Der Wanderer steigt in die Höhe. Tritt um Tritt auf den Rücken des Flimsersteins. Dort bekommt er eine bühnenreife Sicht geboten.

Route:

Flims, Berghaus Bargis - Tegia Gronda - Ils Lags - Fil de Cassons (Seilbahn-Bergstation) - Abstecher zum Panoramapunkt und retour.


Dauer:

3½ Stunden. 1130 Meter aufwärts.


Wanderkarte:

247 T Sardona 1:50 000.


Verpflegung:

Erst am Schluss der Wanderung.


Anreise:

Bus von Chur nach Flims Dorf, Post. Weiter mit dem Bus nach Flims, Bargis.

www.sbb.ch

Wir sind dem Flimserstein dankbar, dass er vor knapp 10 000 Jahren einen Teil seiner selbst preisgab. Es war ein Riesenbergsturz. Der Vorderrhein wurde zugeschüttet, musste sich freikämpfen und schuf dabei die Ruinaulta-Schlucht.

Wer mit der Bahn von Chur nach Ilanz reist, freut sich jedes Mal über das Schauspiel mürben Kalks, die Pfeilerchen in den Erosionshängen, den Schlängelfluss mit den Kanuten.

Der Flimserstein ist auch ein Wanderziel. Wie eine gestauchte Schachtel hockt er über Flims, die Oberfläche abgeschrägt und auf allen Seiten begrenzt durch jähe Wände. Zuoberst gibt es den Grat Fil de Cassons und auf diesem eine Seilbahn. Ihr strebte ich eines schönen Tages zu. Im Bus fuhr ich von Flims Post hinauf nach Bargis. Zum Weilerchen Fidaz, das wir passierten, ist eine traurige Begebenheit im Jahr 1939 zu nennen. Damals ereignete sich auch an diesem Ort ein Bergsturz vom Flimserstein her. Ein Kinderheim wurde verschüttet, dreizehn Kinder und fünf Erwachsene starben.

In Fidaz Pinut stiegen junge, alpin gerüstete Leute aus. Pinut, das ist eine Terrasse in der Flanke des Flimsersteins samt einem Klettersteig. Unsereins blieb sitzen und freute sich, als Bargis erreicht war.

Vom Berghaus gleichen Namens erstreckt sich ein Hochtal weit und paradiesisch. Was mich erwartete, sah ich gleich: Eine lange Linie zog sich vor meinen Augen durch die abweisende Wand des Flimsersteins. Die Einheimischen sprechen von der «Scala», der Treppe.

Aus der Nähe erwies sich der Weg als breiter, mit Steinen ausgepflasterter Komfortsteig. Rechter Hand lauerte zwar der Abgrund, doch machten ihn Büsche grossteils unsichtbar, auch war ein Drahthag angebracht. Nein, Angst muss man auf der Scala nicht haben, und so kann man jederzeit innehalten und den Blick ins zurückbleibende Bargistal geniessen. Irgendwann registrierte ich auch den Ringelspitz, den höchsten St. Galler.

Verharren, schauen, fotografieren

Auf Tegia Gronda wechselte das Szenario: Alpweiden statt Fels. Ich kam zur altehrwürdigen Milchseilbahn, die, wie ihr Name es sagt, für die Abfuhr der Alpmilch eingerichtet wurde. Vor mir hatte ich nun die schräge Ebene zum Cassonsgrat. Ich musste entscheiden: via Mutta Bella hinauf zur Cassons-Seilbahn? Oder in der Direttissima?

Ich entschied mich für die Direktvariante, gewann immer mehr Höhe, querte Schneefelder, grinste über die wilden Murmelipfiffe, kam an eine Kante, hatte zu meinen Füssen die Alpböden von Naraus. Und die kleine rote Seilbahnkabine schwebte vorbei. Dann war ich oben. Freilich ist oben in diesem Fall nicht oben.

Von der Seilbahn-Bergstation muss man unbedingt zehn Minuten weitergehen.

Ich kam auf einen flachen Rücken von Gras und Geröll, spazierte auf dieser Naturpromenade vorwärts und erhielt eine gewaltige Sicht geschenkt. Die Gipfel der Surselva drängelten am Horizont um einen Platz für die Ewigkeit. Besonderen Eindruck machten ganz nah die Tschingelhörner, die ich als Kolumnist schon mit Hexenhüten verglichen habe. Ich verharrte, schaute, fotografierte.

Endlich ging ich doch zurück zur Seilbahn, gondelte hinab nach Naraus, ass ein Cordon bleu der Sonderklasse und fuhr mit der Sesselbahn weiter via Foppa nach Flims. Dessen Stein muss man bestiegen haben. Und die Scala ist eine unvergessliche Sache.

Apropos Steilwand

Die Scala am Flimserstein schreckt ab und ist doch gut bewanderbar. Vier weitere Steilwände dieser Art, die für Bergwanderer machbar sind:

DIE GEMMIWAND im Wallis, 900 Meter hoch und von einem schlauen Schlängelweg durchzogen, den auch Schafe auf dem Weg zu ihren alpinen Weiden nehmen. Oben hat man die Wahl. Entweder vorwärts via Schwarenbach zum Sunnbüel zur Seilbahn nach Kandersteg. Oder mit der Gemmi-Seilbahn wieder hinab zum Ausgangsort Leukerbad.

GROSSER MYTHEN, Kanton Schwyz. Er ist das Matterhorn der Bergwanderer. 47 Kehren führen über die 500 Höhenmeter von der Holzegg zum Gipfel; der Weg ist breit und gut gesichert. Oben hat man Rundsicht, und es gibt eine kleine Wirtschaft.

DER SÄNTISRIEGEL; gewaltig baut er sich auf der Schwägalp, Kanton Appenzell-Ausserrhoden auf. Auch hier denkt man: Da kann man unmöglich hinauf. Doch, man kann! 700 Meter höher wartet mit der «Tierwis» eine Bergwirtschaft. Weiter geht es zum nahen Säntis oder hinab ins Toggenburg.

RUMELING nah Leuk im Wallis. Man geht zehn Minuten aus dem Dorf und erreicht ein abweisendes Felsband. Die Varner Leitern geleiten sicher hindurch, man macht die gut 80 Höhenmeter in einer Viertelstunde. Nach dem Miniabenteuer geht es hinab ins nahe Varen.