Zwischen Turgi, Windisch und Brugg vereinen sich die Flüsse Aare, Limmat und Reuss und haben das Wasserschloss der Schweiz geschaffen – eine Oase der Stille mitten in einem dicht besiedelten Teil des Kantons Aargau.

Das Wasserschloss


Anreise
Ab Bhf. Brugg über den Mühlimattsteg zum Auschachen. Ab Bhf. Turgi der Aare nach zur Vogelsanger Brücke. www.sbb.ch

Parkplätze
An den Bahnhöfen, bei der Vogelsanger Brücke sowie bei der Sportanlage Brugg.

Auskünfte
Info Region Brugg, Bahnhofplatz 11, 5200 Brugg
www.bruggregio.ch www.aargautourismus.ch 

Allgemeines: 
Zwischen Brugg, Turgi und Windisch liegt das Wasserschloss der Schweiz, das Kernstück des Auenschutzparks Aargau. Dort fliessen die Flüsse Aare, Reuss und Limmat zusammen und haben, dank den Renaturierungsbemühungen des Kantons, eine einzigartige Flusslandschaft mit ausgedehnten Auenwäldern, Kies- und Sandbänken, sich stetig wandelnde Uferpartien sowie Weiher und Froschteiche geschaffen. Dieses 172 Hektaren grosse Gebiet, ausgezeichnet als «Aue und Landschaft von nationaler Bedeutung», bietet nicht nur Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere, es ist auch gut erschlossen mit Wander- und Radwegen, es gibt etwa einen Brücken-, einen ­Industrie- sowie einen Panoramaweg, und angeboten werden auch geführte Touren. Wer das abwechslungsreiche ­Gebiet in Ruhe geniessen möchte, tut dies am besten im Frühling und Spätherbst unter der Woche, im Sommer locken Badestellen und Picknickplätze Besucher zuhauf ins Wasserschloss. 

Nur die alte Weide am Ende der Limmat steht still und stumm, um sie herum ist ein Raunen und Wispern, ein Glucksen und Plätschern und alles im Fluss. Es sind die Wasser von Aare und Limmat, die sich hier vereinen und einander von ihrer langen Reise erzählen, derweil der mächtige Baum auf der umspülten Kiesbank aufmerksam zuhört, hin und wieder seine Blätter rascheln und die prächtige Krone in der Morgensonne golden glänzen lässt. Die beiden Enten, die es sich auf der Kiesbank gemütlich ­gemacht haben und dem Tag entspannt ­entgegenblinzeln, interessieren sich nicht gross für die Geschichten der Wasser, sie haben sie schon tausendmal gehört und geben sich der morgendlichen Pflege ihres Gefieders hin. Ich hingegen lausche den Flüssen und ihren Erzählungen und geniesse die heitere Ruhe, die an diesem Morgen über dem Limmatspitz liegt. 

Frühlingserwachen im Froschteich

«Wasserschloss der Schweiz» wird dieses Gebiet zwischen Brugg, Turgi und Gebenstorf genannt, ein stimmiger Name für diesen urtümlich wirkenden Landstrich zwischen den Wassern von Reuss, Limmat und Aare. Man fühlt sich gut aufgehoben hier, und nicht nur für Flaneure, Wanderer und Müssiggänger, auch für Biber und Eisvögel, Weiden und Schwarzpappeln ist das 172 Hektaren grosse Auenschutz­gebiet gleichermassen Rückzugsort wie Wohlfühloase. 

Es ist noch früh am Tag und empfindlich kühl. Die Rapsfelder beim Limmatspitz zeigen sich blass und unausgeschlafen, doch bald werden sie in glühendem Gelb unter strahlend blauem Himmel ­jubilieren und die weiss geschönten Industriegebäude in ihrem Hintergrund leuchtend kontrastieren. 

Ich sitze auf einem Stein, lausche den Wassern und schaue zu, wie der Tag über dem Limmatspitz erwacht.

