Monte Bar, Gazzirola, Denti della Vecchia – sie bilden die eindrückliche Kulisse von Lugano. Unsere Autorin hat die aussichtsreichen, einst nur Schmugglern vertrauten Berge in vier Etappen erkundet.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise/Rückreise:
Mit dem Zug nach ­Lugano und weiter mit dem Bus via Tesserete nach Roveredo TI; zurück vom Monte Brè mit der Standseilbahn nach Cassarate und weiter mit dem Stadtbus von der Haltestelle «Cassarate, Monte Brè» zum Bahnhof Lugano, Haltestelle «Lugano, Stazione».
www.sbb.ch

Wanderung 1. Tag:
Von Roveredo TI via Monti di Roveredo auf den Motto della Croce und dem Verbindungsgrat folgend via Caval Drossa auf den Monte Bar (1816 m); vom Gipfel kurz nach ­Süden absteigend in die Capanna Monte Bar. (T2, 3½ Std.)

2. Tag: 
Via Piandanazzo, Alpe Pietrarossa und ­Passo di Pozzaiolo auf den Gazzirola (2115 m) und nach Süden absteigend zum Passo di San Lucio, Übernachtung im Rifugio San Lucio oder in der ­Capanna San Lucio. (T2, 4 Std.)

3. Tag: 
Dem Wanderweg in der Ostflanke des Monte Cucco Dosso Colmine folgend in die ­Bocchetta di San Bernardo und über den Passo di Fojorina auf die Cima di Fojorina (1809 m, Wandergipfel T2/Fels­gipfel T4), danach über die Cima dell’Oress in die Capanna Pairolo. (T2, 2¾ Std.)

4. Tag: 
An den Kalktürmen der Denti della Vecchia vorbei via Boc­chetta di Brumea auf den Monte Boglia (1516 m) und über Sasso Rosso ins Dorf Brè sopra Lugano und von diesem zur Bergstation der Standseilbahn auf dem Monte Brè. (T2, 4 Std.)

Unterkunft:
Capanna Monte Bar CAS, Mitte Mai bis Ende Oktober bewartet, im Winter Do–So und Feiertage
Tel: +41 (0)91 966 33 22
www.capannamontebar.ch 

Capanna San Lucio
Tel. +41 (0)79 886 73 30
www.capannasanlucio.ch 

Rifugio San Lucio
+39 338 311 0521

Capanna Pairolo
Tel. +41 (0)91 944 11 56
www.capanna­-pairolo.ch   
Für die Bewartungszeiten im Herbst/Frühjahr Website konsultieren. 

Allgemeine Auskünfte:
Tourismusbüro «Lugano Region»
Tel. +41 (0)58 220 65 00 
www.luganoregion.com 

Wer in Lugano aus dem Zug steigt, sieht sie gleich vom Bahnhofplatz aus: ockerfarbene Berge, die sich als Kuppen und Zacken hinter der Stadt erheben. Monte Bar, Gazzirola und Denti della Vecchia heissen sie, aber kaum ein Besucher kennt ihre Namen. Sie sind meist nur das Dekor dieser Stadt, die für Seepromenaden und Pärke bekannt ist, für den Aussichtsgipfel des San Salvatore oder die Standseilbahn am nahen Monte Brè. Diesmal aber steige ich in Lugano aus dem Zug, gerade um diese ockerfarbenen Berge zu erkunden, um deren Gipfel der Herbstwind tanzt, während sich in ihren Flanken Berghütten verbergen wie einst die Schmuggler in ihren Wäldern.

So verlasse ich Lugano gleich wieder. Wobei ich dennoch in der Stadt bleibe: Seit 2013 gehören diese Berge und das in ihrem Schoss liegende Val Colla politisch zum Stadtgebiet. Doch scheinen Bahnhof und Seepromenade weit weg zu sein, als ich wenig später am Fuss des Monte Bar aus dem Postauto steige: Durch die schmalen Gassen des Dorfes Roveredo gehe ich bergwärts. An Gärten mit gackernden Hühnern vorbei, Steinmauern entlang, in deren Ritzen Eidechsen verschwinden, und bald durch einen Kastanienwald, in den die Nachmittagssonne warm durch die Baumkronen scheint.

