Im Berner Rosenlauital machte sich unsere Autorin auf eine Wanderung, die bereits vor 150 Jahren viele anlockte. Allen voran die Engländer. Sie verfielen dem Reiz der kraftvollen Landschaft.

Rosenlauital BE

Anreise: 
Mit den SBB bis Meiringen. Postauto ins Rosenlauital bis Schwarzwaldalp und weiter über die Grosse Scheidegg bis Grindelwald. 
www.sbb.ch
Privatauto: Strassengebühr.


Wandervorschläge: 
Von Chaltenbrunnen ins höchstgelegene Hochmoor Europas.
Rundweg zurück nach Meiringen, vorbei an den Reichenbachfällen, etwa 5 Std.
Schwarzwaldalp – Alpiglen – Grosse Scheidegg 1 Std. 40 Min.


Gletscherschlucht Rosenlaui:
Gesicherter Aufstieg durch die Schlucht, Abstieg durch den Wald. Rundweg etwa 45 Min. 
www.rosenlauischlucht.ch


Übernachten:
Hotel Rosenlaui
Tel. +41 (0)33 971 29 12
 www.rosenlaui.ch


Allgemeine Auskünfte:
Haslital Tourismus
Tel. +41 (0)33 972 50 50
www.haslital.ch

Tolstoi gefiel es nicht im Rosenlauital. «Stille wie im Winter», notierte der russische Schriftsteller im Sommer 1857. Dagegen schwärmte Richard Wagner, der deutsche Komponist: «Herrlich ist es hier.» Und der englische Dichter Lord Byron beschrieb die Landschaft als «rein und ungetrübt – einsam, wild und patriarchalisch». Sie alle wanderten im 19. Jahrhundert über die Grosse Scheidegg durchs Rosenlauital nach Meiringen. Das war Teil der grossen Oberlandtour, äusserst beliebt bei Russen, Deutschen und vor allem Engländern, die in der Bergwelt das urwüchsige Leben suchten.

Rund 150 Jahre später bin ich in umgekehrter Richtung unterwegs. Von Meiringen hinauf, dem Rosenlauigletscher entgegen. Dieser kompakte, rund sechs Quadratkilometer grosse Gletscher ist der Ursprung aller Attraktionen. Er speist den Reichenbach, der oberhalb von Meiringen in den berühmten Reichenbachfällen über den Fels stürzt. Das Gletscherwasser formte auch die mystische Rosenlauischlucht.

Im Rosenlauital veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte nur wenig. Sicher, der damalige Saumweg ist nun eine schmale, kurvenreiche Passstrasse. Die Touristen erfrischen sich nicht mehr in den Sennhütten, sondern in Berggasthäusern. Doch es gibt weder Transportbahnen noch Stromleitungen – und schon gar keine Plattformen und Showbrücken. Rosenlaui präsentiert sich an diesem Frühlingstag immer noch «rein und ungetrübt, einsam und wild». 

Geraniengeschmückte Berghütte auf der Alp Rosenlaui.
Geraniengeschmückte Berghütte auf der Alp Rosenlaui.
Alpsennerei auf der Gschwantenmad.
Alpsennerei auf der Gschwantenmad.
Blick in die Gletscherschlucht.
Eindrücklich: Die Gletscherschlucht mit Trichtern und Tunneln.

Stilvolle Ambiance

Auf der ersten Hochebene, der Gschwantenmad, öffnet sich das Tal. Die Alpwiesen sind mit weissen Krokussen übersät. Alles ist da, was es für ein romantisches Bild braucht: Alphütten, Brunnentröge, ein sprudelnder Bach, dunkle Tannen, schiefergraue Felswände. Zwischen Wellhorn und Dossen leuchtet der Gletscher.

Dem Reichenbach entlang führt ein Weg in etwa 20 Minuten zum Hotel Rosenlaui.

Hier wirten Dres und Christine Kehrli. Sie sind dabei, das Haus für die Sommersaison flottzumachen. Stolz zeigt Dres Kehrli die Salons mit dem Fichtentäfer, den Seidentapeten und Biedermeiersofas. «Wir haben beim Renovieren den Originalzustand der Jahrhundertwende wieder hergestellt», sagt er. Er liess auch die lange verschüttete Schwefelquelle wieder freilegen, die vor 200 Jahren die ersten Kurgäste anzog. Am Fusse des Wasserfalls hinter dem Hotel sickert tatsächlich ein schweflig riechendes Rinnsal aus einem Schlauch. Bade- oder Trinkkuren macht heute aber niemand mehr. Die Gäste kommen wegen der stilvollen Ambiance mitten in den Bergen. Sie wandern, geniessen das Essen und tauchen mit der Zeit ganz in die Landschaft ein. «Je länger ein Gast da ist, desto unwichtiger wird das Wetter», sagt der Hotelier. 

Blick aufs Hotel Rosenlaui.
Hotel Rosenlaui.
Die Sägerei auf der Schwarzwaldalp.
Die Sägerei auf der Schwarzwaldalp.

Spektakel um Spektakel

Plötzlich füllt ein Donnern das Tal. An den Flanken der Engelhörner löst sich eine Lawine und kracht stiebend abwärts. Wenige Gehminuten vom Hotel entfernt, erlebe ich das nächste Naturspektakel: die Gletscherschlucht mit ihren Trichtern und Tunneln. Der Bach zwängt sich zeternd durch die enge Felskluft. Weitere 20 Wegminuten höher liegt die Schwarzwaldalp. Die alte Säge wurde 1997 restauriert, und man kann zuschauen, wie das Gletscherwasser über Holzkännel plätschert und das grosse Wasserrad antreibt. Hier endet der Privatverkehr, wer weiter über die Grosse Scheidegg nach Grindelwald will, muss aufs Postauto umsteigen. Oder den Bergweg unter die Füsse nehmen. Wie vor Jahrhunderten Alpenforscher, Komponisten und Dichter.