Hin und wieder bricht ein Vogelschrei durch die Stille. Enten quaken. Am Aarestrand spielt ein Mann mit seinen Hunden. Ein Schwan lässt sich vor dem bewaldeten Ufer in der Strömung treiben. Im seichten Wasser hinter ihm liegt Totholz, und vor dem dichten Unterholz am gegenüberliegenden Ufer meine ich, einen Biberbau ausmachen zu können. Hoch über mir zieht ein Greifvogel seine Kreise, kein Aar, ein Milan bloss, aber auch der macht sich gut als Bannerträger dieses Wasserschlosses. Ich mache mich auf, schlendere über die Weide, wo sommers über Wasserbüffel oder Hochlandrinder weiden. Träge blinzelt die Sonne durch das Blattwerk der Bäume, die das Ufer des schmalen Limmatarms säumen. Die Schwanenfederbrücke, die sich über den Kanal spannt, liegt noch im Schatten, einzig die namengebende Metallfeder auf dem Brückenkopf gleisst im Sonnenlicht. Ich überquere den Kanal, blicke von der Brücke in die Dämmerwelt am Wasser und schaue den Enten beim Wellenschlagen zu. 

Ein verwachsener, umgefallener Baumstamm am Ufer eines Flusses.
Fenster zum Wasser: Vom Urwald der Altholzinsel geht der Blick auf Reuss und Aare.
Gelbe Blumen am Fuss eines Baumes.
Gelbes Windröschen: Im Auschachen bricht der Lenz sich mit bunten Blüten Bahn.
Ein Fluss schlängelt sich durch Bäume und Büsche.
Ein Hauch von Amazonas: Beim Geissenschachen zeigt der Auenwald sich wild.

Auf der andern Kanalseite quakts und bellts und knurrts aus dicht mit Schilf umstandenen Weihern – das Froschkonzert zur Laichzeit, die dissonante Tonspur zum Frühlingserwachen im Amphibienteich. Kaum habe ich mich den Gewässern genähert, verstummen die Sänger und überlassen Bühne und Raum den Amseln und Finken, deren Rufe und Lieder nun durch den Morgen hallen. 

In den Wiesen treibt der Löwenzahn seine knallgelben Blüten, malt bunte Flecken in sattes Grün, in der Ferne versperrt der Uferwald die Sicht auf die dem Limmatspitz vorgelagerte und für Besucher gesperrte Stroppelinsel. Nicht wenige der Bäume am Fluss zeigen frische Spuren hungriger Biber, und am gegenüberliegenden Limmatufer zeugen die weiss getünchten Wände einer einstigen Fabrik von jenen frühen Tagen, als die Textilindustrie Hochkonjunktur hatte. Diese Zeit ist längst verdämmert und das Klappern der Webstühle verstummt. Gutes Tuch wird seit langem nicht mehr an mittelländischen Flussufern gewoben, die Welt von heute hängt an anderem Garn.

Ich schlendere über die Vogelsanger Brücke, lasse in deren Mitte den Blick mit der Aare flussabwärts treiben, streife den Uferwald, bestaune den vor Jahren ausgebaggerten, heute dicht umwachsenen Nebenarm der Aare und verstehe, weshalb diese Gegend bisweilen als «Amazonas der Schweiz» bezeichnet wird. 

Nach der Brücke quere ich die Strasse und schlage mich in den lichten Wald des Auschachen.

Auch wenn der Tag schon gegen Mittag geht und sich frühlingshaft mild gibt, ist es ruhig im Wald. Kaum Betrieb. Eine Dame mit Hündchen, ein Jogger, ein Eichhörnchen, das einen Baum hinaufhuscht, kurz innehält und im Geäst verschwindet. Ich blicke dem Tierchen nach, wie es den mit Efeu umrankten Stamm hinaufhuscht, lasse den Blick über das Gewimmel der Bäume schweifen, Erlen, Weiden, auch Schwarzpappeln, und sehe, wie zwischen ihren Blättern immer wieder das Himmelsblau bis fast zum Waldboden lappt. Der Duft von Bärlauch steigt mir in die Nase, vermengt sich mit jenem von modrigem Waldboden und frisch ­geschlagenem Holz, und der Wald hängt voller Vogelstimmen. «Es ist schon so: Der Frühling kommt in Gang. Die Bäume räkeln sich, die Fenster staunen, die Luft ist weich, als wäre sie aus Daunen. Und alles andere ist nicht von Belang.» Wie könnte man den Frühling besser fassen als mit den Worten Erich Kästners?

Der Weg im Wald führt entlang der Aare, gibt immer wieder den Blick frei auf das schnell fliessende Wasser, auf sandige Buchten und Kiesstrände, derweil auf der flussabgelegenen Seite Urwald wuchert.

