Mitten aus dem Glarnerland erhebt sich der Chärpf. Mit seinen smaragdenen Seelein, gastlichen Hütten und einer seit Jahrhunderten strikt geschützten Tierwelt bietet er Wanderfreuden erster Klasse.

Das Wichtigste im Überblick

CHÄRPF, GL


Anreise:
Mit der Bahn von Zürich oder Sargans via Ziegelbrücke – oder mehrmals täglich direkt mit dem«Glarner Sprinter» von Zürich nach Schwanden.
www.sbb.ch
Per Buslinie 72.544 bis Kies LKM oder Linie 72.541 bis Sportbahnen Elm.
www.sernftalbus.ch

Seilbahnen:
Ab Kies per Luftseilbahn Kies-Mettmen nach Mettmen. Ab Elm mitd er Gondelbahn zum Unter Ämpächli.
www.mettmenalp.ch
www.sportbahnenelm.ch

Wanderung Berglimattsee & Seebödeli:

Ab Mettmen den Stausee Garichti entlang bis P. 1625. Links bergwärts via Widerstein und P. 1967 zum Berglimattsee (2158 m). Über die Vordere Gandfurggele nach Ober Stafel (Achtung, zweig leichnamige Alpen unterhalb des Sees) und auf dem Höhenweg via Chrämer zum Seebödeli. Talwärts via Alp Mittlist nach Mettmen.

Schwierigkeit:
T2; Höhendifferenz: 750 m

Wanderzeit:
4 Std.

Wanderung Chüebodensee & Seelein der Wildmad:
Ab Unter Ämpächlin ordwärts bis Chuenz, weiter zur Chüebodenrus, rechts des Bachs hinauf zu P. 1740, via Ober Chüeboden zum Chüebodensee, weiter zum Sattel unter dem Gelbchopf und über eine Steilstufe zu den Seelein der Wildmad (2206 m). Kurzer Aufstieg zum Wildmadfurggeli (2290 m), Abstieg auf der anderen Seite des Passes nach Mettmen.

Schwierigkeit:

T3; Höhendifferenz: 900 m

Wanderzeit:
5 Std.

Wanderung Milchspüeler & Ängisee:
Ab Mettmen den Stausee Garichti entlang und weiter südwärts zur Alp Ober Stafel. Über die«Chärpfbrugg» (hier verschwindet der Niderenbach in einer felsigen Galerie, die er sich selbst geschaffen hat) auf die andere Seite des Bachs und dem Bachlauf aufwärts folgend in den hinteren Talkessel. Rechts hoch zur Leglerhütte (2273 m); Abstecher zum nahen Milchspüeler. Abstieg via P. 2194 nach P. 2059, auf dem rechts abzweigenden Pfad zur Ostseite des Ängisees und weiter zur Weggabelung von P. 1749. Bergauf zur Matzlenfurggelen und wieder talwärts nach Mettmen.

Schwierigkeit:
T2; Höhendifferenz:900 m

Wanderzeit:
41/2 Std.

Kartenmaterial:

Landeskarte 1:25 000, 1174 Elm

Übernachtung:
Naturfreundehaus Mettmen(1575 m), Tel. +41 (0)55 644 14 12, +41 (0)78 842 76 68
www.mettmen.ch
Leglerhütte SAC (2273 m), Tel. +41 (0)55 640 81 77,  +41 (0)55 642 51 67
www.leglerhuette.ch

Allgemeine Auskünfte:

Elm Ferienregion, Elm, Tel. +41 (0)55 642 52 52
www.elm.ch

Kommen Sie, Herr Müller, Sie schaffen das!», rufen die Kinder der Schulklasse, die am Berglimattsee rastet. Die Mutigsten von ihnen schwimmen schon im Wasser, rund um sie gelb gesprenkelte Wiesen, die in der Julisonne nach Gras und Erde duften. Doch selbst an Sommertagen ist das Seelein eisig kalt. Es liegt auf 2158 Metern Höhe in den Glarner Alpen. Und tatsächlich: Herr Müller schafft es. Nimmt ein paar Meter Anlauf und springt ins Wasser – die Kinder jubeln.

