Wie ein ungeschliffener Diamant thront das Matterhorn über Zermatt. Unsere Autorin wanderte auf drei Touren rund um das «Horu». Sie pausierte in Berggasthäusern und bekam von den Wirten Geschichten serviert, die von der Liebe zum Berg erzählen.

Das Wichtigste im Überblick

Rund ums Matterhorn

Anreise:
Mit dem Zug via Visp ins autofreie Zermatt.
www.sbb.ch


Wanderung Fluhalp:
Bergstation Unterrothorn–Furggji–Flue (Bergrestaurant Fluhalp)–Stellisee–Grindjesee–Leisee–Bergstation Sunnegga, 2¾ Std., 880 Hm abwärts, T2.

Wanderung Hörnlihütte:
Bergstation Trockener Steg–Theodulgletschersee–Hirli–Hörnlihütte–Hirli–Bergstation Schwarzsee, 4½ Std., 660 Hm aufwärts/1020 Hm abwärts, T3.

Wanderung Trift:
Tag 1: Zermatt–Alterhaupt–Trift (Berggasthaus Trift), 2 Std., 720 Hm, T2;
Tag 2: Trift (Berggasthaus Trift)–Höhbalmen–Arben–Chalbermatten–Zmutt–Zermatt, 5 Std., 490 Hm aufwärts/1200 Hm abwärts, T3; 


Bergbahnen:
Fahrpläne und Preise der Bergbahnen Zermatt–Furi–Schwarzsee–Trockener Steg sowie Zermatt–Sunnegga–Blauherd–Rothorn:
Tel. +41 (0)27 966 01 01
www.matterhornparadise.ch


Unterkunft:
Im Text erwähnte Berghotels:
Bergrestaurant Fluhalp, Tel. +41 (0)27 967 25 97, www.fluhalp-zermatt.ch
Berggasthaus Trift, www.zermatt.net/trift
Hörnlihütte, www.hoernlihuette.ch


Allgemeine Auskünfte:
Zermatt Tourismus, Tel. +41 (0)27 966 81 00
www.zermatt.ch

Im Grau der Morgendämmerung liegt der Stellisee spiegelglatt hoch über Zermatt. Nur hie und da springt ein Fisch aus dem Wasser. Leise schwappt es, und Ringe aus kleinen Wellen breiten sich aus, bevor sich erneut Ruhe über den See legt. Bis auf einmal die ersten Strahlen der Sonne über den Horizont fliessen und die Welt erwacht. Die Spitzen der umliegenden Gipfel beginnen wie Zuckerwatte zu schimmern, und eines der bekanntesten Bilder der Alpen offenbart sich: Das Matterhorn mit rosa Gipfel spiegelt sich im Stellisee.

Vor 150 Jahren, am 14. Juli 1865, standen erstmals Bergsteiger auf dem Gipfel dieses Berges.

Der Engländer Edward Whymper holte sich als Erstbesteiger des Matterhorns die begehrteste Trophäe des damaligen Alpinismus, vier andere Männer starben: Im Abstieg glitt einer der Siebnerseilschaft aus, riss seine Kameraden mit, und das Seil zerfranste in zwei Teile – Edward Whymper und die Zermatter Führer, Vater und Sohn Taugwalder, blieben auf dem Grat stehen. Doch daran erinnert am Stellisee heute nichts mehr.

Die Geschichte hat sich aufgelöst wie das Spiegelbild des Matterhorns,wenn der erste Windhauch des Tages die Wasseroberfläche kräuselt und Besucher auf dem Wanderweg auftauchen. Asiatinnen mit Sonnenschirmchen, die dem Ufer entlang schlendern, Amerikaner, die ihre Kamera auf ein Stativ stellen und davor posieren, eine Gruppe Japaner, die im Gänsemarsch wie ein Tausendfüssler um den See und weiter zum Bergrestaurant Fluhalp trippelt.

Ein Berghotel mit sonnengeschwärzter Holzfassade und roten Fensterläden, das oberhalb des Stellisees auf einer Kuppe steht.

Seit 1984 bewirtet Reinhard Kopler hier Wanderer und Bergsteiger. Wobei besonders die Alpinisten gerne im Berghotel übernachten würden. «Um am nächsten Tag auf das Rimpfischhorn zu steigen.» Denn dieser Viertausender, so Reinhard Kopler, sei der Berg der Fluhalp. Doch würde der Wirt seine Gäste auf der Sonnenterrasse nach dem Rimpfischhorn fragen – die meisten würden ihn mit hochgezogenen Augenbrauen anblicken. Die Attraktion des Hotels sind weder das Rimpfischhorn noch die weiss gestärkten Bettbezüge und auch nicht die Samtvorhänge und knarrenden Lärchenholzdielen. Die wahre Attraktion steht auf der anderen Talseite und ragt schlank, spitz und frei in den Himmel: das Matterhorn.