Gediegene Capanna Monte Bar

Erst als ich das Blätterdach der Kastanienbäume hinter mir lasse, erinnert der Nordwind an den Herbst. Je höher hinauf ich steige, desto wilder rauscht er in den kleinen Birken und fährt durch den Ginster, und als ich gut zwei Stunden später auf der Graskuppe des Monte Bar stehe, zerren kalte Windböen an mir. Ich schlage die Kapuze hoch und blicke um mich: auf das Val Colla unter mir, in dessen rost­roten Wäldern die Dörfer wie weisse Perlen leuchten, und auf die Dächer Luganos, den Luganersee und die Hügelketten dahinter, die in der Ferne im blauen Dunst der Po-Ebene verschwinden.

Eine abgelegene Alphütte.
Abgelegen: In die ockerfarbenen Falten des oberen Val ­Carvagno schmiegt sich eine Alphütte.
Blick aus einem Fenster auf Berge.
Aussicht: Blick aus der Capanna Monte Bar auf die Piemonteser Alpen.
Blick auf Berggipfel.
Bergpanorama: Blick über den Gridone hinüber zu den Walliser Viertausendern.

Schön ist dieser Blick, und doch bin ich froh, wenig später vor der Capanna Monte Bar zu stehen. Einem modernen Quader, dessen Fassade aus Glas und Holz wirkt, als wäre er aus klarer Herbstluft und trockenem Gras gebaut. Mit einem Vorteil: In der Stube mit den wandhohen Fenstern ist es windstill und ruhig, ein paar Gäste sitzen an den Holztischen, ­derweil jemand in der Küche leise mit ­Geschirr und Pfannen klappert.

Es sind die beiden Hüttenwarte Alessandro Müller, 30, und Jvan Cattaneo, 35, die das Nachtessen vorbereiten. Zwei junge Männer, die sich vor mehreren Jahren als Köche eines Tessiner Fünfsternehotels kennengelernt haben. Erst hätten sie nur zusammen gearbeitet, dann seien sie zusammen klettern gegangen, und irgendwann hätten sie entschieden, gemeinsam einen neuen Arbeitsort zu finden, erzählt Alessandro Müller. «Ein Ort, der näher an unserer Lebenswelt ist als das Hotel.»

So fühle ich mich beim Nachtessen wie ein Gourmet auf 1600 Meter Höhe, während vor den Fenstern die Abenddämmerung den Himmel himbeerfarben aufleuchten lässt.

Gefunden haben sie diesen Ort in der Capanna Monte Bar. Den Käse direkt auf der nahen Alp zu kaufen, Zeit für einen Schwatz mit dem Hirten zu haben – das mache sie glücklich. «Genauso wie es uns freut, wenn unsere Gäste eine simple Pasta, Gnocchi und Kastanienkuchen schätzen.» Wobei etwas Fünfsterneküche geblieben ist: Das Hirschragout servieren sie am Abend auf makellos weissen Tellern, und die Gnocchi dekorieren sie mit Rosmarinzweigen. Und so fühle ich mich beim Nachtessen wie ein Gourmet auf 1600 Meter Höhe, während vor den Fenstern die Abenddämmerung den Himmel himbeerfarben aufleuchten lässt und die Lichter von Lugano wie ein irdischer ­Sternenhimmel zu glitzern anfangen.

Welt zwischen den Zeiten

Am nächsten Morgen dann hat sich der Nordwind gelegt, die Schweizer Fahne hängt müde am Mast. Früh schultere ich den Rucksack und ziehe weiter. Durch Flanken aus goldgelb leuchtendem Gras, mitten hinein in die Stille des Herbstes. Jene Stille, die sich in den Alpen ausbreitet, wenn die Sennhütten verriegelt und die Hirten mit ihren Herden im Tal sind. Wenn die Gämsen bereits ein schwarzes Winterfell tragen und ihre weissen Köpfe wie kleine Gespenster wirken, die durch die Haselstauden huschen, und die Berge so ruhig sind, als würden sie über das endende Jahr nachdenken, bevor der Schnee sie in einen Winterschlaf hüllen wird.

