Eingebettet zwischen den Churfirsten und der Region Mürtschenstock, liegt der Walensee. Auf einer Velotour von Weesen nach Walenstadt zeigt sich der «Fjord der Schweiz» in immer neuem Licht.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise:
Ab Bahnhof Ziegelbrücke mit dem Bus bis Weesen. 
www.sbb.ch
A 3 von Zürich oder Chur, Ausfahrt Weesen, Parkmöglichkeit im Gäsi (Beschilderung folgen).


Strecke:
Ab Weesen/Gäsi meist geradeaus dem See entlang über Mühlehorn, Murg bis Walenstadt. Einzige grössere Steigung vor Mühlehorn. Achtung: Der Uferweg zwischen Murg und Mols ist am Wochenende den Fussgängern vorbehalten. 


Schifffahrt:
Eine Flotte von sechs Motorschiffen verbindet verschiedene Orte rund um den Walensee. 
www.walenseeschiff.ch 


Einkehren:
Zahlreiche Cafés und Restaurants auf der Strecke, etwa die Sagibeiz in Murg. 
www.sagibeiz.ch 


Allgemeine Auskünfte:
Amden & Weesen Tourismus
Tel. +41 (0)58 228 28 30
www.amden-weesen.ch
www.veloland.ch

Vor rund dreissig Jahren war man noch so froh, wenn man ihn endlich hinter sich hatte: den Walensee. «Qualensee» wurde er damals spöttisch genannt, weil endlose Staus die Fahrt ins Bündnerland oder ins Tessin zu einer echten Qual machten. Erst dank der Eröffnung der neuen Autobahn mit fünf Tunnels, zwei Viadukten und zwei Brücken Ende 1987 hatte die Warterei ein Ende. Seither läuft der Verkehr zügig, der Walensee ist im Nu passiert. Grund genug, wieder einmal in gemässigtem Tempo die grandiose Aussicht auf den «Fjord der Schweiz» zu geniessen, der sich zwischen Churfirsten und Region Mürtschenstock bettet. Perfektes Verkehrsmittel dazu ist das Velo.

Ich starte im «Gäsi», am langen Sandstrand zwischen Weesen SG und der Linthmündung. Am Fuss eines schattigen Steilhangs führt der markierte Veloweg erst kurz der Autobahn entlang durch zwei feuchtkühle, schwach beleuchtete Tunnels – der Anfang meiner Tour ist zugegeben wenig romantisch. Doch dann folgen einige Kilometer mit uneingeschränkter Sicht auf den Walensee, der je nach Wetterlage tiefgrün oder petrolblau schimmert. Auf der anderen Seeseite thronen majestätisch die sieben Churfirsten Selun, Frümsel, Brisi, Zuestoll, Schibenstoll, Hinterrugg und Chäser.


Das Gebäude «Sagibeiz» mit einer Glasvitrine im Vordergrund.
Sagibeiz in Murg: Köstliches mit Kastanien wird hier aufgetischt.
Eine kleine grüne Insel im See.
Schnittlauchinseli: Rückzugsort für zahlreiche Vögel.
Zwei Velofahrer fahren nebeneinander entlang des Sees.
Mit dem Velo am Walensee unterwegs.

Verlassene Raststätte 

Ohne Steigung geht es zügig vorwärts bis zur Raststätte Walensee. Diese steht seit 2004 leer, gammelt jetzt leise vor sich hin, ruft aber lebhafte Erinnerungen in mir wach. Auf der Fahrt ins Bündnerland oder gar ans Meer gehörte es in meiner Kindheit einfach dazu, dass wir hier Rast machten. Wenn möglich ergatterten wir uns einen Tisch an der riesigen Fensterfront, tranken ein Elmer Citro und schauten den Segelbooten zu, die bei meist gutem Wind auf dem See kreuzten. Jetzt aber sind die Türen verrammelt, Gras wuchert zwischen den Betonstufen, und es liegt jede Menge Abfall herum. Nach diversen Eigentümerwechseln ist das Schicksal des einstigen Hotspots am Walensee bis heute ungewiss.

Kurz, aber steil 

Gleich hinter der Raststätte beginnt die erste und einzige Steigung. Da heisst es kräftig in die Pedalen treten, denn nur so schafft man den Aufstieg, ohne abzusteigen. Wenn nicht, auch egal, denn auch von hier oben ist die Aussicht vom Feinsten. Bald schon gehts flott wieder hinunter, unter der Autobahn durch und auf dem Strandweg über Mühlehorn nach Murg. Hier muss ich mich entscheiden: Das Velo stehen lassen und mit dem Schiff einen Abstecher ans andere Ufer ins autofreie Quinten machen? Wo dank der von den Churfirsten gespeicherten Sonnenwärme ein beinahe mediterranes Klima herrscht? Oder weiter Richtung Walenstadt? Die kleine MS Alvier, die ganzjährig für die Querverbindung eingesetzt wird, ist gerade am Ablegen, also fahre ich dem Uferweg entlang weiter. Wochentags kein Problem, aber am Samstag und Sonntag müssen Velofahrer wegen der vielen Fussgänger auf die Strasse ausweichen. 

Mehr als die Hälfte der Strecke ist geschafft, Zeit also für eine Pause. Am Ortsausgang von Murg steht die Sagibeiz, eine einstige Sägerei direkt am See, wo gemütlich getafelt werden kann. Ich leiste mir eine kleine Portion Marroni-Crème-brûlée, denn die passt einfach perfekt hierher. Oberhalb der wilden Murgschlucht gleich hinter dem Dorf wächst nämlich ein Kastanienwald.

Das milde, feuchtwarme Klima am Walensee und die sauren Böden auf dem roten Verrucano-Gestein begünstigen das Wachstum der Edelkastanie, die sonst nördlich der Alpen nicht zu finden ist.

Den Föhn im Rücken 

Nur wenige Kilometer weiter folgt das nächste Kuriosum: ein begrünter Fels, der vor Mols aus dem Wasser ragt. Es ist das winzige Schnittlauchinseli, auf dem während der Brutzeiten zahlreiche Vögel leben. Damit diese ihre Ruhe haben, gibt es keine Anlegestelle für Boote. Wer der Insel trotzdem einen Besuch abstatten will, muss hinschwimmen – eine recht sportliche Angelegenheit, da die Wassertemperaturen im Walensee auch im Hochsommer auf nur gerade knapp 20 Grad Celsius steigen. 

Bis nach Walenstadt ist es nur noch ein Katzensprung, und damit habe ich die rund 20 Kilometer Wegstrecke ohne grosse Anstrengung in rund zwei Stunden geschafft – inklusive Zwischenstopps. Zurück geht es sogar noch flotter, denn der einsetzende Föhn bläst mir kräftig in den Rücken und geleitet mich praktisch mühelos zurück ins Gäsi.