Ansicht des Matterhorns mit Wolken
Schlank, spitz und frei ragt es in den Himmel: Das Matterhorn.
Blumen auf einer Alpenwiese
Alpenflora, entdeckt auf der Wanderung von Zermatt zur Trift.
Alpenpanorma mit See
Einfach grandios: Die Aussicht aufs Alpenpanorama.

Erstklassige Sicht auf «ds Horu»

Das weiss auch Reinhard Kopler. Und so wird der bodenständige Österreicher fast etwas verlegen, wenn er von diesem Berg spricht. Er wolle nicht arrogant sein, sagt er. «Aber von hier aus haben wir die schönste Sicht auf das Matterhorn.» Seine Gäste auf der Terrasse dürften ihm beipflichten: Egal, ob sie jassen, die Zeitung lesen, plaudern oder an einer Schorle nippen – ihre Stühle haben sie alle gegen das Matterhorn ausgerichtet. Wie Sonnenblumen, die ihre Köpfe in Richtung der Sonne drehen. Hin zu diesem Fixstern, der über Zermatt in den Himmel ragt und zu dem Besucher und Einheimische immer wieder aufblicken.

Als wollten sie sich vergewissern, dass dieser Berg nicht bloss ein Traum war.

Dass es noch da ist – «ds Horu», wie die Zermatter ihr Horn nennen. Für sie, die Zermatter, ist das Matterhorn wie ein Familienmitglied. Sie sind mit dem Berg aufgewachsen. Wobei einer aus dem Dorf dem Horn besonders nah ist: Kurt Lauber, Bergführer und Hüttenwart der Hörnlihütte. Jener Hütte, die sich auf über 3200 Meter Höhe an den Sockel des Matterhorns klammert, als wäre sie aus dem Tal so weit hochgestiegen wie nur möglich. Seit 1911 trotzt das Haus mit den weissen Mauern hier oben Wind und Wetter. Zum 150-Jahr-Jubiläum im 2015 hat es einen Nebenbau erhalten: einen Metallquader mit grossen Fenstern, in denen sich die umliegenden Gipfel spiegeln.

Früher wie heute ist diese Hütte eine Insel der Menschenwelt inmitten des Hochgebirges.

Und wer zu ihr hochsteigt, lässt Bergseelein und Alpenglockenblumen, Bächlein und Apollofalter hinter sich. Der Hüttenweg führt in eine karge Welt. Jeder Schritt wirbelt Staub auf, Geröll klirrt unter den Sohlen, und ein kühler Wind weht, während Bergdohlen durch die Luft sirren und um Felstürme tanzen, die wie kleine Matterhörner den Wegrand säumen.

Steht man nach zwei Stunden Aufstieg vor der Hörnlihütte und dreht sich um die eigene Achse, sind die höchsten Gipfel der Schweiz scheinbar auf Augenhöhe gesunken: Monte Rosa, Lyskamm, Dent Blanche – wie Wogen aus Fels und Eis erheben sie sich in einem weiten Kreis. Und das Matterhorn? Türmt sich so steil vor einem auf, dass man den Kopf in den Nacken legen muss, um mit den Augen dem Hörnligrat zu folgen.

Alpenpanorama mit Berghütte
Früher wie einst ist die Hörnlihütte eine Insel der Menschenwelt inmitten des Hochgebirges.
Mann vor einer Berghütte
Kurt Lauber, Hüttenwart in Hörnlihütte am Sockel des Matterhorns, stand mit 20 erstmals auf dem «Horu».
Spaghetti auf einer Terrasse
Die Bergsteigerspaghetti gehören zu den Spezialitäten der Hörnlihütte.

Jenem Grat, der von der Hütte bis zum Gipfel führt. Über ihn erklommen Edward Whymper und seine Kameraden 1865 den Berg, und bis heute steigen Hunderte von Alpinisten jeden Sommer über diese Route auf ihren Traumberg. Manche von ihnen sitzen am Tag zuvor auf der Hüttenterrasse, beugen sich über
Routenbeschriebe und blicken mit Feldstechern hoch zum Berg. Neben ihnen japanische Touristen mit Sonnenhütchen und weissen Handschuhen, sonnengebräunte Bergläufer in Turnschuhen und Zermatter Bergführer, die mit Freunden plaudern.

