Am äussersten Zipfel der Schweiz, zwischen Gondo und ­Simplon Dorf, liegen zwei Täler, das Zwischbergen- und das Laggintal. Wildromantische Flecken Erde, in denen einzig die Stille zu hören ist.

In zwei Tagen von Gondo bis Simplon Dorf

Anreise/Rückreise
Mit dem Zug nach Brig und weiter per Postauto nach Gondo. www.sbb.ch

Wanderung Tag 1
Von der Haltestelle Gondo, Post über die Doveria und ­bergwärts bis Stalde; dem Weg im Talboden des Zwischbergentals folgend über Bällegga bis zum kleinen Sera-Stausee und weiter zum Berggasthaus Zwischbergen (T2, 2 Std.).

Abkürzung
Das Berg­restaurant Zwischbergen ist bis Mitte Oktober viermal täglich mit dem ­Postauto erreichbar; Reservation obligatorisch, mind. 2 Std. vor Abfahrt bis spätestens 18 Uhr, Tel. +41 (0)79 713 70 02 www.sbb.ch

Wanderung Tag 2
Vom Berggasthaus Zwischbergen nordwestwärts über Chatzhalte in die Furggu; bei P. 1872 nach links abzweigen und auf dem teilweise schwach ausgeprägten Wanderweg über P. 2027 und P. 2128 zum namen­losen Bergsee von P. 2037; über Pästuwald talwärts ins Üssre Laggin, dem Talverlauf talauswärts folgend bis Wäxel und über Hostett bis Simplon Dorf (T3, 5¾ Std.).

Unterkunft/Einkehren
Hotel Stockalperturm in Gondo, Tel. +41 (0)27 979 25 50, www.stock­alperturm.ch 
Bergres­taurant Zwischbergen, Tel. +41 (0)27 979 13 79, +41 (0)78 826 14 61, keine Webseite.

Allgemeine Auskünfte
Simplon ­Tourismus, Tel. +41 (0)27 979 10 10, www.simplon.ch

Die meisten Wanderer steigen auf dem Simplonpass aus dem Postauto. Ich aber setze meine Reise fort. Lasse die Passhöhe hinter mir und fahre talwärts der italienischen Stadt Domodossola entgegen. Doch so weit reisen will ich nicht: Mein Ziel sind die südlichsten Täler des Simplongebiets just vor der Landesgrenze. Und so steige ich an der Haltestelle Gondo, Post aus. Sie könnte auch Gondo, Zoll heissen, denn direkt vor uns steht das Zollportal, hinter dem das Postauto brummend verschwindet.

Als sein Motorenlärm in der Ferne verklingt, blicke ich um mich und fühle mich wie im letzten Aussenposten der Welt. Im Wilden Westen der Alpen, wo die Zapfsäule der Tankstelle an Fernreisen erinnert, Zöllner in Uniform an der Grenze stehen, während nichts passiert, und beidseits des Dorfs himmelhoch Felsflanken aufragen, in deren Bauch man tatsächlich einst nach «Gondogold» schürfte.

Nur einer erinnert an ein Kapitel Schweizer Geschichte: der Stockalperturm. Erbaut von der mächtigen Handelsfamilie der Stockalper aus Brig, wacht er seit 350 Jahren wie ein Zerberus eingangs Dorf. 

Heute beherbergen seine Mauern ein Restaurant, und kurz nach meiner Ankunft sitze auch ich an einem der Tische, während Pächter Patric Zen­klusen Salat mit Ziegenkäse und Polenta mit Hirschragout serviert. Wie es sei, am äussersten Zipfel der Schweiz zwischen himmelhohen Felswänden zu leben, frage ich ihn, der im sonnig gelegenen Nachbardorf Simplon aufgewachsen ist. «Gondo ist ein besonderer Ort», sagt er und lächelt. «Ein Ort, der mich fordert und gleichzeitig staunen macht.» Etwa dann, wenn ihm ein über 80-jähriger Einheimischer erzähle, wie er als Bub während des Zweiten Weltkriegs auf den Stockalperturm geklettert sei, um die deutschen Soldaten jenseits der Grenze zu sehen. «Oder wenn ein schwedischer Gast voller Freude berichtet, dass er bereits als Kind mit den Eltern in Gondo haltgemacht habe.»

