richtung Poschiavo/Tirano. Für einen Besuch im «Berninahaus» aussteigen in Bernina Suot. 
www.sbb.ch


Diavolezza:
Mit der Luftseilbahn auf 3000 Meter gondeln. Danach ab auf die Piste. Oder im Sommer auf einer geführten Gletscherwanderung nach Morteratsch (ca. 5 Std.)
www.diavolezza.ch


Übernachten:
Gasthaus & Hotel Berninahaus
Tel. +41 (0)81 842 62 00
www.berninahaus.ch


Allgemeine Auskünfte:
Pontresina Tourismus
www.pontresina.ch

«Sscht!», mahnt Gian Marchet Colani. In Zeitlupe bricht ein Hirsch durch den Arvenwald. «Vierzehnender», flüstert der Bündner. Ein Schuss fällt. Kurz darauf der Hirsch. Wir stapfen bergan. Hirschblut schimmert schwarz im Schnee. Der Vollmond taucht die Szenerie in gespenstisches Licht. Ich friere. In den genagelten Schuhen sitzt die Kälte. Mein Lodenmantel trieft vor Nässe. In der Hütte wärmen wir uns auf – essen rohe Hirschleber und trinken Schnaps aus Tongefässen. Colani erzählt von Paris. Wie so viele seiner Zeitgenossen hätten ihn die schiere Not, der Duft der grossen weiten Welt und das Anfertigen von süssem Gebäck in die französische Metropole getrieben. Verlegt habe er sich dann jedoch auf die Kunst des Büchsenmachens.

In der grossen Stadt sei er krank geworden – vor Heimweh. Er, Colani, der Engadiner Meisterschütze. Der über zweitausend Gämsen, mehrere Bären und Wölfe erlegt habe. Heimweh nach der Stille, den Dohlen und nach dem Piz Palü, dessen Ostflanke er als Erster bestiegen habe. Mit seiner Maria, die ihm fünf gesunde Kinder schenkte, habe er sich unten im Tal niedergelassen. Am Fuss des Berninas habe er sich als Gastwirt die Welt ins Haus geholt.

Er hätte einiges erlebt und noch mehr gehört, berichtet der knorrige Mann mit dem grauen Rauschebart und den listigen Augen. Geschichten von Männern, die zweihundert Jahre vor seiner Zeit in den Minen des Val Minor nach Silber geschürft, sich im Fieber die Ausbeute hätten abnehmen lassen und sich danach im Rausch das Leben genommen hätten. Oder von den Smiths – Zwillingsschwestern aus Christchurch, Neuseeland –, die auf der Durchreise in den Berninahäusern genächtigt hätten und mit ihren Singstimmen die gesamte Talschaft hypnotisierten. Der heimelige Akzent des Bündners, die wohlige Wärme von Feuer und Schnaps und der erschöpfende Aufstieg lassen mich in einen tiefen Schlummer fallen.  

«Berninahaus»-Stube.
Rustikaler Charme: «Berninahaus»-Stube.
Abendstimmung im Dorf Pontresina.
Das Dorf Pontresina: Station auf dem Weg zum «Berninahaus».
Renoviertes Hotelzimmer des Hotel Berninahaus.
Wo man zur Ruhe kommt: Eines der 24 komplett renovierten Hotelzimmer.

Traumhafte Nächte

Hundertfach verstärkt durch das Weiss des Schnees, flutet gleissendes Sonnenlicht durch die Fenster. Ich versuche mich zu orientieren. Mein nestwarmes Bett hält mich vor Überstürzung ab. Im Halbschlaf ordne ich die Ereignisse der vergangenen Nacht: ein Traum, besser als jeder Film. «Ja, ja, unsere Gäste verbringen traumhafte Nächte hier im Hotel», bekräftigen Elisabeth, 41, und Xavier Christen, 50, lachend am Frühstückstisch.

Mit Herzlichkeit und Gastfreundschaft führen die beiden das historische Haus, welches 2015 seinen 500. Geburtstag feierte.

Ein Haus voller Geschichte und Geschichten wie die des ehemaligen Gastwirts, Jägers und Bergführers Gian Marchet Colani. Mit der Inschrift «Colani 1818» hat sich der sagenumwobene Bündner an der Decke der Gaststube des «Berninahauses» verewigt. Vortrefflich tafeln lässt sich hier und in zwei weiteren gemütlichen Stuben. Besonders zu empfehlen: das Hirschragout aus heimischer Jagd.

Vor zehn Jahren wurde das Hotel komplett renoviert und bietet nun alle Annehmlichkeiten eines Dreisternehauses. In 24 liebevoll hergerichteten Zimmern – wärmstens zu empfehlen ist Nummer 106 – nächtigt eine bunt gemischte Gästeschar. Im Winter nehmen Familien, die im Pontresiner Skigebiet die Hänge hinabkurven, das Traditionshaus in Beschlag. In der warmen Jahreszeit erholen sich Wanderer hier von ihren Touren. Für Expeditionsfreudige hält der Hausherr über hundert Wandervorschläge bereit. «Vermutlich liegt es an der abgeschiedenen Lage, dass unsere Gäste in kürzester Zeit zur Ruhe kommen», erklärt Elisabeth Christen. «Manchmal werden wir sogar eingeschneit, was jeweils für grosse Begeisterung sorgt, schliesslich kommt man so zu einer Extraportion Entschleunigung», ergänzt Xavier Christen mit einem Schmunzeln.

Die einstigen Bernina-Wirtshäuser vor dem Piz Alv.
Grund zum Jubilieren: Die einstigen Bernina-Wirtshäuser feiern heuer das 500-Jahr-Jubiläum. Im Hintergrund der Piz Alv.
Foto von Gian Marchet Colani.
Im «Berninahaus» mit einer Inschrift verewigt: Der sagenumwobene Gian Marchet Colani.