Ab auf den See! Entspannt geniessen lässt sich dies auf dem Raddampfer Uri. Im Takt der Maschine trägt er die Passagiere an den touristischen Gestaden des Vierwaldstättersees vorbei.

Fahrt auf dem Vierwaldstättersee

Fahrt:
Die Fahrt mit dem Schiff von Luzern nach Flüelen dauert rund 2¾ Stunden. Das Schiff steuert diverse Sehenswürdigkeiten an, so das Rütli und die Tellskapelle. An verschiedenen Stationen ist das Umsteigen auf Bergbahnen möglich: in Vitznau auf die Rigi, in Treib nach Seelisberg. 

Billette:
Billete können an den Schiffstationen sowie auf den Schiffen gelöst werden. Alle Fahrpläne und die Einsätze der fünf Raddampfer finden sich auf www.lakelucerne.ch

Verpflegung:
Das Essen an Bord der Vierwaldstätterseeschiffe wird frisch zubereitet – es ist besser als auf anderen Schweizer Seen.

Ein leichter Ruck, ein sanftes Stossen, gefolgt von einem Moment der Ruhe. Dann das gleiche Muster wieder von vorn, immer und immer wieder, im Sekundentakt. Wer auf dem Oberdeck des Raddampfers Uri sitzt, spürt, wie die Dampfmaschine das Schiff durch den Vierwaldstättersee schiebt.

Der Rhythmus der asymmetrisch drehenden Zweizylindermaschine ist der Rhythmus der Belle Epoque.

1901 gebaut, ist der Dampfer Zeuge jener sprichwörtlich schönen, alten Zeit, als in Europa Kaiser und Könige regierten und sich am Vierwaldstättersee verlustierten. Touristen aus Asien, Rentner und Schulklassen aus dem nahen Mittelland bevölkern heute die Decks, plaudern, geniessen die sommerliche Wärme und schiessen Panoramabilder und Selfies. «Einfach extrem schön», findet Nio, ein Besucher aus Singapur, die Landschaft mit See und Bergpanorama. Er ist begeistert wie anno 1878 Mark Twain. «Die Schönheit dieses Sees ist wirklich nicht übertrieben», schwärmte der amerikanische Schriftsteller nach seinem Besuch der Innerschweiz, «eine Fahrt auf dem See ist ein perfektes Vergnügen.»

Standesgemässer Empfang

Die Innerschweiz zu besuchen war damals ein Must. Die englische Königin Victoria machte 1868 in Luzern einen Monat Ferien. Ihr Enkel Kaiser Wilhelm II. von Deutschland kam 25 Jahre später nur zu einem Blitzbesuch, wenn auch einem standesgemäss inszenierten. 1893 stiegen er und seine Frau Auguste Victoria auf der Rückreise von einer Staatsvisite in Italien in Flüelen von der Bahn aufs bereitgestellte Schiff um und liessen sich nach Luzern fahren. Eine Ehrenkompanie, Kanonenschüsse und drei Bundesräte erwarteten ihn dann dort an der mit eigens aufgestellten Statuen geschmückten Ländte. Nach einem gemeinsamen Mittagessen im «Schweizerhof» gings mit der Kutsche über die Seebrücke zum Bahnhof und dann per Zug heim ins Reich.

Fast hundert Jahre sind vergangen, seit der Preussenkaiser nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg abdankte.

Der «Schweizerhof » aber ist noch immer da, 1845 als eines der ersten Grandhotels der Schweiz erbaut, vielfach erweitert und renoviert. Gleich gegenüber der Schiffstation beim Bahnhof gelegen, ist der weiss gestrichene, klassizistische Komplex die erste Wegmarke am Seeweg nach Flüelen. Grösser, luxuriöser, verschnörkelter hiess danach das Motto des Hotelbaus, von dem das «National», das «Palace» und darüber das «Montana» zeugen, die langsam an uns vorbeiziehen, als die Uri Luzern verlässt. Weitere, weniger pompöse Hotels folgen, fast bis zum Ende der Luzerner Bucht. Luzern ist damals wie heute der Hafen der Touristen, der Ausgangspunkt für all die Attraktionen, die im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert erschlossen wurden. Von den Vorderdecks der Uri aus sieht man sie alle: zur Linken die Rigi, zur Rechten den Pilatus, in der Mitte den Bürgenstock und das Stanserhorn, alle per Bähnli erreichbar.