Ich bleibe in der Wiese sitzen und begnüge mich damit, die Schuhe auszuziehen und die Füsse ins Gras zu strecken, dabei an einem Stück Wurst zu kauen und den Blick schweifen zu lassen. Vor mir breitet sich das Chärpfgebiet aus. Ein Bergmassiv im Kleinformat rund um den Gross Chärpf, dessen Felsgipfel zwischen Linthal und Elm in den Himmel ragt. Gipfel, Pässchen, Hochebenen, Berghütten – alles gibt es hier. Und darüber hinaus: So viele Bergseen, dass meine Wanderkarte aussieht, als wäre blaue Tinte darübergetropft.

Gämsen für die Hochzeit

Der smaragdene Milchspüelersee, die dunkelblauen Tümpelchen auf dem Seebödeli, der Chüebodensee, in dem sich grün die Bergflanken spiegeln – ich mag sie alle. Am liebsten aber sind mir die Seelein der Wildmad. Besonders an Tagen, an denen die Nebel rund um den Chärpf ziehen, die Menschen im Tal bleiben und die Bergwelt nur sich selbst gehört.

Dann steige ich vom Chüebodensee her weiter hoch zur Wildmad und setze mich an die steinigen Ufer.

Betrachte die Wolkenschwaden, die vorbeiziehen, und lausche der Stille, die sich wie ein Schleier über die kleine Hochebene gelegt hat. Gerade so, als wären seit Jahrhunderten nur der Wind und die Zeit über die Wasser gestrichen. In solchen Momenten fällt mir John Muir ein, der US-amerikanische Naturschützer, der sich als einer der Ersten für die Wildnis eingesetzt hat. «Bleib nah am Puls der Natur», schrieb er vor über hundert Jahren. «Lass die Zivilisation ab und zu hinter dir, steig auf einen Berg, verbring eine Woche im Wald und wasch deinen Geist rein.»

Im Chärpfgebiet gelingt es, diesen Rat umzusetzen: Hier wird der Geist klar und ruhig. Vielleicht, weil der Chärpf abseits der Touristenströme liegt. Vielleicht auch, weil die Natur hier seit Jahrhunderten unter Schutz steht: Der «Freiberg Chärpf» ist das älteste Jagdbanngebiet der Schweiz.

Im Jahr 1548 fand Landammann Joachim Bäldi, dass es «vilicht nütz und guott were, das Gebirg zwuschet Linttal und Sernefftal gefryt» zu haben – das Gebiet zwischen Linthal und dem Sernftal also von der Jagd zu befreien. Am 10. August desselben Jahres stimmte der Rat dem Antrag zu, was den Jägern missfiel. «So gefryt nit haben», wolle man das Wild, wehrten sie sich in einem offiziellen Schreiben gegen die Obrigkeit. Vergeblich: Seit über 450 Jahren wird am «Freiberg Chärpf» nicht mehr gejagt.

Vier Wanderer inmitten von Bergpanorama
Steil ist der Aufstieg zur Leglerhütte.
Mann und Frau sitzen auf einem Berggipfel
Herrlich ist die Aussicht auf dem Gipfel.
Leuten baden in einem Bergsee
Am Berglimattsee: Eine Schulklasse probt das Bad im glasklaren Wasser.

Oder fast nicht mehr, wie ich auf meinen Wanderungen rund um den Chärpf erfahre. Unterwegs treffe ich auf kunstvolle Eisenskulpturen von Gämsen, die an einen alten Brauch erinnern: jenen der «Hochzeitsgämse».  Eine Tradition, die es den Landsleuten ab 1663 erlaubte, für Hochzeitsfeste eine oder zwei Gämsen am Freiberg zu schiessen. Was jene sich nicht entgehen liessen: Innert hundert Jahren verspeisten Glarner Hochzeitsgesellschaften 6000 Chärpf-Gämsen. Die Gesetze wurden erneut angepasst: Seit 1792 gilt im Chärpfgebiet ein umfassendes Jagdverbot.

Auf meinen Streifzügen entdecke ich immer wieder Gämsen, Birkhühner, Hasen, Rehe.

