Die Wanderung von Wynigen nach Lützelflüh bietet Alpenblick und viele Berührungspunkte mit dem Emmentaler Dichter. Die Route lässt sich ideal mit einem Besuch im Jeremias-Gotthelf-Zentrum verbinden.

Das Wichtigste im Überblick

Anreise: 
Wynigen liegt an der alten Bahnstrecke Olten–Bern und wird von deren Interregiozügen bedient. 
www.sbb.ch

Route:

Wynigen Bahnhof – Dorf – Schwanden-Diebstu – Lueg – Denkmal – Junkholz – Affoltern – Büelfeld – Oberhege – Schufelbüelegg – Ellenberg – Lützelflüh-Dorf – Lützelflüh – Goldbach-Bahnhof. 

 
Dauer:
5¼ Stunden. 530 Meter aufwärts, 470 Meter abwärts. 


Wanderkarte:
233 T «Solothurn» und 234 T «Willisau». 


Verpflegung:
Landgasthof Lueg, Luegstrasse 535, 3413 Kaltacker, Tel. +41 (0)34 435 18 81
www.lueg.ch
Auch in Wynigen, Affoltern und Lützelflüh kann man einkehren. 

Wynigen, ich steige aus dem Zug und kehre als Erstes gleich ein; gegenüber dem Bahnhof nehme ich beim Bäcker Meier einen Kaffee und einen Nussgipfel. Dann der eigentliche Wanderstart. Auf dem Gang ins und durchs Dorf erfreuen mich habliche Häuser. Das Feuerwehrdepot ist schnuckeliges Altertum der Moderne. Und die Kirche, die Romanik, Spätgotik und Barock kombiniert, ist ein Stück Literaturgeschichte. In ihr wurde 1833 Jeremias Gotthelf mit Henriette Zeender getraut; die beiden hatten dann drei Kinder.

Ich biege rechts ab, es geht aufwärts und an ein paar Einfamilienhäusern vorbei aus dem Ort. Bald ist das Szenario vollends ländlich: Wiesen, Wald und Bauernhäuser wie aus einem Bildband, Herrlichkeit in Holz. Im Folgenden gewinne ich an Höhe, erkenne im Rückblick den Riegel des Weissensteins, komme schliesslich zu einer Strasse und einem Flurpunkt namens «Diebstu». Gab es hier einen Diebstahl? Und wer war der Dieb?

Ein Mann ist gerade daran, sein Alphorn auszupacken.

Der Landgasthof Lueg erweist sich als Etablissement gediegener Gastronomie; auf dem Parkplatz steht ein Jaguar. Ich bin nicht hungrig, habe zudem ein Sandwich dabei und zottle weiter. Eine Viertelstunde darauf bin ich auf der Lueg, wo man tut, was ihr Name propagiert: «luege». In die Landschaft schauen, von der einem dieser Hoger reichlich serviert. Das Emmental liegt mir zu Füssen. Vor mir aber ragt ein trutziges Denkmal auf, das an die Berner Kavalleristen gemahnt, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs an der Spanischen Grippe starben. Ein Mann im Kühermutz – schwarzer Samt mit roten Borten – ist gerade daran, sein Alphorn auszupacken.

In der Mitte steht der Wehrturm und ein kleiner Eingang des Schlosses Burgdorf
Schloss Burgdorf aus dem 11. Jahrhundert.
Kindern wird vor einem grossen Kupfertopf die Käse Herstellung näher gebracht.
Die Schaukäserei von Affoltern.

Erinnerungen überkommen mich. In den frühen 90er-Jahren war ich Journalist in Bern. An schönen Sommertagen beeilten wir uns auf der Redaktion sehr, mit der Arbeit so gegen 18 Uhr fertig zu sein. Ein oder zwei Leute eilten in den nächsten Laden, kauften Würste, Pommes Chips, Rotwein, Bier. Und dann rasten wir, zu fünft, sechst, siebt, im Auto von Kollege «Sobi» Sollberger auf die Lueg, wo wir grillierten, tranken und den Namen jenes Redaktionsfotografen in die Nacht brüllten, von dem wir wussten, dass er irgendwo unter der Lueg wohnte. Das war nicht böse gemeint oder blöd oder aggressiv, sondern spassig. Ob der Kollege uns je gehört hat? Keine Ahnung.

Ich zog weiter und erreichte bald Affoltern. Hier hätte ich wieder einkehren können, doch eben, da war mein Sandwich. Ich rastete bei der Schaukäserei, ass – und schon zog es mich wieder fort.

Lange wanderte ich hernach auf einem schönen Hochplateau, hatte Alpenblick, genoss das sehr und erblickte immer wieder mal einen Bauern beim Mosten. Dann der Abstieg nach Lützelflüh. Dort traf ich wieder auf Jeremias Gotthelf, der also diese Wanderung sozusagen rahmt. Bei der Kirche liegt er begraben, der eigentlich Albert Bitzius hiess und in der Gemeinde 22 Jahre lang Pfarrer war.

Lange wanderte ich hernach auf einem schönen Hochplateau.

Wen die gewaltige Dichtergestalt interessiert, der muss, bevor er zum nahen Bahnhof zieht, das Jeremias-Gotthelf-Zentrum besuchen. Das vor einiger Zeit eröffnete Museum, im Pfarrhaus neben der Kirche untergebracht: eine Einrichtung frischen Geistes. Nicht als Retrofigur im Emmentaler Agraruniversum zeigt sie Gotthelf, sondern als hellwache Figur, die schreibend erfasste, wie die Industrialisierung diese Bauernwelt veränderte. Doch, ich empfehle den Besuch!

Apropos Emmental

Wieso nicht nebenstehende Wanderung ein wenig gemütlicher betreiben, in Affoltern die Schaukäserei besuchen, in Lützelflüh etwas mehr Zeit für Gotthelf aufwenden und gar dort übernachten? Am nächsten Tag hat man alle Möglichkeiten. Wir ziehen zum Beispiel rechtsseitig an der Emme flussaufwärts nach Burgdorf. Das dauert gute 2 Stunden. Über die zurückgelegte Distanz geben die Kilometersteine am Weg Aufschluss; ihren Nullpunkt haben sie an der Kantonsgrenze zu Solothurn bei Gerlafingen.

Nach der Visite ist der Abstieg durch die wohlgeordnete Altstadt ein Vergnügen.

Schliesslich Burgdorf. Der Name ist grundfalsch. Burgdorf hat keine Burg, sondern ein Schloss. Und Burgdorf ist kein Dorf, sondern eine Stadt. Aber jedenfalls ist der Ort, auf Berndeutsch «Burtlef», ein Spektakel. Das beginnt mit dem atemberaubend auf einer Sandsteinklippe gelegenen Schloss, einem der schönsten der Schweiz. Nach der Visite ist der Abstieg durch die wohlgeordnete Altstadt ein Vergnügen.

Einen Besuch wert ist auch das Museum Franz Gertsch, das die Arbeiten des namensgebenden Malers plus Sonderausstellungen zeigt. Fast möchte man auch noch den Besuch des Kornhauses anregen, eines Museums für Volkskultur. Bloss ist es vor einigen Jahren eingegangen. In dem Kornspeicher aus dem Ancien Régime wird heute Bier gebraut.