Die Rigibahn war, so lernte man es in der Schule, die erste Zahnrad- und Bergbahn Europas.

Als sie 1871 bergauf zu schnaufen begann, wurden die Sänften obsolet. Abenteuerlustige Touristen erklommen den Berg weiter zu Fuss; Mark Twain brauchte dafür angeblich drei Tage und verschlief dann auf dem Kulm den Sonnenaufgang, den Hauptgrund, den Aussichtsberg zu besuchen.

Aussichtsturm vor Bergpanorama
Attraktion: Der Hammetschwandlift am Bürgenstock.
Aussicht auf einen See
Vom «National» aus gesehen: Der National- und der Schweizerhofquai.
Alte Postkarte mit Berg
Ein altes Postkartenbild vom Bürgenstock.

Demokratisiertes Bauen

Ein Sonnenaufgang ist längst kein Grund mehr für eine Reise, und so sind all die grossen Hotels, die einst auf der Rigi standen, verschwunden. Populär ist der Aussichtsberg noch immer, für einen Tagesausflug. Als die Uri in Vitznau anlegt, verlässt rund die Hälfte der Passagiere, vor allem solche aus Asien, den Dampfer. Sie strömen durch die schmucke Jugendstilschiffstation zum Bahnhof dahinter, wo ein roter Zug im modernen Stil der Dreissigerjahre wartet.

Wer sich für Geschichte, Architektur und Design interessiert, findet auf dieser Zeitreise immer wieder Inspiration.

Vitznau hat diesbezüglich noch mehr zu bieten: Das unübersehbare, schlossartige Park Hotel, das der österreichische Unternehmer Peter Pühringer protzig renovieren liess, den «Vitznauerhof» im Laubsägeli-Stil, beide direkt am Wasser gelegen. Ferienhotels baute man schon immer an den schönsten Flecken. Was dem Adel recht war, sollte der Arbeiterschaft nur billig sein. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg baute auch die Gewerkschaft Smuv in Vitznau ein heimeliges Hotel an prächtiger Aussichtslage. Vor ein paar Jahren verkaufte die Smuv-Nachfolgerin Unia das Haus, das als «Flora Alpina » weiterhin in Betrieb ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bauen an schönen Lagen weiter demokratisiert – und vor allem individualisiert.

Das ist den Ufern in der Luzerner Bucht sowie von Weggis bis Brunnen deutlich anzusehen. Da kleben unzählige Ein- und Mehrfamilienhäuser an den Hängen, die meisten sind keine Zierde. Auf der anderen Seeseite fällt auf dem bewaldeten Bürgenstock ein Wald von Kränen auf. Hier wird die grossartigste Hotelanlage des Vierwaldstättersees totalsaniert, also weitgehend neu gebaut. Investor ist ein Staatsfonds des Emirats Katar. «So weit kommt es, wenn die Schweizer kein Geld mehr geben», regt sich Anton Muff, Rentner aus Zofingen, auf, der mit seiner Frau auf dem Schiff unterwegs ist. Dank den Katarern findet allerdings eine fantastische Tourismusgeschichte seine Fortsetzung. 1873 hatten die Sägereibesitzer Franz Josef Bucher-Durrer und Josef Durrer das Grandhotel auf der damaligen Trittalp eröffnet, dem sie den Namen Bürgenstock gaben.

Im Laufe der nächsten dreissig Jahre kamen zwei weitere Hotels und als besondere Attraktion der Hammetschwandlift dazu, der Gäste 153 Meter hoch senkrecht auf den Gipfel des Resorts hievt.