Ein quadratisches Haus auf einem Berg in der Abenddämmerung.
Fernsicht: Von der Capanna Monte Bar geht der Blick unverstellt bis zum Monte Rosa.
Ein Stein mit Inschrift in einem Wald.
Markant: Ein Grenzstein im Buchenwald beim Abstieg zur Capanna Pairolo.
Blick von einem Gipfel über eine Stadt.
Häusermeer: Auf dem Weg von den Denti della Vecchia nach Brè sieht man Luganos Agglomeration.

Knapp drei Stunden lang ziehe ich durch diese Welt zwischen den Zeiten, dann stehe ich auf dem 2115 Meter hohen Gazzirola, dem höchsten Gipfel des Val Colla – und der Stadt Lugano. Und wenngleich sein Haupt aus Gras ist, so fühle ich mich hier oben dem Gebirge näher als dem Tal: Weit im Westen entdecke ich die Firnkuppe des Aletschhorns, die mächtige Ostwand des Monte Rosa und dahinter gar das Matterhorn als Zäcklein am Horizont. Derweil im Osten die italienischen Bergamasker Alpen aufragen, in deren Mitte das Kalkmassiv der Grigna weiss schimmert.

Auf dem Weg der Schmuggler

Italien ist nah. So nah, dass ich im Abstieg über den sanften Rücken des Gazzirola immer wieder die Landesgrenze überquere. Doch nur Grenzsteine erinnern daran und hie und da ein abgesägter Zaunpfahl – Überreste des «Glöckchenzauns», dessen Maschendraht und Hunderte von Schellen einst Schmugglern das Handwerk legen sollten. Umsonst. Jahrzehntelang schleppten Tessiner Schmuggler in Neumondnächten Zigaretten, Kaffee und Zucker durch das Val Colla hoch zum Grenzzaun, trafen dort ihre italienischen Kollegen und kehrten mit Säcken voll Mehl, Reis, Butter, Salami, Schuhen, Gummireifen und Seide zurück ins Tal. Heute sind sie alle Geschichte. Die Schmuggler, die Glöckchen und die italienischen Grenzwächter, deren Zollhaus zum Rifugio San Lucio wurde. Eine der beiden Berghütten, die wie Zwillinge in der Senke des Passo di San Lucio am Fuss des Gazzirola stehen – die eine in Italien, die andere auf Schweizer Boden.

In den Zimmern riecht es nach frisch gestärkten Leintüchern, und auf den gedeckten Stubentischen stehen Grissini.

Als ich auf dem Wanderpass ankomme, entscheide ich mich für das alte Zollhaus und damit für einen Abend, der sich wie Ferien in Italien anfühlt: In den Zimmern riecht es nach frisch gestärkten Leintüchern, und auf den gedeckten Stubentischen stehen Grissini. Stiege ich von hier ab, stünde ich einen halben Tag später zwischen kleinen Booten und bunten Häusern im italienischen Menaggio am Comersee. 

Eine Hütte auf einem Berg.
Trutzig: Das Rifugio San Lucio beim Gazzirola.
Zwei Männer, die eine Küchenschürze umgebunden haben.
Kreatives Duo: Die Hüttenwarte und Profiköche Alessandro Müller und Jvan Cattaneo.
Ein Kaminfeuer.
Heimelig: Das Kaminfeuer in der Capanna Pairolo.

