Auf der Wanderung zwischen Bahnhof St. Gallen und Bahnhof Appenzell gibts eine grosse Sicht. Ausserdem auch Feines zu essen.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:

Mit dem Zug nach St. Gallen.
www.sbb.ch


Route:

St. Gallen SBB – Kloster – Drei Weieren – Freudenberg – St. Georgen Bach – Waldegg – Ebnet – Bühler – Saul – Sammelplatz – Guggerloch – Appenzell – Appenzell-Bahnhof.


Dauer:

6 Stunden. 850 Meter aufwärts, 730 abwärts.


Wanderkarte:

227 T Appenzell 1:50 000.


Verpflegung:

Mehrere Gelegenheiten, darunter die «Waldegg», Gemeinde Teufen.
Tel. +41 (0)71 333 12 30
www.waldegg.ch.


Besonders gut isst man im «Sternen» in Bühler.
Tel. +41 (0)71 793 17 58
www.sternen-appenzellerland.ch, reservieren!



Was für ein staunenswertes Stück Abendland, was für eine barocke Protzerei!

Ich mag Wanderungen von Bahnhof zu Bahnhof. Sie haben etwas Schnörkelloses. Man gibt sich nicht mit der Frage ab, welcher Bus wohl von der Stadtmitte zum Ortsrand fährt, sodass man im Grünen starten kann. Im Fall der Wanderung vom Bahnhof St. Gallen zum Bahnhof Appenzell wäre es sowieso ein Fehler gewesen, zuerst einen Bus zu nehmen. Die Auftakt-Etappe durch die Stadt war ein Erlebnis.

Ich und mein «Fähnlein Fieselschweif», wir begannen also am Bahnhof St. Gallen und zogen hinüber zum Kloster. Was für ein staunenswertes Stück Abendland, was für eine barocke Protzerei! Nächstes Ziel war die Mülenenschlucht. Gallus, der irische Wandermönch, soll an ihrem unteren Ende in die Dornen gestolpert sein. Er nahm es als Gotteszeichen und liess sich als Einsiedler nieder. So beginnt die Geschichte des Klosters und somit der Stadt.

Urig: Holzhag kurz vor Appenzell.

Das Mühleggbähnchen, einst Wassergewichts-Seilbahn, dann Drahtseilbahn, jetzt Schrägaufzug, ignorierten wir und stiegen am Rand der Schlucht zu Fuss auf. Schilder informierten uns, dass sich in der Schlucht die allerersten Industriebetriebe St. Gallens angesiedelt hatten, die mit Wasserrädern die Kraft der stürzenden Steinach nutzten.

Oben ein Wegweiser. Wir wählten die Drei Weieren, gingen auf einer Krete, blickten auf die Stadt und auf ein Stück Bodensee zur Linken. Dann zur Rechten der erste der Weiher. Ein Bijou. Drei Weieren ist berühmt als Plausch- und Planschparadies. Man muss die Anlage mit dem nostalgisierenden Kabinengebäude gesehen haben, oft wird sie als schönstes Badeareal der Schweiz bezeichnet.

Wir blickten auf die Stadt und auf ein Stück Bodensee.

Vom nahen Freudenberg musterten wir den schneebedeckten Säntisriegel, kamen in die Senke von St. Georgen Bach, gewannen wieder Höhe im Wald. Bereits auf Ausserrhoder Gebiet, langten wir auf der aussichtsreichen Waldegg an. Das Restaurant dort bedient charmant Appenzeller Klischees und spielt mit der Vergangenheits-Sehnsucht der Gäste. Der Wirt organisierte schon eigene Alpaufzüge, es wird showgekäst, und Gruppen lieben die Retro-Schulstube Tintelompe, in der ein «Lehrer Bünzli» Unterricht nach Art von 1930 gibt.

Hinab zur Strasse von Teufen nach Speicher, wieder hinauf zum Ebnet und wieder hinab nach Bühler und wieder hinauf zum Saul und wieder hinab zum Sammelplatz und wieder, aber nur noch leicht, hinauf zum Guggerloch und ein letztes Mal – einen alten Holzhag entlang – hinab nach Appenzell, so verlief der Rest der Wanderung. Die Gegend ist nun einmal extrem coupiert. An unserem Tag präsentierte sie ihre beste Seite: samten und saftgrün die Hügel, die Berge wundersam körperhaft durch den Föhn.

Noch ein paar Einzelheiten: In Bühler assen wir im «Sternen», einem meiner Lieblingsrestaurants, den perfekten Hackbraten – immer wieder gut; Bühler als Ess-Ort passte auch, weil hier Wandermitte ist. Auf dem Hügel Saul hatten wir grosse Sicht auf den Alpstein. Und unten im Sammelplatz, wo Wandermüde den Zug nehmen können, kauften wir in der «Landbäckerei» Biber. Die Verkäuferin quittierte unsere Wünsche mit «geen», Innerrhödlerisch für «gern».

Wir assen den perfekten Hackbraten.

Die Fassade der Bäckerei ist bemalt mit Kriegermotiven. 1405 sammelten sich hier die Appenzeller, als es gegen die Habsburger ging – die Schlacht am Stoss. Im Gegensatz dazu verkörperte später die Waldkapelle der Heiligen Ottilie im Guggerloch den purlauteren Frieden. In Appenzell schliesslich kauften wir Käse sowie Pantli, eine Knobliwurst: essbare Souvenirs der Bahnhof-Bahnhof-Wanderung.

Apropos Hag

Kurz bevor es über die Sitter geht und Appenzell erreicht ist (siehe Haupttext), führt der Wanderweg einen alten Holzhag entlang. Man mustert ihn mit Freude und realisiert zugleich, dass es in der Schweiz immer weniger Häge aus Holz gibt. Heutzutage steckt man Weiden mit mobilen Plastikstecken und Maschengeflecht ab oder rammt alle 20 Meter einen Holzpfahl in den Boden, um den Elektrodraht aufzuhängen.

Ohnehin ist die Hagpflicht abgeschafft. Vom Fotografen Mäddel Fuchs, der im Appenzellerland lebt, gibt es einen wunderschönen Bildband, der die überlebenden Zäune aus Holz zeigt. Die Fotos in «Hag um Hag. Ein Requiem» (Bilger Verlag) sind schwarz-weiss. Sie spielen mit Hell und Dunkel und dem Schattenwurf; es entstehen magische Scherenschnitte.

Magie passt. Vom Wort Hag leitet sich die Hexe ab; deren Vorform lautete Hagazussa. Dazu gibt es 2 Deutungen: Die Hexe sitzt entweder auf dem Hag, zussa wäre in diesem Fall verwandt mit sitzen. Oder zussa bedeutet so viel wie Geist. Dann wäre eine Hagazussa ein Geistwesen auf dem Hag. Dieser war in der Frühzeit der alemannischen Besiedlung eine kraftgeladene Grenze. Im inneren, mit Ritualen gesicherten Bereich lebten die Menschen, draussen lauerten um den Hag als Bannkreis dunkle Kräfte.