Einkehren im abgelegenen Tal

Ich würde gerne noch länger mit Patric Zenklusen plaudern, doch es ist bereits Nachmittag, und mein Wanderziel – das Bergrestaurant Zwischbergen – liegt gut zwei Stunden von Gondo entfernt. Ich verabschiede mich, gehe auf der Brücke über die sprudelnde Doveria und steige auf dem Wanderweg eine steile Flanke hoch, bis sich mit einem Mal ein Tal öffnet: das Zwischbergental. Am äussersten Rand der Schweiz gelegen, verborgen zwischen Bergen, die Pizzo Straciugo, Guggilihorn oder Cima d’Azoglio heissen und einsame Wanderwege versprechen, durch Buchenwälder, über ockerfarbene Wiesen hoch zu Gipfeln, die still in den Herbsthimmel ragen, oder vorbei an uralten Lärchen, deren Zweige hellgelb in der Sonne leuchten.

Ein Fluss, an dessen Ufer Bäume stehen.
Goldgelb leuchten die Äste der jungen Lärchen, die das Ufer des Flusses im Laggintal säumen.
Ein Haus mit Garten.
Stattlich die Häuser in Simplon Dorf – und ordentlich eingezäunt die Gärten.
Blick auf ein Dorf, im Hintergrund eine Felswand.
Als sie in Gondo aus dem Postauto steigt, dünkt unsere Autorin, sie sei im Wilden Westen der Alpen gelandet.

Vor über 30 Jahren fielen die Alpen und mit ihnen das gesamte Tal in einen Dornröschenschlaf. Doch dann kam Lukas Escher, aus Simplon Dorf. Er brachte wieder Rinder, Kühe, Schafe, Ziegen und Schweine z Alp, melkte täglich und käste auf dem offenen Feuer. «Eine einsame Arbeit», wie er heute sagt. Und so sei er froh gewesen, abends in den Tal­boden abzusteigen und im Bergrestaurant Zwischbergen einzukehren. «Um den Kontakt zur Welt zu wahren.» Als just dieses Bergrestaurant vor zehn Jahren zu schliessen drohte, über­legte er nicht zweimal: Er übernahm das ­Restaurant, um Wanderern und Älplern weiterhin ein Zuhause im abgelegenen Tal zu bieten. Als ich am späten Nachmittag in die Stube des Bergrestaurants Zwischbergen trete, zündet Lukas Escher im offenen Cheminée ein Feuer an. Nachdem ich mit ihm eine Weile über den Alpsommer, die Kühe und das Wetter gesprochen habe, fragt er: «Willst du den Käsekeller sehen?» – «Gerne!», sage ich und steige wenig später hinter ihm, der seinem Handwerk treu geblieben ist, hinab in den Keller.

Feuchtwarme Luft schlägt mir entgegen und der beissende Ammoniakgeruch von reifendem Käse.

Lukas Escher knipst das Licht an: Rund um uns stapeln sich Käselaibe bis unter die Decke, goldgelb schimmernd im Licht der Glühbirnen. «Schau, die sind von Anfang Sommer», sagt Lukas Escher und streicht mit seiner rauen Hand über einen Laib. «Und die sind von vorgestern – aus Geissmilch.» Spricht der ehemalige Älpler von seinem Käse, klingt er, als würde er jeden einzelnen von ihnen kennen – und mögen.

Grosse Gesten der Natur

Bevor ich am nächsten Morgen weiterziehe, packe ich einen Viertellaib Käse in den Rucksack, verabschiede mich von Lukas Escher und steige in der Morgensonne bergwärts durch lichten Lärchenwald. Immer dem Saumpass entgegen, über den schon die Römer zogen und der ins benachbarte Laggintal führt. In ein Tal, in dem ich verblichenen Wanderwegmarkierungen folge und kaum sichtbaren Pfaden entlanggehe, die mich direkt in die Stille führen. Unter meinen Schritten raschelt das trockene Gras, und der Wind rauscht in den Wipfeln der Lärchen. Nur einmal wird die ewige Ruhe dieses Tals unterbrochen, als vor mir im Gebüsch ein Auerhahn davonflattert. 

