Feuchte Tobel, umwölkte Kalkfluhen und Sonnenzauber über dem Nebel: Das bietet die Jura-Wanderung von Neuenburg auf den Chaumont. Fernsicht bis zu den Alpen ist inklusive.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:

Zug nach Neuenburg. Mit Bus ab Place Blaise Cendrars westwärts bis Pont des Parcs. 
www.sbb.ch


Route:

Neuenburg, Pont des Parcs – Gorges du Seyon bis Abzweiger vor Valangin  – Trois Bornes  – Chaumont Bergstation (Standseilbahn hinab nach Neuenburg).


Dauer:

2¾ Stunden. 650 Meter auf-, 50 abwärts.


Wanderkarte:

242T, Avenches und
232T, Vallon de St-Imier, 1:50 000.


Verpflegung:

«Petit Hôtel de Chaumont» 
Tel. +41 (0)32 754 10 54
www.petithotel.ch



Der Jurasüdfuss-Nebel hat über Nacht die Landschaft genässt. Auf der Anreise habe ich ab Olten kaum Sicht. Und auch in Neuenburg selber liegt Nebel, als ich den Bahnhof durch den Nord-Ausgang verlasse und von der Place Blaise Cendrars gleich am Ende der Unterführung den Bus Nummer 10 nehme.

Blaise Cendrars – was für eine pralle Biografie der Jurassier hat! 1903 mit 16 Jahren von zu Hause abgehauen, die Welt durchstreift, in der Fremdenlegion eine Hand verloren, Medizin und Philosophie studiert, Paris zum Lebensort erwählt und viele, viele Bücher geschrieben.

Cendrars war ein Wanderer des Lebens. In der Schule lasen wir einst den Cendrars-Roman «Gold – Die fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Sutter»: die Geschichte des Schweizers Sutter, der nach Amerika auswanderte. Er brachte es zu enormem Grundbesitz. Dann wurde 1848 auf seinem Land Gold entdeckt. Der Goldrausch brach aus, Recht und Ordnung brachen zusammen, Sutter verlor alles.

Zurück in die Gegenwart. Bei der Bushaltestelle Pont des Parcs steht der Wanderwegweiser wie ein Freund, der auf mich gewartet hat. Er führt die Treppe hinab in die Gorges du Seyon. In der Schlucht feuchtelt es noch viel mehr. Die Schnecken lieben das, sie sind überall, die meisten weiss.

Die Hangpassage über dem Seyon Richtung Valangin ist herrlich mit einer Ausnahme: Auf der anderen Hangseite lärmt die viel befahrene Strasse. Ansonsten: Freude über das Jura-Ambiente. Über meinem Pfad hängt zur Rechten eine Kalkfluh, eine Abfolge geschmirgelter und gerundeter Buchten. Ich muss immer wieder innehalten und schauen und hätte die grösste Lust, «sur place» zu grillieren. Schliesslich der Abzweiger. Geradeaus ginge es nach Valangin. Ich biege rechts ein. Denn in Valangin war ich schon, es ist ein komplettes Mittelalterstädtchen mit Hauptgasse, Stadttor, Kirche, Schloss auf kleinstem Raum. Wer es nicht kennt, leiste sich den Umweg, Gehzeit und Besichtigungszeit zusammengerechnet, braucht er gut 1½ Stunden länger.

Valangin ist ein komplettes Mittelalterstädtchen mit Hauptgasse, Stadttor, Kirche, Schloss auf kleinstem Raum.

Via Trois Bornes steige ich auf breiten Wegen durch den Forst auf zum Chaumont. Kurz bevor ich oben bin, vollzieht sich wieder einmal das Wanderwunder: Ich werde erleuchtet. Der triefende, satt dunkelgrüne Wald vollzieht einen Farbwechsel und changiert ins Pastellene, der Himmel wechselt von Grau zu Blaugrau und Blau, und voilà die Sonne.

Das letzte Stück gehe ich die Strasse entlang – kein Abenteuertrack für allradgetriebene Förster, sondern eine ganz normale Strasse wie unten im Mittelland. Ein Schild kündigt die Topeka Ranch an, Pferdepension und Reitzentrum. Das Golfhotel gleich danach ist halbmoderne, ungemütliche Architektur.

Allein dieser erregenden Blick lohnt die Ersteigung des Neuenburger Hausbergs.

Dann das Minarett. Ich dachte, wir Schweizer hätten Minarette verboten? Das filigrane, aufragende Dingelchen, durchbrochen auf orientalisierende Art, erweist sich aus der Nähe als Aussichtsturm. Auf der Plattform trete ich ans Geländer. Unten wabert Restnebel, doch See und Stadt sind erahnbar. Und der Horizont am Alpenkranz könnte sichtbarer nicht sein. Allein dieser erregende Blick lohnt die Ersteigung des Neuenburger Hausbergs.

Im nahen «Petit Hôtel de Chaumont» genehmige ich mir in einer Art Wintergarten ein Rumpsteak. Blutig. Am Nebentisch sitzt ein, höflich gesagt, sehr beleibtes Ehepaar. Die zwei haben Lätzchen umgehängt. Als ihr Essen kommt, ist mir klar, warum. Es ist Fleisch auf dem heissen Stein. Das spritzt bis zu mir.

Als ich mit der Standseilbahn nach Neuenburg niederfahre, ist es noch längst nicht Abend und schon gar nicht Nacht. Doch der Jurasüdfuss-Nebel hat sich bereits wieder in alle Winkel ausgebreitet und tut, was er am liebsten tut: feuchteln und nässen.

Apropos Neuenburg

Wenn wir schon am Neuenburgersee sind, lohnt sich ein Ausflug nach Yverdon. Erlebnishungrigen Kindern darf man verheissen: Dies wird ein Abenteuer! Wir werden eine 6000 Jahre alte Kultanlage entdecken! Eine gute halbe Stunde dauert die Wanderung vom Bahnhof Yverdon, wir gehen auf dem signalisierten Weg zum See und Richtung Yvonand und Estavayer. Dann am Stadtrand eine Lichtung. Hier findet sich das Alignement von Clendy (unter diesem Titel bietet Wikipedia einen guten Eintrag).

Eine 6000 Jahre alte Kultanlage entdecken!

Alignement bezeichnet eine Aufreihung grosser Steine, sogenannter Megalithen. In Clendy sind es 45, davon einzelne bis über 4 Meter hoch, einige bearbeitet, um Menschenähnlichkeit der Silhouette zu bewirken; die einen sind zu Halbkreisen arrangiert, die anderen zu geraden Linien. Welche Art von Religion hinter der Anlage steht, wissen wir nicht genau. Hingegen ist klar, was damals in der Jungsteinzeit geschah: Die Menschen sattelten vom Jagen um auf den Ackerbau und wurden sesshaft. Richtige Dörfer entstanden und mit ihnen auch Gruppen, die solche Megalithen überhaupt behauen und aufrichten konnten. Vielleicht verehrten sie in den Steinen Urahnen oder Sippengründer.

Dankbar sind wir für die Juragewässer-Korrektion von einst. Dadurch senkte sich der Spiegel des Neuenburgersees. So entdeckte man 1878 das Alignement.