Doch ich will das Val Colla ganz umrunden, und so führt mein Weg tags darauf weiter den Kreten entlang und schlängelt sich längs der Landesgrenze an Legföhren vorbei auf die Cima di Fojo­rina, auf deren höchstem Punkt ich über einige Kalkfelsen kraxle. Oben angekommen, strecke ich die Nase in den Wind und blicke vom luftigen Felskopf – dem letzten Gipfel meiner Wandertour – um mich. Auf das Amphitheater aus Bergen, über deren Kuppen, Rücken und Gipfel ich gezogen bin, zum Monte Rosa in der Ferne, zur Grigna und auf den Luganersee, der nun wie ein tiefblauer Fjord unter mir liegt. Lange verweile ich und fühle mich frei beim Blick in die Weite des Alpenbogens. Danach steige ich ab, hinein in die Wälder des Val Colla, in denen der Wind das Laub der Buchen wie flirrendes Blattgold von den Baumkronen weht und meine Schritte in einem Teppich aus trockenem Blattwerk rascheln. Bis ich eine Stunde später aus dem Wald hinaustrete und vor der Capanna Pairolo stehe. Einer Hütte, die mit ihrem rosa Verputz und bunten Klettergriffen an einer ihrer Fassaden an Pausenspiele und Kindergelächter erinnert. In deren Stube es aber ganz still ist. Als ich eintrete, streicht nur Katze Luna um die Tische, während Hüttenwartin Michela Dellatorre, 60, in der Küche einen Gnocchiteig knetet.

Wo das Glück wohnt

Durch die offene Küchentür sieht sie mich und klopft sich den Mehlstaub von den Händen. «Nächster Halt Kaffee und Kuchen?», ruft sie fröhlich, während sie zur Durchreiche kommt. «Wie könnte ich widerstehen?», sage ich. Und während sie mir einen Kastanienkuchen anrichtet und Kaffee eingiesst, lese ich auf einem Metallschild neben der Durchreiche: «Grossmutters Küche, Spezialität des Hauses: Liebe, Liebkosungen und viele Belohnungen.» Als ich wenig später an einem der Holztische in der Sonne sitze, die warm durch die Fenster scheint, Kuchen und Kaffee vor mir, bin ich mir sicher: In dieser Hütte wohnt das Glück. Mindestens seit 17 Jahren, denn so lange schon wirtet die kleine Frau mit den freundlichen Augen und dem grossen Herz hier.

Als ich vor dem Nachtessen auf der Terrasse stehe, ist es ganz still, derweil die Sonne hinter den Kalktürmen der Denti della Vecchia versinkt.

«Wie schade, bereits morgen zurück nach Lugano zu wandern!», denke ich. Doch immerhin bleibt mir dieser Abend im Val Colla, und der Abend, so Michela Dellatorre, sei der schönste Moment in der Capanna Pairolo. «Dann breitet sich eine grosse Stille und mit ihr ein Friede rund um die Hütte aus.» Und in der Tat: Als ich vor dem Nachtessen auf der Terrasse stehe, ist es ganz still, derweil die Sonne hinter den Kalktürmen der Denti della Vecchia versinkt, das Abendlicht die Buchenwälder in lila Schatten taucht und die Gipfel in der Ferne über dem steigenden Dunst im Himmel zu schweben scheinen. Lange könnte ich die Welt von hier aus betrachten, doch die Kälte treibt mich zurück in die Hütte. In die Stube, in der Michela Dellatorre gerade hausgemachte Gnocchi auftischt.

Zwei Frauen arbeiten in der Küche.
Küchenplausch: Michela Dellatorre (links), Hütten­wartin der Capanna Pairolo, bereitet mit einer Kollegin frische Gnocchi.
Aussicht auf eine beleuchtete Stadt.
Lichtermeer: Lugano by night, gesehen von der Capanna Monte Bar.
Eine Person wandert durch einen Wald.
Bäumig: Der Weg von den Denti della Vecchia nach Brè führt durch einen Mischwald.
Brot, Fleisch und Käse auf einer Picknickdecke.
Picknick: Nussbrot, Hirschsalametto und Ziegenkäse.
Ein Wegweiser in einem Feld.
Informativ: Wegweiser ennet der Grenze.