Und einmal, unterwegs in den Alpweiden unter dem Gandstock, dreht er auf einmal seine Runden über mir: der Adler. Ich bleibe stehen, lege den Kopf in den Nacken, folge mit meinem Blick seiner ner Bahn. «Wie schön wäre es, auf seinen Schwingen zu sitzen und hinab auf die Welt zu blicken», denke ich mir. Auf die Stadt Glarus mit ihrer doppeltürmigen Kirche, auf den Klöntalersee, der sein langes Tal fast ganz ausfüllt, oder auf die Felsfluchten von Wiggis und Glärnisch.

Geborgen zwischen Gipfel und Tal

Erst als der König der Lüfte hinter dem Gandstock verschwindet, gehe ich weiter den Wanderweg entlang Richtung Seebödeli. Vorbei an der Alp Ober Stafel, wo ein Brunnen plätschert, und an Wiesen voll weissem Wollgras, dessen buschige Köpfchen im Wind zittern. In meinem Blumenführer heissen sie mit ganzem Namen Scheuchzers Wollgras. Benannt nach just dem Zürcher Arzt und Naturforscher, Johann Jakob Scheuchzer, der 1710 als einer der Ersten das Chärpfgebiet erforscht hat.

Ob er sie auch gesehen hat, die Libellen und Molche, die ich auf dem Seebödeli beobachte?

Zwei, drei, vier davon schwirren wie grüne Pfeile über das Wasser der dunkelblauen Tümpelchen. Tanzen durch die Luft, so schnell, dass ich sie immer wieder aus den Augen verliere. Die Molche indes nehmen es gemütlich: Wie Federn im Wind lassen sie sich im Wasser treiben, bewegen nur hie und da ihre Füsschen, steigen auf zur Wasseroberfläche, strecken den Kopf aus dem Wasser, um gleich wieder hinab zum Grund zu sinken, während eine Luftblase über ihnen aufsteigt.

An manchen Tagen tu ich es diesen Molchen gleich und lasse die Eile im Tal.

Verweile stattdessen an den Seelein, bis das Licht der Sonne sanfter und die Schatten länger werden. Froh darum, hier oben im Chärpfgebiet ein Nachtlager zu finden. Im Naturfreundehaus etwa, das sich wie ein Hexenhäuschen auf der Alp Mettmen zwischen hohen Tannen verbirgt. Oder in der Leglerhütte des Schweizer Alpen-Clubs SAC, die am Fuss des Chärpf direkt an einem kleinen Bergsee steht. Umgeben vom letzten Grün der Weiden, den felsigen Gipfeln näher als dem Tal.

Bergsee im Nebel
Im Chüebodensee ob Elm spiegeln sich grün die Bergflanken.
Berghütte in der Dunkelheit
Schön ist es bei der Leglerhütte auch wenn es dunkel wird.

Seit über hundert Jahren trotzt sie auf ihrem Hochplateau Föhn und Frost und bietet Wanderern ein Plätzchen Geborgenheit inmitten der Glarner Gipfelwelt. Damals ein einfacher Holzbau, ist sie heute eine moderne Berghütte geworden, mit grossen Fenstern und breiten Betten, in denen die Gäste unter blau-weiss karierten Duvets schlummern. Ihr Herz aus Holz hat die Leglerhütte dennoch behalten: In der alten Stube pulsiert abends die Wärme und dampfen die Suppenteller, während das Lachen und Plaudern der Gäste an jene Bergkameradschaft erinnert, die über alle Jahre dieselbe geblieben ist.

Schön ist es dann, nach dem Znacht mit glühenden Wangen noch einmal nach draussen zu gehen.

Fröstelnd im Abendwind zu stehen und zu betrachten, wie das Chärpfgebiet im Grau des Zwielichts versinkt, die Abenddämmerung saphirblau über den Himmel zieht und Reflexionen der Stubenfenster wie Irrlichter über das Seelein vor der Hütte tanzen. Bis nach und nach das Licht in den Fenstern verlöscht und die Nacht sich über die Gipfel, Pässchen und Hütten des Chärpfgebiets legt. Und die Bergseen schwarz wie Tusche werden, auf denen nur noch das Licht des Mondes fahl schimmert.