Die Standseilbahn, die den Bürgenstock mit der Schiffstation verbindet, konstruierte der Bauernsohn Bucher-Durrer selbst, ebenso die Bahn aufs nahe Stanserhorn, inklusive eines revolutionären Bremssystems. Bucher-Durrer expandierte, baute das «Palace» in Luzern und erschloss neue Touristenziele, als die Innerschweiz bei der Hautevolee etwas démodée zu werden drohte. Der Unternehmer, der nur Obwaldner Dialekt sprach, eröffnete Hotels in Italien und in Ägypten, wo er 1906 starb, als grösster Hotelier Europas.

Schiff beim Ablegen
Ablegen in Vitznau: Uri, der älteste Raddampfer, der in der Schweiz in Betrieb ist, nimmt Fahrt auf.
Schweizer Fahne weht über See
Die Schweizer Fahne flattert im Fahrtwind: Der Raddampfer Uri hat in Flüelen abgelegt.
Alte Postkarte mit Häuserfront vor See
Der Schweizerhof in Luzern im Jahr 1907.

Bürgenstock versus Morschach

Der Bürgenstock prosperierte weiter, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum mondänen Ferienziel. Zu den Stammgästen zählten Deutschlands Kanzler Konrad Adenauer und die Filmstars Audrey Hepburn und Sophia Loren. Eine der Konkurrenzdestinationen von Bucher-Durrers Bürgenstock war Morschach, mit den Grandhotels Axenfels und Axenstein an prächtiger Aussichtslage. Heute stehen an ihrer Stelle banale Ferien- und Einfamilienhäuser, wie man vom Schiff aus sieht. «Der schönste Ort, den ich auf meiner Schweizer Reise gesehen habe», schwärmte Königin Victoria, nachdem sie 1868 die Baustelle des «Axensteins» besucht hatte.

1881 wollte hier Ludwig II. von Bayern absteigen. Doch dem verschrobenen Bayernkönig war der Rummel bei seiner Ankunft zu gross. Er bezog stattdessen in der Nähe eine Villa, zusammen mit dem Schauspieler Josef Kainz. Diesen hatte er eingeladen, auf dass er an Originalschauplätzen Passagen aus Schillers «Wilhelm Tell» rezitiere.

Mit einem gecharterten Dampfer fuhr das Duo zum Rütli und zur Tellskapelle.

Der englische Romantiker William Turner hatte den Urnersee, beeindruckt von dessen Schönheit, schon im frühen 19. Jahrhundert gemalt. Und noch heute ist dieser Arm des Vierwaldstättersees ein starkes Stück Natur. Links und rechts hohe Felswände, die direkt ins Wasser abfallen. Eine eindrückliche, unverbaubare Landschaft. Die Axenstrasse erscheint als Serie von in den Fels gehauenen Luken, Galerien und Brücken.

Ein Apparat wie von Tinguely

Von Flüelen gehts den gleichen Weg zurück nach Luzern. Über dem Urnersee bläst ein leichter Föhn; es überschlagen sich die Schaumkronen, am Heck des Dampfers weht eine Schweizer Fahne. In Vitznau steigen zahlreiche Rückkehrer von der Rigi zu. Laut und schrill signalisiert die Dampfpfeife jedes Ablegen. Der Rauchersalon ist zum «Nichtraucherstübli» umfunktioniert.

Die Schiffsmitte bietet das Spektakel des offenen Maschinenraums mit den schwingenden Antriebsstangen, als wäre Künstler Jean Tinguely am Werk gewesen.

Am heissen Kamin vorbei geht es zum Essen in den Erste-Klasse-Salon. Aus Holz geschnitzte Engel, grosse Spiegel und blumige Jugendstilmalereien an der Decke: Neobarock heisst der üppige Stilmix. Der Spargelsalat und die Egli auf dem Teller werden am weiss gedeckten Tisch dem vornehmen Rahmen gerecht.

Leute sitzen auf Schiff
Gipfel in Sicht: Der Gitschen im Urnerland.
Schiff vor Berghang
Vorbei an der bekanntesten Wiese der Schweiz: Dem Rütli.
Innenansicht von Schiff
Barockes Juwel: Erste-Klasse-Salon auf dem Raddampfer Uri.
Aussicht auf See von Berg herab
Ein starkes Stück Natur: Der Urnersee. Im Hintergrund das Dorf Flüelen.