Und irgendwo dazwischen: Kurt Lauber. Mal steht er an einem Tisch, dann verschwindet er wieder in der Stube, taucht in der Küchentür wieder auf und begrüsst Gäste an der Rezeption im Entree. Seit über 30 Jahren führt er Gäste auf das Matterhorn, und seit über 20 Jahren bewartet er die Hütte an dessen Fuss. Dabei ist ihm der Berg in all den Jahren lieb geblieben.

Als erzählte er von einem alten, treuen Freund – so klingt der Zermatter, wenn er vom Matterhorn spricht. Von jenem Berg, auf dessen Gipfel er als 20-Jähriger erstmals stand.

Damals, als ihm ein Onkel den Berg zum Geburtstag schenkte. «Seither meinte es das Matterhorn immer gut mit mir», sagt er. Und so geniesse er es auch heute noch, dem Matterhorn nah zu sein. Besonders, wenn er selbst auf dem Gipfel stehe. Oder frühmorgens allein auf der Hüttenterrasse sitze und die Sonne aufgehe.

Drei Wanderer inmitten von Bergpanorama
Eine Dreiergruppe auf dem Weg zur Hörnlihütte.
Wanderer inmitten von Bergpanorama
Wie ein Magnet lockt die Gebirgswelt um das Matterhorn Reisende aus aller Welt an.
Alpenpanorama mit Berghütte
Vom Furggji her auf der Flue angekommen, kehren Wandervögel im Berggasthaus Fluhalp ein.

Ein Berg wie eine Explosion In diesem Moment, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel leuchten lassen und der Berg sich unterhalb der Fluhalp im Stellisee spiegelt – dann liegt auch auf der anderen Seite von Zermatt ein Fleckchen Bergwelt in der Morgendämmerung: das Hochtal von Trift, in dem es frühmorgens so still ist, als wäre der Ort aus der Zeit gefallen. Nur ein Rotschwanz zwitschert auf einem Stein, und das Wasser des Triftbachs plätschert durch die grüne Hochebene, in der als heller Punkt das Berggasthaus Trift liegt. Ein rosafarbenes Hotel mit grünen Fensterläden und der Aufschrift «Hotel du Trift», das in einem Dornröschenschlaf zu schlummern scheint.

Bis neben dem Eingang auf einmal ein Fenster aufgeht. Hugo Biner blickt kurz hinaus. Derweil öffnet Fabienne Biner die Haustüre und tritt ins Freie, wischt die Tische vor dem Haus mit einem Lappen ab und schaut hoch zu den Bergen, die sie jeden Tag sieht: zum Zinalrothorn und zum Ober Gabelhorn, über dessen Felsen die Sonnenstrahlen orangefarben fliessen, und zum rosa schimmernden Firngipfel der Wellenkuppe. Nur ein Berg fehlt: das Matterhorn.

Verborgen hinter dem Rücken von Höhbalmen und den steilen Triftwäng, liegt die Trift hoch über Zermatt.

Ein Ort, an dem man zwischen Butterblumen und Alpenrosen in einer Wiese sitzt und alles andere vergisst – den Alltag, die Zeit, die Sorgen, das Dorf Zermatt und selbst das Matterhorn. So störe es auch die Gäste des Hotels Trift nicht, dass dieser Zacken hier fehle, sagt Hugo Biner. «Dank dem gelten wir bis heute als Geheimtipp.» Als Ort, an dem es ruhig geblieben sei.

Doch hin und wieder würden sie als Zermatter schon das Matterhorn vermissen, sagt Fabienne Biner. Dann steige sie auf dem Wanderweg rasch bergauf bis Höhbalmen. Kaum erreiche man dort oben «ds Egg», stehe der Berg in seiner ganzen Pracht vor einem. «Wie eine Explosion», sagt Hugo Biner und klingt dabei so begeistert, als hätte er das Schauspiel gerade zum ersten Mal erlebt.

So hat das Matterhorn auch auf der Trift seinen Platz.

Nicht nur als Ölgemälde in der Holzstube. Sondern auch, weil die Gastgeber mit dem Berg gross geworden sind. Und nicht zuletzt, weil Fabienne Biner als junge Frau zu einer Freundin sagte: «So, jetzt will ich aufs Matterhorn steigen.» Und die Freundin antwortete: «Da würde ich dir den Hugo Biner als Führer empfehlen.» Sitzt das Paar heute am Tisch in der Küche des Hotels Trift und erzählt von dieser Bergtour, lächelt Fabienne Biner. «Jaja», sagt sie dann fast etwas schüchtern. «Das war die grosse Liebesgeschichte damals.» An jenem Berg der Berge, oberhalb von Zermatt.