Wenn ein Reisender in einer Winternacht eine Vollmondfahrt von St. Moritz auf die Alp Grüm macht, hat er etwas zu erzählen. Vom Mond, der Kurve um Kurve aus neuer Perspektive leuchtet, von glitzernden Seen und von Bergen im Schneesilberkleid.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:
Mit dem Auto: Via Landquart und Vereinatunnel.
Mit dem ÖV: Nach St. Moritz via Chur mit der Rhätischen Bahn. 
www.sbb.ch 

Daten:

Die Vollmond­fahrten in Panoramawagen finden 2018 an ­folgenden Daten bei jedem Wetter statt: 4. Januar, 5. Januar, 31. Januar, 1. Februar, 1. März, 2. März.

Reisezeiten:
Abfahrt in St. Moritz um 18.15 Uhr, Ankunft in St. Moritz um 23.10 Uhr. 

Reservation:
Eine solche wird empfohlen. Mindestteilnehmerzahl 60, maximal 85.

Allgemeine Informationen:
Rhätische Bahn, Bahnhofstrasse 25, 7001 Chur,
Tel. +41 (0)81 288 65 65
www.rhb.ch

Auf den Mond ist auch kein Verlass mehr. Jedenfalls nicht hier, im Panoramawagen der Rhätischen Bahn. Mal zeigt sich sein Gesicht hinter den ­Riesenfenstern der einen Seite, mal auf der anderen, mal fällt er plötzlich aus dem Blick­feld, dann wieder hängt er fest­gezurrt über einem Grat und starrt herein. Bewegt sich der Mond? Der Zug? Beim genaue­ren Blick aus dem Fenster ­rücken Fels­wände, gefrorene Bäche, Bäume, Masten die Perspektive wieder zurecht. Die Hostess kommt zwischen den Sitzreihen heranbalanciert. Sie serviert schon zum dritten Mal Pro­secco, Orangensaft und Mineralwasser.

Mutige Linienführung

Um 18.15 Uhr ist die Extrafahrt in St. Moritz losgegangen. Ziel: die Alp Grüm hinter dem Berninapass. Eine gute Stunde solls dauern. Kaum schneller als ein Tram ruckelt der Zug die Kehren und Rampen zum Bernina hinauf. Die Strecke wurde ursprünglich gebaut, um die Wasserkraftwerke und Stauseen dieses Gebietes zu bewirtschaften. Für den Personentransport war sie nie gedacht. Dieser wickelt sich zwischen dem Engadin und dem Puschlav bis ins italienische Tirano auch heute noch auf der Passstrasse ab. Erst seit die Bernina­linie 2008 ihrer mutigen Bautechnik und Linien­führung wegen zum Unesco-Welterbe zählt, gehört sie als Teil der Rhätischen Bahn zu einem der touristischen Höhepunkte in Graubünden.

Noch ein paar Kehren, vorbei am Lej Nair, dann ist die Höhe erreicht: Das Bernina-Hospiz blinzelt herüber.

Vorbei geht es jetzt an der Aussicht auf den fahl über einem Einschnitt zwischen zwei Bergflanken hängenden Morteratschgletscher. Etwas weiter dahinter glitzert der Piz Ber­nina, mit seinen 4049 Metern der höchste Bündner Berg. Gemächlich ziehen vorbei die Stationen Diavolezza und Lagalb, deren Seilbahnmasten sich als dunkle Strichmännchen aus den mondhellen Schneehängen recken. Noch ein paar Kehren, vorbei am Lej Nair, dann ist die Höhe erreicht: Das Bernina-Hospiz blinzelt herüber. Bald danach schimmert und glitzert unter den Fenstern des Zuges eine Ebene: Der Wind weht Schneefahnen über das Eis des Lago Bianco. 

Ein beleuchtetes Haus im Schnee und ein Zug davor.
Am Ziel: Die Alp Grüm hinter dem Berninapass.
Ein Fondue-Caquelon.
Gibt gute Laune: Fondue auf der Alp Grüm.
Ein roter Zug fährt an einem zugefrorenen See vorbei.
Eine schimmernde Ebene: Der gefrorene Lago Bianco.

Nur per Bahn erreichbar

Jetzt dauerts noch ein paar Minuten bis zur Alp Grüm, dem Restaurant, das nur per Bahn erreicht werden kann. Statt eines Parkplatzes verfügt es über eine Aussichts­terrasse. Hier finden sich die gut achtzig Teilnehmer der Fahrt beim Apéro wieder. «Wir haben ideale Umstände heute. Mit fünf Grad minus nicht gerade das, was wir hier oben Kälte nennen. Und am Himmel ist keine Wolke», erklärt die Hostess mit dem Ta­blett voller Häppchen, Weisswein und Säfte in der Hand einer Gruppe. «Und wenn es schlechtes Wetter wäre?», fragt ein Gast. «Dann ersetzen wir den Mond einfach mit Lampions», antwortet sie. Die Fahrt finde auf jeden Fall statt. Ausser wenn sich nicht genug Leute, also weniger als sechzig, anmelden.

Ihre Majestät: Piz Palü

Die Gäste erwartet ein Menü mit grünem Salat, Fondue oder Veltliner Pizzoccheri und Glace-Dessert. Vor allem aber erwartet sie Ihre Majestät, der Piz Palü, mit Schneesilberkleid, Gletscherschärpe und dem See als liegender Schild zu ihren Füssen. Das alles im Scheinwerferlicht des Mondes, vom Schnee reflektiert – eine Szene, vor der sich gerade erst der Vorhang zur Seite geschoben hat. Das Pu­blikum staunt und erschauert. Drinnen hält der Überschwang noch an. Denn die Nacht ist hell genug, damit sie alles, was sie draussen darbot, auch durch die Scheiben der Gaststube noch zeigt.

Für die besonders Glücklichen ist das Spektakel mit der Abfahrt des Zuges zurück nach St. Moritz noch nicht zu Ende. Sie haben eines der zehn Zimmer im Hotel Alp Grüm reserviert. Dort ist die Schlichtheit der Einrichtung Programm. Kein Fernseher, kein Bild, kein überflüssiger Gegenstand lenkt von der Szenerie draussen ab. Die Nacht führt Regie. In einer Aufführung wie heute, kein Wind, klarer Himmel, Temperatur wenig unter null, kennt sie nur eine Handlung: Berges Stille.

Das Licht im Wagen geht aus, Musik ertönt. Der Mond hängt jetzt meist senkrecht über dem Oberfenster.

Die anderen Gäste aber machen sich gegen 22.25 Uhr nach einem letzten Blick Richtung Süden, wo in der Ferne der Lago di Poschiavo glitzert, auf die Rückfahrt. Das Licht im Wagen geht aus, Musik ertönt. Der Mond hängt jetzt meist senkrecht über dem Oberfenster. Fast scheint es in der Kehre, als wolle der hinterste Wagen den vordersten überholen. Unweit äsen zwei Gämsen auf einer Lichtung, schauen herüber und entschliessen sich zur Flucht in die Schatten der Bäume. Vielleicht hörten sie den Gesang der Männer des Kulturvereins aus Poschiavo im vordersten Wagen. Sie wollen noch nach Sankt Moritz in den Ausgang.