Künstliche Seerosen, ein Kleinlaster auf Talfahrt, Feuer, die nie ­erlöschen. Rund um den Albigna-Stausee setzen 13 Schweizer ­Künstlerinnen und Künstler Akzente in die grandiose Natur.

Das Wichtigste im Überblick

Arte Albigna


Anreise ÖV:
Mit der Rhätischen Bahn nach St. Moritz, mit dem Postauto weiter über den Malojapass ins Bergell bis zur Haltestelle Pranzaira (Albigna). Von hier mit der Luftseilbahn (oder zu Fuss) zur Staumauer.
www.sbb.ch
www.rhb.ch

Ausstellung:
Der Rundgang ab der Bergstation der Seilbahn via Albigna-Hütte des SAC und zurück dauert rund vier Stunden. Der Weg ist gut markiert, führt aber durch hochalpines Gelände (2100 – 2565 m ü. M.). Gute Schuhe (Wander- oder Bergschuhe) sind unabdingbar. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung dauert bis zum 30. September.

Übernachtung
:
Im familiengeführten Hotel Pranzaira bei der Talstation oder in der SAC-Hütte Albigna.
www.pranzaira.ch
www.albigna.ch

Verpflegung:
Im Hotel Pranzaira gibts feine Forellen. In der SAC-Hütte werden Kleinigkeiten serviert, aber auch Tellergerichte wie Kastaniennudeln mit Wurst aus dem Bergell.

Informationen: 
Zu Arte Albigna:
www.arte-albigna.ch
Zum Bergell: 
www.bregaglia.ch

Ausserdem:
Jeden Dienstagmorgen gibts eine Führung ins Innere der Albigna-Staumauer. Anmeldung erforderlich, Tel. +41 (0)58 319 64 14.

In der gewaltigen Staumauer steckt ein blauer Kleinlaster fest. Seine Lage in der 115 Meter hohen, 60 Grad steilen Mauer ist so aussergewöhnlich, dass nur ein Schluss möglich ist: Er ist Teil von «Arte Albigna», der Kunstausstellung rund um den Stausee.

Das dreirädrige, an einem Drahtseil befestigte Gefährt der Marke Piaggio ist eine Installation des bekannten Appenzeller Künstlers Roman Signer.

Der Piaggio-Transporter als Darstellung der Schwerkraft. Er könnte aber auch an den Bau der Staumauer vor rund 60 Jahren erinnern. Vielleicht wurde mit ihm das Gemüse für die Suppen und Eintöpfe für die Hunderten von Bauarbeitern aus dem nahen Italien angekarrt.«Mit eigens konzipierten Werken nehmen die Kunstschaffenden auf die geschicht­lichen, landschaftlichen und sozialpolitischen Besonderheiten dieses Ortes Bezug», heisst es im Faltblatt zur Ausstellung. 


Auf der Staumauer ist eine Art Glockenspiel am Geländer festgemacht. Dreht man an einer Kurbel, schlagen Hämmer auf verschieden lange Rohre. Es klingt wie das Schlagen kleiner Kirchenglocken, wie man es etwa in Tessiner Dörfern im Ohr hat. Das Werk von Manfred Alois Mayr nimmt Bezug auf das Läuten aller Glocken im Bergell am 24. Oktober 1954, mit dem das Tal den Entscheid der Stadt Zürich, den Albigna-Stausee zu bauen, feierte. Es ging um die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Bergtal.

Blau-weisser Fensterladen vor Gebirge
Pipilotti Rist hat die Fensterläden der SAC-Hütte verziert, «Elektra», 2017.
Künstliche Flamme vor einer Staumauer
Das Duo Haus am Gern druckt Feuer auf Alu, «Friends», 2017.
Stausee in Gebirgslandschaft
Bob Gramsma platziert Kandelaber, «clearing, OI#17235», 2017.

Akzente setzen

Laufend hievt die Luftseilbahn Familien, Wandergruppen und Kletterer vom Talgrund zum 900 Meter höher gelegenen Stausee. Mit der neuen Seilbahn, die 2016 anstelle der ursprüng­lichen Baubahn in Betrieb genommen wurde, gelangt man in eine hochalpine Landschaft: spektakuläre Felsformationen aus hartem Granit, drei Gletscher, das milchig grünliche Wasser des Stausees.

Die grosse Naturkulisse ist kein Museum, wo jede Wand gemacht ist, um Kunstwerke in bestem Licht zu präsentieren.

Kunst hat es hier oben schwer. Die «Interventionen», wie die Werke im Kunstjargon heissen, können nur ein paar Akzente setzen. Da einen überraschenden Blick eröffnen, dort ein paar Gedanken auslösen.

Gegenwartskunst ist ja nicht einfach schön, sondern manchmal verwirrend, zuweilen rätselhaft und unverständlich. Das Duo Haus am Gern hat entlang dem ganzen, lassoförmigen Weg von Arte Albigna auf Aluplatten gedruckte Abbildungen eines Feuers platziert. «Friends» nennt es diese, abgeleitet vom Begriff für die Klemmhaken, welche die Kletterer brauchen, um sich zu sichern. Auf Albigna versichert einen der Anblick der Kunst­feuer zumindest, dass man weiterhin auf dem richtigen Weg ist. Drei ausgediente Strassen­laternen aus Zürich liess Bob Gramsma in eine Felsterrasse weit oberhalb des Weges stecken. Es ist offensichtlich, dass sie dort nutzlos sind. «Welchen Nutzen hat eigentlich Fels?», fragt man sich.

Stauseemauer mit Geländer
Manfred Alois Mayrs Glockenspiel auf der Stauseemauer, «ding-dong-dang», 2017.
Steilwand vor einem Berg
Roman Signers Kleintransporter in der Steilwand, «Piaggio an der Mauer», 2017.

Ein Polster für den Boden

Auf eine hübsche Art hat Isa­belle Krieg einen verlassenen Unterstand für Schafhirten verwandelt: Den Naturboden aus Stein und Lehm hat sie mit bunten Bällchen aus Wollfilz zugedeckt. Das freut auch Kinder, die sich hineinlegen und mit den Bällchen um sich werfen. Eine logisch erscheinende Erweiterung der Natur ist die Installation von Remo Albert Alig: Er hat künstliche Seerosen in einem Bergseelein platziert.

Als ich auf der Terrasse der SAC-Hütte Albigna am Kunstweg sitze, blicke ich auf drei Felsblöcke, jeder mit einem «Friends»-Feuer dekoriert. Auf einem vierten Block gleich da­neben macht ein Murmeltier das Männchen und pfeift. «Aktionskunst» könnte man das nennen.

Die SAC-Hütte ist das Zen­trum von Arte Albigna.

Namhafte Künstler haben hier ihre Spuren hinterlassen. Pipilotti Rist hat Ornamente auf die Fensterläden gemalt. Jules Spinatsch zeigt Fotografien aus den Hohlräumen im Innern der Staumauer, Judith Albert ein bewegtes Nachtpanorama des Stausees.

Als im Sommer 2016 erste Informationsblätter Arte Albigna ankündigten, machten sich die ersten Gäste sogleich auf die Suche nach der Kunst, die Jahreszahl ignorierend. «Sie glaubten in den zylinderförmigen Vermessungspunkten die Kunst im Gelände gefunden zu haben», erinnert sich Annamaria Crameri, Hüttenwartin in der Albigna-Hütte. «Was ist Kunst?» Diese Frage stellt sich immer wieder aufs Neue.