Zwischen Bazenheid und Degersheim erfährt unserer Wanderer die Leichtigkeit des Seins. Er tankt viel Sonne und später literweise Wasser.

Das Wichtigste im Überblick

Route:
Bazenheid–Haslen–Tufertschwil–Rimensberg–Winzenberg–Unter Schauenberg–Alenschwanden–Spilberg–Eich–Moosbad–Moos–Ruermüli–Wolfensberg–Taa–Degersheim.

Dauer:
5 Stunden. 690 Meter auf-, 490 abwärts.

Wanderkarte:
226 T, Rapperswil, und 227 T, Appenzell, 1:50 000.

Einkehr:
Diverse Möglichkeiten. «Moosbad»: Mi, Do Ruhetag. «Wolfensberg»: durchgehend offen.

Hinkommen:
Bazenheid liegt an der Bahnlinie Wil–Wattwil.
www.sbb.ch

Eine Wanderbeschreibung muss den Charakter der Route einfangen, nicht nur deren krude Tatsachen, finde ich. Im Fall unserer Ostschweizer Unternehmung möchte ich in diesem Sinne dies als prägend festhalten: Wir gingen die meiste Zeit über die Hügel, wir waren dem Himmel näher als gewöhnlich. Damit war eine Leichtigkeit des Seins und Fühlens verbunden. Ein Bild, das mir von jenem Tag auch bleibt: Ronja öffnete irgendwann der Sonne wegen ihren Regenschirm. Ich sehe sie vor mir, weit vorn auf der Krete, als Scherenschnitt «Frau mit Schirm».

In Bazenheid im unteren Toggenburg, einem geschäftigen Dorf, starteten wir. Erstes Ziel war Tufertschwil.

Wir querten die Thur, passierten das Haslen-Beizli, bogen vor Lütisburg links ab. Oben bei der Steig ein jäher Tiefblick hinab zum Necker auf seinem letzten Kilometer.

Die Windrädli-Berufsleute

Wir gingen nun auf dem Windrädliweg. Bei jeder Station steht ein Windrädli, das mit einer Berufsfigur gekoppelt ist. Weht der Wind, so serviert der Servierer, rührt der Koch in der Pfanne, hobelt der Schreiner. An unserem Tag gab es ­keinen Wind. Die Berufsleute waren Faulenzer. In Tufertschwil zog uns das ehrwür­dige «Rössli» an, doch für die Einkehr war es zu früh. Gegenüber fiel uns ein noch viel älteres Haus auf, gebaut 1654. Typisch Toggenburg die Klebdächer, wie man die schräg gestellten Schutzdächer über den Fenstern nennt. Sie waren auf der Unterseite mit Sternen bemalt.

Eine Bar, auf der ein Plastik-Krokodil zur Dekoration liegt.
Krokodil im Restaurant Billabong/Quellenhof, Gossau.

Jetzt kamen wir richtig in die Hügel, doch muss ich an dieser Stelle die Romantik kurz unterbrechen: Kürzlich meldete sich ein Leser und klagte, dass ich bei einer Route nicht klar genug auf den Hartbelag hingewiesen hätte. Er hatte recht, und daher dies: Auch auf dieser Route geht man des Öftern auf Hartbelag. Uns wars egal, die Sonne berauschte uns. Am Abend allerdings spürte ich meine Schwachstelle unten links, Lendenwirbel und so.

Einkehr auf dem Wolfensberg

Wir überschritten den Rimensberg, den Winzenberg, den Schauenberg, den Spilberg; die Churfirsten in der Ferne banden meinen Blick. Im Grüpplein kam derweil ein Murren auf. Alle hatten Durst, doch die «Frohe Aussicht» auf dem Winzenberg hatte zu. Und irgendwie war da nie ein Brunnen. Indem wir nah dem Kloster Magdenau einen Schwenker nach Süden vollzogen, leiteten wir die Rettung ein. Wir strebten der Bauernwirtschaft Moosbad zu. Und sie hatte offen.

Wir tranken, nein soffen, bis jede Zelle bewässert war. Für das Essen wollten wir noch warten. Steil stiegen wir ab zum Ruerbach, steil wieder auf. Unsere Belohnung: das Restaurant auf dem Wolfensberg. Herrlich der Baumschatten des Gartens, in dem wir – sehr gut! – assen. Eine Über­raschung später auf der letzten halben Wander­stunde: das Anwesen von Oliver Lüttin, das man an zwei entrindeten Riesenbäumen erkennt, die als drohende Stummel gen Himmel ragen. Es sind Sequoias. Künstler Lüttin baut aus Holz Klang­instrumente: Trommeln, Hammerklaviere oder auch Didgeridoos, die aussehen wie kleine Alphörner; auf www.klangarena.ch findet man mehr zu seiner Arbeit. Am Bahnhof Degersheim endete die Högertour bald danach. Ronja konnte ihren Schirm wieder zuklappen.

Apropos Degersheim 

Zwischen Degersheim und Gossau liegt die Wissbachschlucht, ein aussergewöhnlich schöner Ort, der doch ein Geheimtipp geblieben ist. Routenvorschlag: In Gossau gehen wir vom Bahnhof zum Weiler Mult. Auf einen Schlag ist fertig Agglo, per sofort sind wir im Hügelland. Via Rüti ziehen wir zur Glatt, queren sie, erklimmen die Egg. Dort wartet eine herr­liche Bauernwirtschaft, der «Hirschen». Danach ein Ministück abseits des Wanderweges: exakt in Südrichtung abwärts auf dem Strässchen zur grösseren Strasse. Gleich finden wir wieder den Wanderweg und steigen in die Wissbachschlucht ein. Der Bach darf sich in seinem Graben aufführen, wie er will, er richtet kleine Überschwemmungsdesaster an, nagt hungrig an der Nagelfluh. Bei einem Druckrohr ist eine Holztreppe mit Dach in den coupierten Tobelschlitz gelegt – was für ein Spektakel! Später steigen wir auf zum Schwänberg, Gemeinde Herisau. Der Weiler ist der älteste urkundlich erwähnte Punkt des Appenzellerlandes. Via Zellersmüli und Hueb sind wir rasch wieder am Bahnhof Gossau. Letzte Attraktion: Ins Restaurant Quellenhof am Bahnhofplatz ist ein australisches Lokal integriert. Über der Bar hockt ein riesiges Krokodil, ein mit Glasfasern verstärkter Gipsabdruck.
Die Wegangaben: Gehdauer 3 Stunden, je 320 Meter auf- und abwärts.