Vom Arbeitermodell bis zum Perlmutt-verzierten Prestigeobjekt: Im Nähmaschinenmuseum in Dürnten sind 150 Schmuckstücke zu bewundern. Darunter auch ein «unanständiges».

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:
Mit dem Zug bis Bahnhof Rüti ZH, dort den Bus Richtung Wald nehmen bis zur Haltestelle Pilgerhof.
www.sbb.ch
Mit dem Auto via Zürich auf die Autobahn 53, Ausfahrt Rüti.


Sehenswert:
Im Untergeschoss des Museums betreibt Roni Schmied eine Brocante mit sehr schönen restaurierten Möbeln und Accessoires, wie etwa Kronleuchtern.
Roni Schmied
Tel. +41 (0)55 241 26 34
www.naehmaschinen-museum.ch

Die meisten Buben begeistern sich für Fussball, Modellautos oder Lego. Nicht so Roni Schmied. Seine Leidenschaft sind, seit er 11 Jahre alt war, Nähmaschinen. Damals fand er auf dem Abfall eine alte Nähmaschine, die er – nicht gerade zur Freude seiner Eltern – nach Hause schleppte und restaurierte. Das nötige Wissen eignete er sich teils selber an, teils unterstützte ihn seine Nachbarin. «Sie war Schneiderin und kannte sich natürlich aus mit Nähmaschinen. Von ihr habe ich viel gelernt, unter anderem auch das Nähen.» Wirklich spannend fand und findet er aber die Technik sowie die Tatsache, dass Nähmaschinen auch Industriegeschichte schrieben.

Zwei Herren stehen im Ausstellungsraum des Museums.
Museumschef Roni Schmied und Partner Tino Jaun.
Reklameschild einer Nähmaschine von der Marke Bernina.
Historisches Reklameschild: Bernina.
Reklameschild der Firma Mundlos.
Historisches Reklameschild: Mundlos.

Hunderte Maschinen restauriert

Die ersten funktionstüchtigen Nähmaschinen brachten Elias Howe, Benjamin Wilson und Isaac Merritt Singer auf den Markt – zum damals horrenden Preis von rund 100 Dollar. «Und weil sich das längst nicht jeder leisten konnte, bot Singer als Erster das Leasingsystem an», erklärt der begeisterte Sammler. Bald schon entstanden auch in Europa Nähmaschinen-Fabriken, die oft auch andere technische Geräte herstellten. Bekanntes Beispiel dafür sind die Adler-Werke in Frankfurt, die nebst Nähmaschinen erfolgreich Schreibmaschinen, Velos, später Motorräder und Autos produzierten. Die Passion für Nähmaschinen liess den gelernten Schreiner Roni Schmied nicht mehr los, und so kamen im Laufe der Zeit Hunderte Maschinen zusammen, die er sorgfältig restaurierte.

Was liegt da näher, als die Schätze auch anderen Interessierten zugänglich zu machen? Mit viel Glück und auch Unterstützung durch seine Eltern und seinen Partner Tino Jaun konnte Schmied seinen Traum wahr machen. In der Remise der ehemaligen Fabrikanlage Pilgersteg im zürcherischen Dürnten fand er den perfekten Ort, allerdings stand erst eine aufwendige Renovation an.

Im Frühling 2013 war es dann so weit: Seine Schmuckstücke stehen in einem grossen Saal mit kunstvollem Parkettboden. Rund 150 Maschinen aus seiner riesigen Sammlung, die meisten aus dem 19. Jahrhundert, sind hier nach Ländern geordnet ausgestellt. Da gibt es vom ganz einfachen «Arbeitermodell» über die mobile Nähmaschine bis zur Industriemaschine jede Menge zu sehen. Manche der Stücke sind richtige Prestigeobjekte mit kunstvoller Bemalung und eingelegtem Perlmutt. «Wer etwas auf sich hielt, stellte sich das teuerste Modell in die Stube», erklärt er. «Und für das Personal, das auch wirklich darauf nähte, gab es eine billige Maschine, die den Gästen verborgen blieb.»

Die Maschine handelte sich den Übernamen «Die Unanständige» ein.

Erstaunlich: Die meisten präsentierten Maschinen sind noch funktionsfähig. Und von jeder kennt Roni Schmied Herkunft und Geschichte. So zum Beispiel von einem französischen Modell, das nicht wie üblich mit einem breiten Pedal für beide Füsse angetrieben wurde, sondern mittels zweier Tretbügel. Zu diesem Zweck musste die Näherin den langen Rock etwas anheben, sodass die Fesseln zu sehen war – was im vorletzten Jahrhundert als sehr unschicklich galt. Die Maschine handelte sich deshalb den Übernamen «Die Unanständige» ein und liess sich nicht verkaufen.

Eine Sammlung an alten Nähmaschinen stehen im Regal.
Prestigeobjekte: Kunstvoll verzierte, alte Nähmaschinen.
Schaufensterpuppe mit alten Kleidungsstücken.
Auch alte Kleidungsstücke sind im Museum zu sehen.

«Immer die Augen offen»

Nebst den Nähmaschinen werden im Museum auch einige Objekte aus dem Textilbereich präsentiert. So zum Beispiel eine alte Stempeluhr aus einer Stickereifabrik, Kleider aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts oder ein Taufkleid, das mit der von der Schweizer Firma Gegauf entwickelten Hohlsaummaschine genäht wurde. Zu entdecken gibt es jede Menge – und das wird weiterhin so bleiben, denn die Sammellust von Roni Schmied wurde durch die Eröffnung des Museums kein bisschen weniger: «Ich halte immer die Augen offen und nehme notfalls auch weite Wege in Kauf, wenn es sich um ein besonders rares Stück handelt.»