Der Dammagletscher ist eine grossartige Kulisse. Unser Wanderer dreht ihm den Rücken zu und begibt sich auf eine Route mit anderen Attraktionen.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:
Bus Göschenen–­Göscheneralp täglich bis 14. Oktober. ­Reservation zwingend: 079 343 01 09 mindestens 2 Stunden vor Abfahrt.
www.sbb.ch 

Route:
Göscheneralp (Bus)–Staumauer–In den–­Feden–Jäntelboden–­Bonen–Abfrutt–Stockwald–Göschenen, Dorf - Göschenen, Bahnhof.

Dauer:
Knapp drei Stunden. 94 Meter aufwärts, 769 abwärts.

Wanderkarte:
255 T, Sustenpass, 1:50 000.

Verpflegung:
In Göschenen. Restaurant Dammagletscher, Göscheneralp: Montag Ruhetag.
www.dammagletscher.ch 


Mit einer Postkartenansicht beginnt auf der Göscheneralp unsere Wanderung: Von der Dammkrone des Stausees schweift das Auge westwärts über das Wasser und prallt dahinter auf eine Bergmauer; der in sie eingelagerte Dammagletscher schimmert grauweiss. Links und rechts rahmen flechtenbewachsene Felswände in Hellgrün das Bild. Dieses taucht immer wieder einmal in einem Kalender mit den schönsten Schweiz-Impressionen auf.

Wer einen Wanderklassiker machen will: In vier Stunden kann man den See umrunden. Hier möchte ich eine andere Route vorschlagen, sie ist wenig alpin, dafür aber äusserst abwechslungsreich und bestens geeignet für Familien. Am Anfang steht – das verbindet beide Unternehmungen – die Busfahrt von Göschenen auf die Göscheneralp. Dort hat es ein Restaurant. Doch wo ist der See? Ein paar Gehminuten entfernt. Der Weg zum Staudamm führt vorbei an einem Holzgestühl mit einer alten Glocke darin. Sie stammt von der Kapelle der Göscheneralp. 1963 flutete man die Alp; die Glocke erinnert an dieses Ende im Zeichen der Stromgewinnung.

St. Niklaus im Tobel

Auf der begrasten Dammkrone machen sich alle anderen Wanderer an die Tour um den See, ein paar ältere Leute setzen sich auf die Bänklein. Wir, Wanderfreund Ivan und ich, beschauen uns ausgiebig den Dammagletscher. Dann drehen wir ihm den Rücken zu, unser Ziel ist Göschenen; wir nehmen den Pfad, der steil abwärts führt. Wir passieren eine Serie bauchiger Felsbuckel; gerade üben sich an ihnen Kletterer. Auf dem Jäntelboden, einer weiten Fläche, kommen wir zu einem Seelein und zu einem Campingplatz mit Tipis. Dies soll eine Gemütlichwanderung sein, wir rasten ein erstes Mal. Hernach eine zweite Steilstufe: das St.-­­Niklausen-Tobel. Wir mögen die Feuchtigkeit, den Waldschatten, die im Schummer ­talwärts stürzende Göschenerreuss. Ein Bildstock mit dem heiligen Niklaus samt Mitra, Messgewand und Krummstab überrascht uns. Kurz tangieren wir die Strasse zur Göscheneralp; wir haben sie zwischenzeitlich vergessen. Nach dem ­Tobel macht uns ein schöner Rastplatz ­betrübt. Wir haben nichts zum Bräteln dabei. Keine Wurst, kein Bürli, kein gar nichts. Mein Snickers ist nutzlos.

Die Klugheit früherer Epochen

Weiter unten weist eine Tafel des «Wasserweges Göschenen» auf ein gemauertes Loch im Fels neben dem Weg, einen Kühlverschlag, in dem in stromlosen Zeiten Milchprodukte frisch blieben. Während wir noch über die Klugheit früherer Epochen und ihrer Menschen reden, sehen wir bei Abfrutt drei nebeneinander aufgereihte Gebäude: ein angejahrtes Haus, ein remisenartiger Gaden sowie eine ­Kapelle – Wohnen, Arbeiten, Beten in enger Verschränkung.

Erneut wandelt sich der Pfad. Wir betreten einen zauberisch vermoosten, mit Felsblöcken bestückten Wald. Weiter vorn ein Seilgeländer, zur Linken fällt das Terrain ab. Auf diesem Weg – unter ihm verläuft eine Wasserleitung des 19. Jahrhunderts, die Göschener Hotels mit Wasser versorgte – muss man auf Kinder ein Auge haben. Und schon zeigen sich die ersten Häuser von Göschenen. Gut, dem Dorf einmal anders zu begegnen als immer nur im Vorbeibrausen. Um den Ort näher kennenzulernen, drehen wir eine Runde durch ihn und streben erst danach dem abseitigen Bahnhof zu.

Bei einem Eingeklemmten vor der Bahnhofsbuvette sind Ivan und ich uns einig: Es war eine tolle Wanderung. Ein Bilderbuch: steile, flache, bewaldete, offene, felsige, steinige, grüne Landschaften. Vollwertkost im Urnerland.

Apropos Göschenen

Die Ingenieure des Gotthardtunnels im 19. Jahrhundert waren einfach genial. Etwa die Herren Otto ­Gelpke und Carl Koppe, denen es oblag, die beiden Stollen von Göschenen und Airolo möglichst genau aufeinander zuzuführen. Beim Durchstich am 29. Februar 1880 stellte sich heraus, dass die Abweichung seitlich nur 33 und in der Höhe gar nur 5 Zentimeter betrug. Zentral für die Kon­trolle der Tunnelachse während des Baus waren in Göschenen zwei Visierstollen gewesen. Einer ist er­halten geblieben. Man kann ihn besichtigen und ­erfährt via Audioshow, wie genau er funktionierte und wie der Bahntunnel entstand. Der Visier­stollen ist eine von 14 Stationen des «Rundganges Gotthardtunneldorf», der Göschenen präsentiert als Verkehrsort seit vielen Jahrhunderten; der Gotthardbahntunnel ist darin ein wichtiges Kapitel. Der Rundgang beginnt im Bahnhof Göschenen. Dort und im Coop beim Dorfplatz liegt die Rundgang-­Broschüre auf.