Hübsche Holzbrücken führen über den Aare-Seitenarm, und eine wuchtige Industriebrücke verbindet den Auschachen mit Mattenschachen und Reuss-Spitz.

Ein Fluss, an dessen Ufer stehen Bäume und Büsche.
Rückzugsort: Im Auenwald beim Limmatspitz finden Biber und Wasservögel Unterschlupf.
Ein Feld, das von der aufgehenden Sonne beleuchtet wird.
Der Tag erwacht: Erste Sonnenstrahlen bringen Farbe in das Rapsfeld.

Ein Fluss, an dessen Ufer steht ein altes Fabrikgebäude.
Neu genutzt: Die Zeugen der einstigen Textilindustrie zeigen sich heute in frischem Kleid.

Fenster in die Vergangenheit

Dort, am Ende der Halbinsel, bei der sich selbst überlassenen Altholzinsel gegenüber Windisch, mündet die Reuss in die Aare, fliesst erst unter einer der ältesten Eisenbahnbrücken der Schweiz hindurch, windet sich dann um einige von Vögeln besetzte Sand- und Kiesbänke, bevor sie sich zögerlich, aber endgültig mit der Aare vereint. Beim Picknickplatz nahe der ­Brücke informiert eine Tafel über das Wasserschloss und deren Bedeutung, dar­unter auch über die militärische Nutzung des Gebietes, das zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zu einer eindrücklichen Abwehrstellung ausgebaut wurde. General Guisan, kann man lesen, gab damals den Befehl, die Stellung um jeden Preis zu halten und, auch wenn von dem von Norden einbrechenden Feind vollständig umzingelt, Widerstand «bis zur letzten Patrone» zu leisten.

Diese grimmige Weisung musste nie befolgt werden, und heute nutzt das Militär den Au- und Geissenschachen moderat als Ausbildungsorte und sorgt dafür, dass Laubfrösche und Lurche im Auschachen ihre Laichplätze haben. Martialisch ging es hier allerdings schon wesentlich früher zu. Schon die Habsburger nutzten das strategisch bedeutende Mündungs­gebiet der drei schiffbaren Flüsse beim heutigen Windisch. Und bereits einige Jahre vor Christi Geburt errichteten römische Legionäre des Kaisers Augustus zwischen Aare und Reuss erst einen militä­rischen Stützpunkt, dann ein grosses Legionslager samt Uferbefestigungen und Hafen. Zeitweise sollen sich hier bis zu 6000 Legionäre auf ihre Einsätze vorbereitet und die Verkehrswege nach Süden gesichert haben. Im Jahre 101 war mehr oder weniger Schluss mit der römischen Dominanz. Kaiser Trajan schickte die in Vin­donissa stationierte 11. Legion in den ­Donauraum, das Leben spielte sich fortan in der zivilen Siedlung neben dem Stützpunkt ab.

Im archäologischen Museum Vindonissa von Windisch wird die Geschichte der römischen Legionen erzählt und die Vergangenheit lebendig. 

Ein letzter Blick durch den Blätterwald der Altholzinsel auf Aare und Reuss, dann gehts zurück über die grosse Brücke. Beim Strängli, wo ein weiterer Seitenarm in die Aare mündet, steige ich zum Wasser hinunter. Das Bett im Nebenfluss ist steinig, der Fluss bloss ein schwaches Gerinnsel – zu trocken waren Winter und Frühling, als dass die Aare viel von ihrem Wasser durch ihren Ableger strömen liesse. Man könnte den gegenüberliegenden Geissenschachen fast trockenen Fusses erreichen. 

Ein Strauch mit weissen Blüten.
Traubenkirsche: Im Rüssschachen zeigt der Frühling sich bisweilen ganz in Weiss.

Ein Hauch von Amazonas

Ich bleibe lieber auf dem Geröll stehen, lausche etwas den Vögeln und der Stille, während mein Blick sich im Dämmerschatten über dem Wasserlauf flussaufwärts richtet und sich unter dem Blätterdach des beidseitig dichten Uferwaldes zu verlieren droht. Kaum erkennbar zwischen dem Blattgewirr die Holzbrücke, die auf den Geissenschachen führt. Steht man dann auf dem Steg, blickt man auf einen besonders malerischen Teil des Auenwaldes, und wiederum beschleicht einen eine leise Ahnung von Dschungel und von der ungezähmten Wildheit des Amazonas. Und dies mitten in einer der am dichtesten besiedelten Regionen des Kantons Aargau.