Frei von grossen Gesten der Natur scheint mir das Laggintal. Bis sie auf einmal nach einer Wegkehre vor mir auftauchen: drei mächtige Schneeberge am Talschluss. Teilweise über viertausend Meter hoch, ragen Weissmies, Lagginhorn und Fletschhorn weiss gleissend in den tiefblauen Herbsthimmel, an ihrem Fuss ­wild durcheinandergeschobene Moränen, Geröllzungen und von Steinen bedeckte Blockgletscher. Weit, weit weg scheint die Menschenwelt zu sein, als ich nach gut drei Stunden im Laggintal einen Bergsee erreiche, so abgelegen, dass er auf der Karte namenlos blieb. An seinem Ufer raste ich, esse Walliser Roggenbrot und Käse aus dem «Zwischbergen» und betrachte Fische, die im grün schimmernden Bergsee ihre Runden ziehen. Hie und da tauchen sie mit einem Schwappen auf und verschwinden gleich wieder in der Tiefe des Sees, während sich an der Wasser­ober­fläche ein paar ringförmige Wellen ausbreiten.

Eine Heiligenfigur in einem Felsen.
Auf dem Abstieg ins Laggintal entdeckt – eine Heiligenfigur mit schiefem Lächeln.
Ein Mann hält einen Käse in der Hand. Im Hintergrund stehen Regale mit Käsen.
Älpler ist er nicht mehr, seit er im «Zwischbergen» wirtet, das Käsen aber will Lukas Escher nicht lassen.

Lange könnte ich hier verweilen. Doch am Ende der Wanderung will ich noch das Dörfchen Simplon anschauen. Und so wandere ich vom namenlosen See talwärts, tauche von neuem ein in Lärchenwälder und gehe auf Waldwegen hinab bis zur Laggina, deren rauschenden Wassern ich talauswärts folge, bis irgendwann – als käme es aus einer anderen Welt – das Brummen der Autos auf der Passstrasse wieder zu mir dringt.

Gut zwei Stunden nach der Rast am Bergsee stehe ich auf der gepflasterten Piazza von Simplon Dorf.

Einem Ort, in dem Napoleon einst für den Transport seiner Kanonen Strassen bauen liess und die stattlichen Häuser am Rand der Piazza an Zeiten erinnern, als Säumer täglich Salz, Tabak, Zucker, Reis und Wein auf Maultieren über den Pass brachten. Heute indes scheint die Herbstsonne still auf die Steindächer der Häuser, als ich auf dem Dorfplatz Josef Escher treffe, pensionierter Gemeindeschreiber von Simplon Dorf. Seit seiner Geburt lebt er im Dorf, das zwischen Simplonpass und Gondo liegt, kennt jeden Stein und jede Geschichte des Orts und spaziert oft mit Gästen durch die Gassen. Dank ihm entdecke ich das Haus, in dem der spätere Bundesrat Josef Escher 1885 geboren wurde, lerne Ari Locher kennen, der in weisser Schürze und Gummistiefeln in der Sennerei am Käsen ist, und erfahre, wie Josef Escher, mein Begleiter, sein Dorf als Bub erlebte. Damals, als der Weg zwischen dem Mittelland und Rimini noch über den Simplon führte, die Hotels im Dorf um 15 Uhr ausgebucht waren und er als «Benzin Botsch» – Benzinbube – an der Tanksäule stand. Er lächelt. «Diese Zeiten sind vorbei.» Genauso wie jene Zeiten, als der Simplonpass im Winter gesperrt und der Weg ins Rhonetal abgeschnitten war. «Dann reisten wir über das italienische Iselle und den Simplon-Bahntunnel nach Brig.»

Vielleicht sind die Simpeler deshalb bis heute mit dem Süden verbunden. So auch Josef Escher. Als ich ihn beim Abschied frage, was ihm an seinem Dorf am besten gefällt, sagt er: «Die Nähe zum Süden.» Jede Woche fahre er nach Domodossola einen Kaffee trinken, Freunde besuchen oder die italienische Regionalzeitung lesen. Mit einem Mal bin ich nicht mehr sicher, ob ich mit dem nächsten Postauto zurück nach Brig fahren soll. Oder doch nach Domodossola? Ich steige in den Bus Richtung Landesgrenze. In Vorfreude auf einen Teller Tagliatelle mit Steinpilzen – und einen Espresso auf der Piazza Mercato, mitten in der Altstadt von Domodossola.